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Schwarze, bluttriefende Tragödie

IL CANTO S’ATTRISTA, PERCHÉ?
(Salvatore Sciarrino)

Besuch am
4. Februar 2021
(Premiere)

 

Stadt­theater Klagenfurt

Ein lang gezogener Ton schwillt an und mündet in einer schnellen Abwärts­fi­gu­ration. Die kurze Figur schwebt zwischen Singen, Sprechen und Stille. Diese „gleitenden Silben­ar­ti­ku­la­tionen“ – „silla­ba­zione scivolata“ – sind sein Marken­zeichen und die Basis seines Gesangs­stils. Die Musik ist assoziativ, fragmen­ta­risch und in kurze Einheiten, Figuren, unter­teilt. Im Mittel­punkt der Musik steht der Gesang. Salvatore Sciar­rinos Vokalstil basiert auf dieser zweitei­ligen Figur, die der Komponist je nach Ausdruck und Charakter variiert. Ob Flüstern oder langge­zogene Seufzer, beinahe jeder Laut der Sänger lässt sich auf diese kurze Figur zurück­führen und ist minutiös ausge­ar­beitet. Sciarrino schuf damit einen hohen Wieder­erken­nungswert seiner Musik. Aber auch sonst reizt der italie­nische Komponist in der Partitur seiner neuen Oper Il canto s’attrista, perché? sämtliche Möglich­keiten der Klang­er­zeugung aus: Flageolett-Töne der Streicher, Anblas­ge­räusche der Holzbläser, aber auch bloße Geräusche erzeugen eine starke Atmosphäre, ein gewal­tiges Spannungs­po­tenzial und treffen auf klassische Tonge­bungs­ver­fahren der früheren Jahrhun­derte. Jeder Klang, jedes Geräusch ist Musik. Und der Zuhörer wird in ihren Bann gezogen, Sciarrino ist genuiner Musik­dra­ma­tiker, sein Wunsch ist nichts Gerin­geres als die Revolu­tio­nierung des Musik­theaters, aber nimmt seinen Bühnen­fi­guren die Indivi­dua­lität: Hochemo­tionale, aber zeitlose Arche­typen bevölkern seine Opern. Bearbei­tungen alter, schon existenter Musik gibt es in fast allen seinen Opern­werken. Sciarrino scheut die Tradition nicht. Den Kontrast von Innen- und Außenwelt gibt es nicht. Vielleicht kann das alles die erstaun­liche Sogwirkung beschreiben, die auch von dieser Oper ausgeht. Und bald ist man im Sog der Musik gefangen. Vor allem, wenn sie so ambitio­niert und bravourös umgesetzt wird wie vom Kärntner Sinfo­nie­or­chester unter dem sachkun­digen, umsich­tigen und präzise agierenden Dirigenten Tim Andersen. Die Musiker haben sich die Idiomatik Sciar­rinos bewun­dernswert angeeignet. Es fällt auch auf, dass Sciar­rinos neues Musik­theater beim ersten Hören opern­hafter, griffiger, überschau­barer, direkter wirkt als etwa sein vielge­spieltes Meisterwerk Luci mie traditrici.

Foto © Karlheinz Fessl

In der Wahl der Stoffe wendet sich Sciarrino meist Mythen – antiken und modernen – oder litera­ri­schen Klassikern zu. Seine Textvor­lagen kürzt er radikal, selten bleiben ganze Sätze übrig. Eigentlich ist die Handlung des neuen Werks der „missing link“ zwischen Christoph Willibald Glucks Iphigenie und Richard Strauss‘ Elektra. Sein selbst geschrie­benes Libretto schöpft aus Agamemnon, dem ersten Teil der Orestie von Aischylos. Im Zentrum der Handlung des Atriden-Dramas steht die furchtbare Rache Klytäm­nestras an Agamemnon, die ihrem Gatten weder die Opferung ihrer Tochter Iphigenie noch den Ehebruch verzeihen kann und diesen schließlich ermordet. Sciarrino schuf aus dem Kosmos der Orestie des Aischylos sieben symme­trisch angeordnete, vom Prolog des Wächters und einem Chorsatz als Epilog gerahmte Szenen. Sie folgen zwar lose einem Handlungs­faden: Das Warten auf den siegreichen troja­ni­schen Helden Agamemnon, seine Rückkehr mit der Gefan­genen und Geliebten Kassandra, die blutige Rache seiner Gattin Klytäm­nestra. „Der Gesang wird traurig, warum?“ Die Frage im Titel dieses neuesten Bühnen­werks eines der wichtigsten, wegwei­senden Kompo­nisten der Gegenwart, ist so dringlich wie aktuell.

Die Urauf­führung der neuen Oper des italie­ni­schen Tonschöpfers, der zu den am meisten aufge­führten Kompo­nisten der Gegenwart zählt, musste Pandemie-bedingt um ein Jahr verschoben werden. Aber auch jetzt kann der Kompo­si­ti­ons­auftrag des Stadt­theaters Klagenfurt in Koope­ration mit der Oper Wuppertal nur ohne Publikum und nur vor einigen Medien­ver­tretern urauf­ge­führt werden. Dabei auch der Landes­hauptmann von Kärnten, Peter Kaiser, der als Kultur­re­ferent den Künstlern Dank aus- und Mut zusprach.

Höchste Anfor­de­rungen werden vom Sänger­ensemble verlangt, das alle, auch die diffi­zilsten Passagen mit Bravour und Sicherheit bewältigt: Rinnat Moriah ist eine Kassandra, die schwe­relos gesangs­ar­tis­tisch bis in höchste Höhen vorstößt. Iris van Wijnen ist eine exzessive Klytäm­nestra mit dunkler Kraft, die nach dem Mord mit riesigen, blutver­schmierten Händen erscheint. Otto Katzameier ist ein schon Sciarrino-erprobter, stimm­ge­wal­tiger Agamemnon, der bezeich­nen­der­weise gleich mit einer schwarzen Leichen­kutsche ankommt. Tobias Hechler als tragi­ko­mi­scher Wärter hört man mit geschmei­digem Counter­tenor. Herold Davide Gianre­gorio und der Chor des Hauses, dessen Einstu­dierung Günter Wallner besorgte, aus dem Off vervoll­stän­digen die tolle Ensembleleistung.

Die Musik braucht aber unbedingt auch die Szenerie. Wie in einem Horrorfilm im Gothic-Stil lässt Nigel Lowery, der auch für die düstere Ausstattung verant­wortlich zeichnet, die Handlung ablaufen: Mit einem sich drehenden, in schwarzes Plastik verpackten Haus, das sich erst zum Schluss entblättert, wird die Tragödie nacht­schwarz, albtraumhaft erzählt. Erwachsene wie auch Kinder bilden den das Volk inter­pre­tie­renden kleinen Bewegungschor, teils mit pitto­resken Schrumpf­köpfen. In Video­ein­spie­lungen von Thilo David Heins, vor allem zum Finale, bekommt man schreck­liche Einblicke in das schäbige, blutver­schmierte Innere der Räume von Agamemnons Palast und der dort passie­renden Bluttaten. Der Blick ist frei auf ein Schlachthaus: Ein vor Blut dampfendes Szenario des Unter­gangs zum Schlusschor, der seine ausführ­liche, vielleicht etwas zu langatmige Klage über die Illusion des Glücks mit dem knappen Ausruf „Schmerz und Erbarmen“ beendet.

In der nächsten Saison ist die Produktion in der Oper Wuppertal zu sehen.

Helmut Christian Mayer

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