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Das Leid Azucenas

IL TROVATORE
(Giuseppe Verdi)

Gesehen am
6. Dezember 2020
(Premiere)

 

Oper Leipzig

Nachdem Anfang Januar in Leipzig die Premiere von Wagners Lohengrin noch in einer gekürzten Fassung und vor ganz wenigen Zuschauern statt­finden konnte, bevor der Lockdown abermals die Theater schloss, betritt die Oper Leipzig mit der Premiere von Verdis Il Trovatore wieder Neuland. Da kein Publikum mehr zugelassen ist, wird die Premiere als Livestream übertragen. Ursprünglich war diese Premiere analog zum Lohengrin als gekürzte Fassung ohne Pause, aber mit Publikum konzi­piert. Nun geht diese reduzierte Version ohne Publikum online, mit einem Wechselbad der Gefühle. Rache und Eifer­sucht – das sind die treibenden Kräfte in diesem „dramma lirico“ von Giuseppe Verdi. Da mutet es fast unheimlich an, dass der Librettist Salvadore Cammarano vor Vollendung des Trouba­dours plötzlich verstarb. Leone Emmanuele Bardare vollendete das Libretto. Verdi kompo­nierte zu dem Libretto ebenso düstere wie mitrei­ßende Musik. Mit vokalen Glanz­punkten und großen Tableaux schuf er dabei reizvolle Kontraste in der Finsternis. Neben Il Trovatore, der am 19. Januar 1853 in Rom urauf­ge­führt wurde, gehören seine erfolg­reichen Werken Rigoletto von 1851 und La traviata, ebenfalls 1853 urauf­ge­führt, zu Verdis sogenannter trilogia popolare. Die Handlung spielt in Biscaya und Aragonien zu Beginn des 15. Jahrhun­derts, kurz vor dem Ende des spani­schen Bürger­krieges 1413.

Zum Verständnis der Oper ist die Kenntnis der Vorge­schichte der Handlung wichtig. Der alte Graf von Aragón hatte zwei Söhne, Luna und Garcia. Garcia ist – wie Azucena erst am Ende der Oper enthüllt – niemand anders als Manrico. Garcia wurde als Kleinkind angeblich von einer Zigeu­nerin mit einem Zauber belegt, die deswegen auf dem Schei­ter­haufen verbrannt wurde.

Foto © Kirsten Nijhof

Aus Rache raubte deren Tochter, Azucena, den jungen Garcia, um ihn ihrer­seits zu verbrennen; in einem Anflug von Irrsinn verbrannte sie verse­hentlich aber ihren eigenen Sohn und behielt Garcia bei sich, den sie unter dem Namen Manrico aufzieht. Die eigent­liche Handlung ist trotz des verwor­renen Librettos deutlich. Graf Luna und Manrico, die Brüder, die von ihrer gemein­samen Herkunft nichts wissen, sind Totfeinde und lieben dieselbe Frau: Leonora. George Bernard Shaw hat die Konstel­lation einmal sehr trocken kommen­tiert: „Opera is when a tenor and a soprano want to make love and are prevented from doing so by a baritone“.

Im Mittel­punkt des Dramas aber steht die schmerz­ge­pei­nigte und trauma­ti­sierte Acuzena, die als Kind miter­leben musste, wie ihre Mutter, eine Zigeu­nerin, durch den Vater des Grafen Luna wegen angeb­licher Hexerei verbrannt wurde. Das trauma­tische Erlebnis als Kind und ihre Rache, den Sohn des Grafen von Aragón zu verbrennen und dabei im Wahn ihr eigenes Kind zu töten, das macht die Figur der Azucena zu einer tragi­schen Person, die ihres Lebens nicht mehr froh werden kann. Ihre Stimmung und innere Dramatik ändern sich laufend, das Libretto weist ihr tragische und ergrei­fende Szenen zu. Sie ist liebende Mutter und von Rachsucht zerfressen zugleich.

