O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Liebe ist stärker als der Tod

VIKTORIA UND IHR HUSAR
(Paul Abraham)

Gesehen am
23. Januar 2021
(Premiere am 16. Juni 2016)

 

Gärtner­platz­theater München

Die Operette Viktoria und ihr Husar des ungari­schen Kompo­nisten Paul Abraham ist heute auf der Bühne in Verges­senheit geraten, lediglich ihre Melodien wie Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände oder Meine Mama, kam aus Yokohama finden sich auf vielen Operet­ten­quer­schnitten auf CD. Doch den meisten Liebhabern dieser Musik ist das Schicksal des Kompo­nisten und der Libret­tisten Fritz Löhner-Beda und Alfred Grünwald, die unter anderem auch für Franz Lehár arbei­teten, weniger bekannt. Nach dem großen Erfolg der Urauf­führung in Budapest im Februar 1930 und dem genauso großen Erfolg der deutschen Urauf­führung in Leipzig nur wenige Monate später, konnte dieses Trio mit den Operetten Blume von Hawaii und Ball im Savoy weitere Welterfolge auf die Bühne bringen, die weichen­stellend waren für die Entwicklung des Musicals. Durch seine modernen Kompo­si­tionen, in denen er tradi­tio­nelle Elemente mit jazzigen Rhythmen kombi­nierte, galt Abraham als der Erneuerer und Retter des etwas in die Jahre gekom­menen Genres Operette. Gleich­zeitig steuerte er die Musik zu zahlreichen Filmen aus Produk­tionen in Deutschland und im europäi­schen Ausland bei. Doch mit der Macht­er­greifung der Natio­nal­so­zia­listen 1933 endete diese Ära. Abraham ging zunächst zurück nach Budapest, emigrierte über Kuba in die USA, wo er aber nicht Fuß fassen konnte und aufgrund einer Syphi­lis­er­krankung, die zu einer schweren Psychose führte, über zehn Jahre in einer New Yorker Nerven­heil­an­stalt verbrachte. Verarmt, vergessen, starb Abraham 1960 in Hamburg. Während sein Librettist Grünwald sich in die USA retten konnte, wurde Löhner-Beda 1942 im KZ Auschwitz ermordet. Dieses Schicksal muss man sich immer wieder vor Augen halten, wenn man die Operette Viktoria und ihr Husar genießt, die nur voll ist von fröhlichen und sprit­zigen Melodien, von heiterem und melan­cho­li­schem ungari­schen Kolorit, von Anklängen an japanische Folklore à la Madama Butterfly bis hin zu modernen Jazz-Klängen ameri­ka­ni­scher Prägung.

Foto © Christian Pogo Zach

Die Rahmen­handlung der Operette nimmt etwas von dem Schicksal der Libret­tisten vorweg. Der ungarische Husaren­ritt­meister Stefan Koltay befindet sich nach dem Ersten Weltkrieg und der Oktober­re­vo­lution in einem sibiri­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen­lager und wartet auf seine Hinrichtung. An seiner Seite sein Bursche Janczy, ein ehema­liger Zigeu­ner­primas, dem nur seine geliebte Geige geblieben ist. Und so beginnt die Geschichte düster und grausam mit einer Schein­hin­richtung. Der Lager­kom­mandant Leutnant Petroff, ein Kosak, will Janczys Geige, die der aber nicht hergeben will. Petroff seiner­seits, der faszi­niert zu sein scheint von der Liebe und der Sehnsucht, die Koltay für eine Frau namens Viktoria empfindet, deutet an, die beiden Gefan­genen freizu­lassen, wenn ihre Geschichte ihm zusagen sollte. Und Koltay erzählt von seiner großen Liebe zu Viktoria und erfindet eine Geschichte, wie er sie sich erhofft, wenn ihm wirklich noch die Flucht gelingen sollte.

