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Foto © Sandra Then

Revolution am Kochtopf

MASEL TOV! WIR GRATULIEREN!
(Mieczysłav Weinberg)

Besuch am
29. Oktober 2020
(Premiere)

 

Deutsche Oper am Rhein, Opernhaus Düsseldorf

Masel Tov! Zu Deutsch: „Wir gratu­lieren!“ Der Titel der gleich­na­migen Oper von Mieczysłav Weinberg, deren Premiere an der Deutschen Oper am Rhein noch knapp dem kultu­rellen Lockdown entschlüpfen konnte, dürfte Intendant Christoph Meyer wie Hohn in den Ohren klingen. Drei für den November vorge­sehene Premieren müssen auf den Dezember verschoben werden und auch für die nächsten Auffüh­rungen der Weinberg-Oper müssen sich die Besucher bis zum Advents-Monat begnügen.

Die ironisch-melan­cho­lische Stimmung von Weinbergs 1985 in Moskau urauf­ge­führter Oper passt gar nicht so schlecht zur Situation der Kultur­land­schaft, die massiv am Wieder­auf­schwung behindert, aber dennoch, mit gebotener Zuver­sicht, überleben wird. Dabei spricht Weinberg, der mit seiner Oper Die Passa­gierin, unter anderem auch in Gelsen­kirchen, eine späte Anerkennung im Westen gefunden hat, pointiert den Ur-Traum der Menschen, und zwar aller Menschen, an: den Traum von einem glück­lichen Leben. In dem der Oper zugrun­de­lie­genden Theater­stück von Scholem Alejchem, dem wir auch den Stoff zum Musical Anatevka verdanken, sind es drei Dienst­boten und ein vom Pech verfolgter Buchhändler, die im Unter­ge­schoss der sozialen Hierarchie träumen, lieben, klagen, lachen und über die hochge­stellte „Madame“ lästern. Die Madame lässt die Verlo­bungs­feier ihrer Tochter vom pausenlos schuf­tenden Personal vorbe­reiten. Sie thront unsichtbar über der Küche, dem zentralen Spielort, und lässt nur ab und zu Schimpf­ti­raden über die Faulheit des Gesindes ertönen. In der Wortwahl prole­ten­hafter als der einfachste Prole­tarier. Am Ende erscheint die Hausherrin doch noch, fällt aller­dings dem Festmahl zum Opfer, das Personal tanzt auf den Tischen und feiert eine Doppel­ver­lobung. „Wir gratulieren!“

Foto © Sandra Then

Es ist eine feinsinnige Replik auf den Klassen­kampf und soziale Umwäl­zungen im Umfeld der russi­schen Revolution und deren Folgen. Versteckt in das Milieu einer herrschaft­lichen Küche, ohne propa­gan­dis­ti­sches Pathos auf das fokus­siert, was die Menschen bewegt: die Suche nach dem persön­lichen Glück.

Regisseur Philipp Wester­barkei strebt in der realis­ti­schen Küchen­land­schaft von Heike Scheel auch keine Paral­lelen zur sozia­lis­ti­schen Revolution an, sondern konzen­triert sich auf die mensch­lichen Züge des Stücks. Und das gelingt ihm mit einer genauen Charak­te­ri­sierung der Figuren und einer präzisen Perso­nen­führung. Sie alle erhalten ein scharf gezeich­netes Profil: Die frustrierte, verwitwete Köchin Bejlja, das naiv-anmutige Dienst­mädchen Fradl, der Dauer-Loser Reb Alter mit seinem fliegenden Buchladen und der etwas großspurige Diener Chaim. In der Regie Wester­barkeis schaukelt sich das Quartett in seiner Sehnsucht nach Glück­se­ligkeit und in seinem Hass auf die Obrigkeit soweit hoch, dass am Ende die Revolution am Küchenherd ausbricht. Wobei die im Minutentakt schroff wechselnden Stimmungs­lagen den Sängern große Flexi­bi­lität abverlangen.

Natürlich auch den Musikern der Düssel­dorfer Sympho­niker in der von Henry Koch 2012 erstellten Orches­ter­version. Angesichts der engen Freund­schaft Weinbergs mit Dmitri Schost­a­ko­witsch verwundert es nicht, dass das Werk in seiner stilis­tisch zersplit­terten, inhaltlich skurrilen Textur Ähnlich­keiten mit Schost­a­ko­witschs Gogol-Oper Die Nase aufweist. Aller­dings bleibt Weinberg seiner eigenen, der jüdischen Musik eng verbun­denen Tonsprache treu, die auch in den vitalen Teilen stets einen melan­cho­li­schen Hauch spüren lässt. Eine gewisse Abschieds­stimmung stellt sich ein, die Tschechow näher­steht als Gogol.

Kapell­meister Ralf Lange unter­streicht den zarten Trauerflor der Musik und entfaltet einen volumi­nösen, weichen Klang, auch wenn an vielen Stellen ein trocke­neres Klangbild und eine forschere Gangart angebracht wären. Damit bietet er jedoch dem exzel­lenten Gesangs­en­semble eine solide Basis. Vokal sind Spitzen­leis­tungen zu hören: Von Lavinia Dames als Fradl mit ihrem glocken­hellen lupen­reinen Sopran, Kimberley Boettger-Soller als Köchin mit einer reich schat­tierten Charak­te­ri­sierung der anspruchs­vollen Rolle, Jorge Espino als Chaim mit seinem kulti­vierten Bariton und natürlich von Norbert Ernst, der dem armen Buchhändler ein scharf gezeich­netes Profil verleiht. Die hyste­ri­schen Schimpf­ti­raden der Madame sind bei Sylvia Hamvasi bestens aufgehoben.

Viel Beifall, bevor sich der Vorhang für einen Monat schließen wird.

Pedro Obiera

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