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Regisseurin mit Talent

DER KAISER VON ATLANTIS
(Viktor Ullmann)

Besuch am
27. September 2020
(Premiere am 19. September 2020)

 

Deutsche Oper am Rhein, Oper Düsseldorf

Nur zwei Jahre nach Köln und Bonn nimmt sich auch die Deutsche Oper am Rhein Viktor Ullmanns Oper Der Kaiser von Atlantis an. Wenn auch gezwun­ge­ner­maßen unter dem Druck der derzei­tigen Auffüh­rungs­be­schrän­kungen. Bei jeder Produktion des knapp gebauten Werks stellt sich die Frage, ob nicht die Entste­hungs­ge­schichte spekta­ku­lärer ist als seine musika­lische Qualität. Aller­dings wäre es zynisch, dem Kompo­nisten vorzu­werfen, dass ihm unter den gegebenen „Arbeits­be­din­gungen“ kein epochales Werk gelungen ist. Denn entstanden ist das Werk 194344 in There­si­en­stadt, einem Vorzeige-Ghetto mit einer schein­baren Selbst­ver­waltung der jüdischen „Einwohner“ und künst­le­ri­schen Freiheiten, mit denen die Nazis propa­gan­dis­tisch ein geschöntes Bild der KZ-Wirklichkeit nach außen tragen wollten. Ein Vernich­tungs­lager war das nahe Prag gelegene Konzen­tra­ti­ons­lager in der Tat nicht, letztlich aber eine Durch­gangs­station, der schließlich auch Ullmann und sein Librettist Peter Kien wenig später in Auschwitz zum Opfer gefallen sind.

Aufge­führt werden durfte die Freiheits-Allegorie 1944 in There­si­en­stadt ohnehin nicht. Es sind nur Proben dokumen­tiert, am Entste­hungsort hat man es erst 51 Jahre später auf die Bühne bringen können.

Foto © Hans Jörg Michel

Es ist eine finstere Anti-Kriegs-Parabel, eine Mischung aus Totentanz, Satire und barockem Welttheater, in der sich der Tod weigert, den letzten Rest seiner Würde aufzu­geben und sich weiterhin auf den Schlacht­feldern sinnloser Kriege als Handlanger macht­be­ses­sener Tyrannen vorführen zu lassen. Kaiser Overall ist dadurch gezwungen, einen Krieg zu führen, in dem niemand stirbt. Ohne den Tod als einschüch­ternden Kumpanen verliert der Kaiser jedoch nicht nur seine Autorität, sondern auch die Basis seiner Herrschaft. Am Ende kapitu­liert er und kommt der Forderung des Todes nach, die Menschen wieder sterben zu lassen, wenn er sich als erstes Opfer zur Verfügung stellt. Im Schluss­choral heißt es: „Du sollst den großen Namen Tod nicht eitel beschwören!“

Es ist ein bizarres Szenario, das Ullmann und Kien hier in Anspielung an die menschen­ver­ach­tende Absur­dität des Nazi-Regimes entwerfen. In schrillen Bildern mit Figuren und Allegorien aus Mittel­alter und Barock, einer zynischen Harlekins-Figur, der das Lachen vergeht, fanati­schen Einpeit­schern und ahnungs- und orien­tie­rungs­losen Opfern.

Ullmann stand in There­si­en­stadt ein Orchester von etwa 15 Musikern zur Verfügung, das mit Instru­menten wie Alt-Saxofon, Trompete, Banjo, Gitarre und Harmonium jenen prägnanten Klang anstimmen konnte, den man von Kurt Weill und Ernst Křenek kannte und der einen bunten Stilmix aus Jazz-Elementen, Anleihen an Tanzhaus-Musiken, aber auch Chorälen und Anspie­lungen an die tradi­tio­nelle Oper erlaubt.

Anders als in den rheini­schen Nachbar­städten präsen­tiert die Düssel­dorfer Oper das Werk nicht als Kammer­stück, sondern stellt es auf die große Bühne, wodurch die visionäre Kraft der düsteren Vision erheblich eindring­licher zum Ausdruck kommt. Zumal die hochbe­gabte junge Regis­seurin Ilaria Lanzino mit feinen, immer werknahen theatra­li­schen Elementen arbeitet und auf einen aufdring­lichen morali­schen Zeige­finger verzichtet. Damit entwi­ckelt sie ein spannendes Drama ohne den oft spröden Beigeschmack der meisten Insze­nie­rungen. Hilfreich ist das ebenso einfache wie effekt­volle Bühnenbild von Emine Güner, ein raumgrei­fendes, flexibel wandel­bares Geflecht von Seilen und Schnüren, in dem die Figuren wie in einem Spinnennetz agieren oder sich wie von Mario­net­ten­fäden gesteuert bewegen. Und die große Bühne nutzt die Regis­seurin für ihre präzise Perso­nen­führung geschickt aus, so dass sich in keinem Takt ein Anflug von Lange­weile einstellt.

Dazu trägt auch die vitale und stilis­tisch flexible Begleitung durch die Düssel­dorfer Sympho­niker bei. Und zwar unter der Leitung von General­mu­sik­di­rektor Axel Kober, der diese Produktion zur Chefsache erklärte. Und nach der kultu­rellen Dürre sind auch erstklassige Solisten für diese kleine, aber feine Produktion am Werk. So Emmett O’Hanlon als äußerst präsent auftre­tender Kaiser von Atlantis, David Fischer als Harlekin mit einer scharfen Charak­te­ri­sierung der hinter­grün­digen Figur, niemand Geringere als Sergej Khomov und Anke Krabbe als Solda­ten­pärchen sowie die kraftvoll auftre­tende Kimberley Boettger-Soller als Trommler. Nicht ganz so pointiert singt Luke Stoker die Partie des Todes.

Insgesamt erfährt das Werk eine beacht­liche Aufwertung und lässt Quali­täten erkennen, die man angesichts der oft stief­müt­terlich morali­sie­renden Produk­tionen kaum vermutet.

Pedro Obiera

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