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Bilder ähnlich der gezeigten Aufführung - Foto © Susanne Diesner

Geht doch

MUSIKALISCHER WEIHNACHTSMARKT I
(Diverse Komponisten)

Gesehen am
16. Dezember 2020
(Livestream)

 

Tonhalle Düsseldorf

Wunderbar! In der Vorweih­nachtszeit lädt der größte Konzertsaal der Stadt Künstler der so genannten Freien Szene in sein Haus zu einem mehrtä­gigen Festival. Ein anspruchs­volles Programm verschafft den Musikern neue Zielgruppen und mehr Bekanntheit. Die Bürger lernen die Künstler ihrer Stadt kennen, und der Konzertsaal zeigt sich als „Wohnzimmer der Stadt“. Gibt’s nicht?

Jetzt schon. Man muss es nur finden. Die Düssel­dorfer Tonhalle hat ein viertei­liges Festival aufgelegt, an dem überwiegend Musiker aus der Düssel­dorfer Freien Szene teilnehmen. Warum man das Musika­li­scher Weihnachts­markt I – IV nennen muss, wissen vermutlich nur die Marke­ting­fach­leute. Die finden vermutlich auch die Idee ziemlich lustig, die Gerüche eines Weihnachts­marktes zwanghaft mit der aufzu­füh­renden Musik zu verknüpfen. Manchmal ist es fröhlicher, nein, zielfüh­render, auf krampf­haften Humor zugunsten klarer Aussagen zu verzichten. Und schon die Namen des ersten Abends haben durchaus Zugkraft. Frederike Möller, Salome Amend, Severin von Eckard­stein oder die Indigo Jazz Lounge sind keine Unbekannten, auch wenn die Künstler oft außerhalb ihrer Heimat­stadt die größeren Erfolge feiern.

Die Urauf­führung dieses „Festivals“ muss online statt­finden. Das ist nicht unbedingt von Nachteil. Und das wird Max Lais, der für Regie und Kamera zuständig ist, an diesem Abend beweisen. Die Idee ist so einfach wie genial. Ein Türöffner, Wegbe­gleiter oder Moderator – auch hier sprüht das Marketing wieder vor Fantasie und nennt ihn Tourguide, mon dieu! – nimmt das Publikum mit von Raum zu Raum. In den „Räumen“ halten sich die unter­schied­lichen Musiker auf. Dafür hat man den Schau­spieler Jonathan Schimmer gewinnen können, der ebenfalls in der Freien Szene zuhause ist. Typ Schwie­ger­mutters Liebling, der keine Schwie­rig­keiten hat, ungezwungen vor der Kamera zu agieren. Und neben der Verbreitung guter Laune vermag er auch, die Zuschauer für den Chat zu begeistern. Mit der Euphorie, die er damit auslöst, wird er selbst nicht gerechnet haben.

Frederike Möller – Foto © Susanne Diesner

Den gelun­genen Auftakt absol­viert Frederike Möller, die sich mit ihren ungewöhn­lichen Instru­menten einen Namen gemacht hat. Ihre Leiden­schaft gehört den Toy Pianos. Drei davon hat sie ins Grüne Gewölbe gestellt. Tatsächlich gibt es eine Suite for Toy Piano. John Cage hat sie schon 1948 kompo­niert. Und ehe Möller zum klassi­schen deutschen Reper­toire wechselt, gibt es daraus den Satz Some Speed. Mit Die gute Nacht, die ich Dir sage und Lorelei, die sie eigens für die Minia­tur­in­stru­mente transkri­biert hat, erweist sie Clara Schumann die Ehre. Und Lieb Liebchen, leg’s Händchen erinnert auch gleich noch an Ehemann Robert. Ach ja, und dann war da ja noch die Geschichte mit dem Weihnachts­markt. Also schließt Möller die ungewöhn­lichen Klänge mit Morgen kommt der Weihnachtsmann ab. „Super toll, wir sind begeistert! Und jetzt wissen wir auch, dass Schröder von den Peanuts wirklich Beethoven spielen kann“, langsam werden die Zuschauer auch mit dem Chat warm.

Während sich im Chat der Applaus mehrt, nimmt Schimmer das Publikum mit in die Rotunde, das Foyer der Tonhalle. Dort wartet Salome Amend mit ihrer Snare Drum. Das ist die kleine Trommel, die Schlag­zeuger für die back beats, also den Grund­rhythmus, nutzen. In wenigen Metern wird also die Zeit von der Romantik zur Gegenwart überwunden. Denn Amend hat Asven­turas von Alexej Géras­simez und Swerve von Gene Koshinski ausge­wählt, zwei zeitge­nös­sische Kompo­nisten, die für virtuose, ungewöhn­liche Effekte auf dem kleinen, unschein­baren Instrument sorgen. Auch mit Amend sucht Schimmer das Gespräch. Stellt ihr die Fragen aus dem Chat. Das wirkt alles noch ein bisschen hölzern, aber der Weg stimmt. Und gern greift Amend gleich zu vier Schlegeln, als sie um ein Weihnachtslied gebeten wird. Im eigenen Arran­gement bringt sie Santa Baby zu Gehör, lässt es schön swingen und schafft damit schon einen Ausblick auf das Kommende.