Und genau an dieser Stelle beginnt die grandiose Insze­nierung von Josef E. Köpplinger, der die Geschichte auf zwei Ebenen verlagert und eine Art Theater im Theater insze­niert. Köpplinger hat auch die Textfassung für seine Insze­nierung geschrieben. Für das Bühnenbild zeigen sich Karl Fehringer und Judith Leikauf verant­wortlich. Im Vorder­grund ist der düstere Lagerraum mit den Kriegs­ge­fan­genen, ein eher verstö­rendes Bild, so untypisch für eine Operette. Quasi auf der Hinter­bühne spielt sich dann die fiktive Geschichte ab, die im Kontrast zu dem grauen und düsteren Lagerraum bunt, exotisch und farbenfroh erscheint. Genauso sind auch die Kostüme von Alfred Mayer­hofer. Grau, dreckig, zerlumpt die Kriegs­ge­fan­genen auf der einen Seite, fröhlich leuchtend, opulent und dem jewei­ligen natio­nalem Kolorit angepasst, farbenfroh und heiter die Protago­nisten in der Geschichte Koltays. Und das ist das Geniale der Insze­nierung, die durchaus etwas augen­zwin­kernd mit den Klischees spielt und dabei an große Filme der Nachkriegszeit erinnert, sei es die melan­cho­lische Nachkriegs­ro­mantik eines Doktor Schiwago, sei es das ungarische Natio­nal­ko­lorit mit Puszta-Seligkeit à la Ich denke oft an Piroschka. Köpplinger springt zwischen den Ebenen hin und her, mal ist es die brutale Realität und Tristesse des Gefan­ge­nen­lagers, mal ist es die ferne Exotik Japans oder die Sehnsucht nach der Heimat Ungarn. Betont wird der ständige Stimmungs­wechsel auch durch eine stets wechselnde und die Szene betonende Licht­regie, die Köpplinger zusammen mit Michael Heidinger konzi­piert hat.

Die Geschichte, die Koltay erzählt, führt zunächst nach Tokio. Dort hat Viktoria, Koltays Verlobte, den ameri­ka­ni­schen Gesandten Cunlight gehei­ratet. Sie hatte die Nachricht erhalten, Koltay sei im Krieg gefallen. In der Botschaft selbst feiert Viktorias Bruder Ferry seine Hochzeit mit der Halbja­pa­nerin O Lia San. Mittler­weile haben die Flüch­tigen Koltay und Janczy die Botschaft erreicht. Während Koltay sich unter fremdem Namen Einlass verschafft, verliebt sich Janczy sofort in Viktorias Bedienstete Riquette. Der Botschafter ahnt noch nichts von der wahren Identität des Husaren­ritt­meisters und seiner Beziehung zu Viktoria.

Foto © Christian Pogo Zach

Und so wird auf der Hinter­bühne ein freuden­volles und farben­frohes Spektakel gefeiert, Chor und Ballett des Gärtner­platz­theater übertreffen sich hier an Spiel­freude und Spielwitz. Drei Tänzer, als Sumo-Ringer ausstaf­fiert, erhalten für ihre Gelen­kigkeit trotz Fatsuit-Kostüm große Anerkennung. Genauso genial die Tanzeinlage von Josef Ellers in der Rolle des Janczy, nur mit einem Handtuch bekleidet, wo man am Bildschirm voller Begeis­terung nur darauf wartet, dass die letzte Hülle fällt. Und je länger Koltay seine farben­frohe Geschichte erzählt, umso länger bleibt er am Leben. Doch der vorder­grün­digen Heiterkeit und Leich­tigkeit folgen Schwermut, Melan­cholie und Traurigkeit. Viktoria erkennt ihren Verlobten Stefan wieder, will aber bei Cunlight bleiben. Und so wird die Geschichte nach St. Petersburg verlagert, wohin der Botschafter versetzt wurde. Petroff, der Lager­kom­mandant, greift nun aktiv in die Geschichte ein und verlangt die Auslie­ferung der beiden Flücht­linge. Koltay selbst stellt sich im Namen der ewigen Liebe, da er keine Zukunft mehr für sich und Viktoria sieht, und wählt scheinbar den sicheren Tod. Doch die Geschichte, die Koltay erzählt, ist an dieser Stelle noch nicht zu Ende. Jetzt erzählt er von seiner Rückkehr in sein ungari­sches Heimatdorf Dorozsma, wo Janczy und Riquette sowie Ferry und O Lia San glücklich verbunden sind. Es ist Weinle­sefest, und der Brauch sieht ein drittes Brautpaar vor. Viktoria möchte Cunlight erneut heiraten, doch dann sieht sie Stefan, ihre alte Liebe flammt wieder auf, und die beiden werden das dritte Brautpaar.  Das wäre das klassische Happyend in der Operette, doch hier endet Koltays Geschichte, und die Realität ist wieder wie zu Beginn der sibirische Lagerraum voller Kriegs­ge­fan­gener. Und es ist der Zeitpunkt der Hinrichtung gekommen, doch Petroff scheint die Geschichte so erweicht zu haben, dass er Koltay und Janczy freilässt, lediglich Janczys Geige verlangt er als Gegen­leistung. Und Regisseur Köpplinger lässt bewusst offen, ob es ein Wieder­sehen mit Viktoria und ein glück­liches Ende für die beiden geben wird.