Leonora glaubt, Manrico sei gestorben und will daraufhin ins Kloster. Manrico eilt ins Kloster und verhindert das Nonnen-Gelübde noch gerade recht­zeitig. Zwischen Manrico, dem als Troubadour verklei­deten General der Aufstän­di­schen, und Luna kommt es zum Duell, in dem Manrico verletzt wird, der aber davon absieht, seinen Kontra­henten zu töten und vorerst noch fliehen kann. Azucena wird gefangen genommen und soll hinge­richtet werden. Manrico versucht vergeblich, Acuzena zu befreien und wird ebenfalls zum Tode verur­teilt. Leonora, die Manrico liebt, versucht vergeblich, sich für Manricos Begna­digung zu opfern. Luna verlangt sie als Preis, am Schluss entzieht sie sich dieser Ernied­rigung durch Gift. Manrico glaubt, dass Leonora ihn mit dem Heirats­ver­sprechen für den Conte betrogen hat, bis er reali­siert, dass sie Gift genommen hat, um ihm treu zu bleiben. In ihrer Sterbe­szene bekräftigt sie noch einmal ihren Willen, lieber zu sterben als einen anderen zu heiraten. Als Luna Manrico hinrichten lässt, offenbart Azucena ihm, dass er seinen eigenen Bruder getötet hat.

Das lyrische Drama wird nun in gekürzter Fassung vom Regisseur Jakob Peters-Messer, der an der Oper Leipzig bereits 2017 mit seinem kafkaesk-düsteren Don Carlo zu überzeugen wusste, in einer an die aktuelle Situation angepassten Version gezeigt.  Peters-Messer zeigt das Psycho­gramm einer trauma­ti­sierten Seele, indem er die Figur der Azucena in den Fokus stellt. Die Vergan­genheit, die sie erleben musste, wird durch Tote und Geister auf der Bühne darge­stellt. Alles spielt zur Nachtzeit, in der die Träume, vor allem die Albträume zu grausamer Realität werden. Das Bühnenbild von Markus Meyer ist ein Hort von alten Möbeln, Kisten, und Säcken als Symbol für die Heimat­lo­sigkeit Azucenas, aber auch des Schei­ter­haufens. Es gibt auch einen offenen Sarg, einen Toten­schädel auf einem Schrein mit Kerzen davor, es ist die surreale Zwischenwelt, in der Azucena lebt. So sieht man ihre tote Mutter und sie selbst als Kind, wenn sie von ihren Visionen heimge­sucht wird. Zwei Jungen in Ritter­kleidung mit Flügeln, die sich bekämpfen, es sind Graf Luna und Manrico als Jungen, aber auch gleich­zeitig die Schutz­engel Leonoras. Leonora träumt das Duell der beiden Brüder als Kinder­spiel und hofft so auf deren Versöhnung. Die übergroße Projektion eines schwarzen Kinder­ge­sichtes und eine verbrannte Puppe in den Armen Azucenas, es sind Symbole für ihre Tat im Wahn. Die Gräberwand, die am Schluss erscheint, steht wohl symbo­lisch für die Welt der Toten, die in die Realität Einzug hält und am Schluss Azucena, Leonora und Manrico mit aufnehmen wird. Die Kostüme von Sven Bindseil sind schwarz, zum Teil sehr festlich wie bei Leonora, nur Azucena ist mit einem roten, feuer­ähn­lichen Sacklei­nengewand als Zigeu­nerin und Ausge­stoßene auch optisch gekenn­zeichnet. Unter­stützt wird das düstere Setting durch die passende Licht­regie von Raoul Brosch.

In der adaptierten und gekürzten Fassung, in der das Gewand­haus­or­chester auf der Bühne steht und die Handlung davor wie ein Kammer­spiel abläuft – da ist kein Platz mehr für den Gewand­hauschor. Die meisten großen Chorszenen und Tableaux sind daher gestrichen, das Werk ist um fast eine Stunde gekürzt, und die Handlung beginnt direkt mit dem vorver­legten Zigeu­nerchor, der von der Seiten­bühne erklingt und für Azucena zur trauma­ti­schen Erinnerung der Mutter an die Verbrennung ihres Sohnes wird. Peters-Messer konzen­triert sich in seiner Perso­nen­regie ganz auf die verschie­denen Bezie­hungs­ebenen der Protago­nisten unter­ein­ander, wobei Azucena immer im Mittel­punkt des Handelns steht. Wenn man sich auf diese adaptierte Fassung einlässt, dann ist das Ergebnis ein psycho­genes Kammer­spiel, an dem es am Ende nur Verlierer gibt.

Foto © Kirsten Nijhof

Musika­lisch und sänge­risch ist das, abgesehen von dem deutlich zusam­men­ge­stri­chenen Chor, aber ganz große Oper, was da in Leipzig abgeliefert wird. Allen voran Marina Pruden­skaya, die mit ihrem warmem, aber in den drama­ti­schen Höhen kraft­vollem und ausdrucks­starkem Mezzo­sopran die Rolle der trauma­ti­sierten Azucena voller Inten­sität singt und spielt. In ihrem Gesichts­aus­druck spiegeln sich ihre Leiden wider, hin- und herge­rissen zwischen Schuld- und Rache­ge­fühlen und der Liebe zu ihrem Ziehsohn. Ihre große Arie Stride la vampa singt sie zu Beginn direkt nach dem Zigeu­nerchor, und sie hält die Spannung hoch bis zum letzten drama­ti­schen Ausbruch, wenn sie ihre Mutter für gerächt hält. Gaston Rivero ist an der Oper Leipzig ein Stammgast für das drama­tische Verdi-Fach. In der Rolle des Manrico kann er seine große sänge­rische und schau­spie­le­rische Klasse unter Beweis stellen. Ob es im emotio­nalen Duett Mal reggendo all’aspro assalto mit Azucena ist oder mit der lyrischen Arie Ah! si, ben mio und der sich anschlie­ßenden berühmten Stretta Di quella pira, Rivero braucht mit seiner lyrisch-drama­ti­schen Tenor­stimme die Vergleiche zu großen Namen nicht zu scheuen. Er hat den Schmelz fürs Belcanto, aber auch den Stahl für die Dramatik. Ein überzeu­gendes Hausdebüt feiert Roberta Mantegna in der Rolle der Leonore. Sie ist mit ihrem lyrischen Sopran, der sowohl das Verträumte und Zarte ausdrücken kann als auch die drama­ti­schen Höhen mühelos bewältigt, für diese Partie eine Ideal­be­setzung. Sehr berührend gesungen ihr Miserere. Dario Solari gibt den Grafen di Luna mit nobler Größe und edlem Bariton. Die Wärme in seiner Stimme verleiht dem Grafen mehr Mensch­lichkeit, als es die Rolle eigentlich hergibt. Insbe­sondere mit seiner großen Arie ll balen del suo sorriso zeigt er großes Gefühl. Das sich anschlie­ßende Zwiege­spräch mit dem Chor Qual suono! ist den Strei­chungen zum Opfer gefallen. Ein Höhepunkt ist dafür das Terzett Di geloso amor sprezzato, in dem Luna und Manrico um Leonora kämpfen. Sandra Maxheimer darf als Ines, der Vertrauten Leonoras, mit ihrem schon leicht drama­ti­schen Mezzo­sopran eine weitere Facette ihres Könnens zeigen. Alvaro Zambrano als Ruiz und Sejong Chang als Ferrando reihen sich auf hohem Niveau in das großartige Sänger­ensemble ein. Der Chor aus dem Hinter­grund ist für die wenigen Einsätze stimmlich gut von Thomas Eitler-de Lint einge­stimmt. Das Gewand­haus­or­chester unter der Leitung von Antonio Fogliani, dem Ersten Gastdi­ri­genten der Deutschen Oper am Rhein, spielt einen zugkräf­tigen und farben­reichen Verdi mit großer Inten­sität und Leiden­schaft. Am Schluss gibt es keinen Jubel, keinen Applaus, auch Szenen­ap­plaus vermisst man ob der großen sänge­ri­schen Darbie­tungen mangels Publikum schmerzlich.

Laut Peters-Messer verträgt das Stück die Kürzungen ganz gut. Das mag aus drama­tur­gi­scher Sicht für die Fokus­sierung auf die handelnden Personen zutreffen, aber aus der musika­li­schen Gesamt­be­trachtung wirkt das Stück, ähnlich wie beim Lohengrin vor fünf Wochen, teilam­pu­tiert und unvoll­kommen. Trotzdem ist es gut, dass überhaupt gespielt wurde. Und so darf die Oper Leipzig bis auf die nicht optimale Bildqua­lität mit ihrer ersten Premiere als Livestream mehr als zufrieden sein.

Andreas H. Hölscher

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