Vorerst aber führt Schimmer das Publikum in den Mendelssohn-Saal. Dort wartet ein entspannter Severin von Eckard­stein am Flügel auf der großen Bühne. Was schon beim Auftritt von Amend auffiel, wird hier besonders deutlich und auch vom Publikum honoriert: Die Kamera­führung wirkt auch mit vergleichs­weise kleinen Mitteln außer­or­dentlich profes­sionell und abwechs­lungs­reich. Da bleibt man gern vor dem Monitor sitzen. Auch wenn es bei Johannes Brahms mit dem Inter­mezzo in A‑Dur bisweilen etwas betulich zugeht. Bei Franz Liszts Chasse Neige, also dem Schnee­pflug, überschlägt sich die Begeis­terung der Chat-Teilnehmer. Und auch, wenn der eine oder andere vermutlich gar nicht mitbe­kommt, dass von Eckard­stein mit Jean Sibelius‘ En Etoi Valtaa, Loistoa – Gib mir keinen Glanz, kein Gold, keine Pracht – eines der belieb­testen finni­schen Weihnachts­lieder inter­pre­tiert: Dass er keine Noten­blätter vor sich liegen hat, um seinen brillanten Vortrag auf die Bühne zu bringen, beein­druckt alle.

Anikó Kanthak – Foto © Susanne Diesner

„So ein Konzert-Setting möchte ich in einem Jahr im Real Life IN DER Tonhalle mit Publikum erleben (Großschreibung im Origi­naltext – Anm. d. Red.)“, fordert ein anderer Zuschauer, während es Schimmer geschafft hat, dass die Menschen die Situa­tionen schildern, in denen sie die Übertragung zuhause erleben. Da gibt es das Paar, das sich an diesem Abend schick angezogen hat und Prosecco trinkt, ebenso wie die Familie, die es sich auch kulina­risch gut gehen lässt. In der Kombi­nation entsteht eine Atmosphäre, die den Abend zu einem Genuss werden lässt. Und dazu trägt auch das letzte Duo des Abends noch einmal ordentlich bei. Eigentlich tritt Indigo Jazz Lounge als vierköpfige Band auf. Aber wenn Sängerin Anikó Kanthak dabei ist, darf es dann auch schon mal das Duo mit Sebastian Gahler sein. Ihr Auftritt offenbart dann auch noch zwei kleine Fehler der „Urauf­führung“: Ein bisschen weniger Gegen­licht­auf­nahme oder andersrum eine ausge­wo­genere Beleuchtung könnte nicht schaden. Und in der Bar einen Tisch heraus­zu­nehmen, um das Duo nicht ganz so hinein­ge­pfercht ausschauen zu lassen, hätte zur Noncha­lance beitragen können. Aber welchen Zuschauer inter­es­siert das jetzt noch? Man glaubt gar nicht, wie viele Möglich­keiten des Applauses es in einem Chat gibt. Kanthak und Gahler am E‑Piano eröffnen mit White Christmas. Ja, da schmelzen nicht nur die Herzen der Jazz-Fans dahin. Free Fallin‘ ist ein Song von Jeff Lynn und Thomas Earl Petty, den auch schon Guns’n’Roses inter­pre­tiert haben.

Zwischen­zeitlich schaltet sich auch Michael Becker, Intendant der Tonhalle, ein. „Okay. Real Life. Nächstes Jahr. Gleicher Ort, gleiche Zeit“, verspricht er schwarz auf weiß. So ist er. Und das Publikum applau­diert. Auch deshalb, weil Kanthak gerade A natural woman von Carole King inter­pre­tiert hat. Schon zu Beginn des Abends wollte ein Besucher wissen, wie man eine Zugabe „erarbeiten“ kann. Als der dritte Song sich dem Ende nähert, erledigt sich die Frage ganz von selbst, denn die Zuschauer bringen ihren Wunsch nach einer Zugabe „lautstark“ zum Ausdruck. Unglaublich, was man da alles anstellen kann. Ein Buchsta­ben­ge­taumel, wie es „lauter“ nicht klingen könnte. Natürlich lassen sich Kanthak und Gahler nicht lange bitten. Valerie war ein Überra­schungs­erfolg der Indie Rock Band The Zutons, später verdiente Amy Winehouse noch einmal richtig Geld damit. Aber auch Kanthaks Version kann neben Winehouse unbedingt bestehen. Zufrieden bedankt Schimmer sich und verab­schiedet sich vom Publikum, das in der Spitze auf YouTube mehr als 230 Personen erreichte. Ein letzter Blick auf die Akteure des Abends, die sich im Foyer versammelt haben, beendet die erste Online-Übertragung, die so ziemlich jede Fernseh-Show der Gegenwart übertroffen haben dürfte, rund anderthalb Stunden dauert und sehr viel Lust darauf macht, sich die nächsten drei Übertra­gungen anzuschauen. Auch hier wartet noch ein buntge­mischtes Programm auf das Publikum – und man darf gespannt sein, welche Räume man noch so in der Tonhalle kennen­lernen kann.

Am Ende des Abends fällt das Fazit positiv aus. Es braucht ein solches Festival unbedingt, nicht nur in Düsseldorf; das hat die Tonhalle gezeigt. Und: Online ist nicht langweilig. Nein, es ist nicht dasselbe wie live, aber es kann eben, weil es anders ist, funktio­nieren. Man muss nicht einmal eine Comedy-Show veran­stalten. Wenn Schimmer in den kommenden Tagen den Quatsch mit den Gerüchen lässt und sich statt­dessen ein bisschen besser auf die Gespräche mit den Musikern vorbe­reitet, kann er noch einmal mehr punkten, als es ihm an diesem Abend gelungen ist. Die Tonhalle hat hier einen ganz großen Abend gezeigt. Kompliment.

Michael S. Zerban

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