Mit der im Jahr 2012 wieder­her­ge­stellten Origi­nal­fassung dieser Operette ist dem Gärtner­platz­theater und seinem Regieteam ein großer Coup gelungen. Die Premiere der Insze­nierung war im Juni 2016 während der Umbau­phase des Gärtner­platz­theaters im Münchener Prinz­re­gen­ten­theater, und die Insze­nierung ist jetzt wieder an das Heimathaus zurück­ge­kehrt. Fast alle Sänger und Schau­spieler, die in diesem Livestream zu sehen sind, waren schon bei der Premiere dabei, was für die reduzierten Probe­mög­lich­keiten in diesen Zeiten natürlich von großem Vorteil ist. Alexandra Reinprecht als Gräfin Viktoria überzeugt mit klarem Sopran und sicheren Höhen, während Daniel Prohaska als Husaren­ritt­meister Stefan Koltay nicht nur mit lyrischem Schmelz in der Stimme überzeugt, sondern mit viel Melan­cholie und Gefühl im Spiel. Ihr Duett Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände ist sicher der emotionale Höhepunkt dieser Aufführung. Josef Ellers in der Rolle des Burschen Janczy ist ein absolutes Allround­talent, der singen, tanzen, spielen und sprechen kann, und meistens alles auf einmal. Sein Handtuchtanz ist unübertrefflich.

Erwin Windegger als Botschafter Cunlight besticht durch eine noble Grandezza im Gesang und im Spiel, während Peter Lesiak den Grafen Ferry Hegedüs auf Dorozsma als sympa­thi­schen Hallodri gibt. Julia Sturzlbaum als O Lia San und Katja Reichert als Riquette verleihen mit viel Spielwitz, leichtem und gut verständ­lichem Soubretten-Gesang und zum Teil akroba­ti­schen Tanzein­lagen der Insze­nierung die besondere Note, teils wie ungari­scher Paprika, teils wie japanische Kirsch­blüte. Der Schau­spieler Gunther Gillian in der Rolle des Lager­kom­man­danten Leutnant Petroff überzeugt durch sein hochemo­tio­nales Spiel eines Siegers, der einer­seits knallhart und brutal seine Regeln durch­zieht, der aber durch die erzählte Geschichte immer wieder eine weiche Seite zeigt.

Der Chor des Staats­theaters, bestens vorbe­reitet durch Felix Meybier, und das Ballett in der Choreo­grafie von Karl Alfred Schreiner bringen an diesem Abend Höchst­leis­tungen, auch weil sie durch die ständig wechselnden Erzähl­ebenen viel gefordert sind. Das aufgrund der Corona-Lage reduzierte Orchester des Staats­theaters am Gärtner­platz unter der Leitung von Tobias Engeli lässt die zum Teil bekannten Hits dieser Operette in einem neuen, modernen Arran­gement erklingen, ohne dabei kitschig oder senti­mental zu wirken. Engeli, Kapell­meister an der Oper Leipzig, gibt an diesem Abend ein überzeu­gendes Hausdebüt. Wie auch schon bei den letzten Livestreams sind wieder etwa 50 Mitar­beiter des Gärtner­platz­theaters im Zuschau­erraum, um so etwas wie Live-Atmosphäre ins Haus zu bringen. Und die Kollegen danken es den Akteuren auf der Bühne nach knapp zwei Stunden ohne Pause mit großem Jubel.

Das Gärtner­platz­theater hat sich auch mit den Liveüber­tra­gungen als Stream immer weiter entwi­ckelt. Bild- und Tonqua­lität stehen den ganz großen Häusern in nichts mehr nach, die Kamera­führung ist flexibel und lässt den Zuschauer ganz dicht am Geschehen teilnehmen. Und auch das Begleit­ma­terial ist wieder voll mit Infor­ma­tionen und Hinter­gründen, wie zum Beispiel mit einem Feldpost­brief von Carl Zuckmayer aus dem Jahre 1918. Gab es bei den letzten Streams immer ein zur Aufführung passendes Rezept für die kulina­rische Begleitung des Abends, ist es diesmal ein kleines „Wörterbuch für reisende Husaren“. Einige wichtige und inter­es­sante Begriffe sind in Deutsch, Ungarisch, Russisch und Japanisch aufge­führt, eine nette Idee. Mit dieser Insze­nierung hat das Gärtner­platz­theater einmal mehr bewiesen, dass Operette, auch wenn sie im klassi­schen Gewande präsen­tiert wird, modern, aktuell und fetzig sein kann. Es bleibt nur zu hoffen, dass man diese Insze­nierung bald auch wieder live besuchen kann.

Andreas H. Hölscher

Teilen Sie O-Ton mit anderen: