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Rheingold retten

DAS RHEINGOLD
(Richard Wagner)

Gesehen am
12. Februar 2021
(Premiere/​Livestream)

 

Hochschule für Musik und Theater Hamburg

Fast wäre sie – wie so vieles andere – komplett Corona zum Opfer gefallen, die erste (sic!) komplette Aufführung eines Werkes aus Wagners Ring-Zyklus an einer deutschen Musik­hoch­schule – wie vom Leiter des Jungen Forum Musik und Theater, Peter Krause, in den einlei­tenden Worten des Livestream zu hören ist. Die Musik­hoch­schule Hamburg musste ihren Plan, das Werk ungekürzt mit Orchester aufzu­führen, nun aller­dings schon im letzten Frühjahr Corona-bedingt aufgeben. Dafür entschied man sich nunmehr, eine gekürzte Fassung von etwa 75 statt 150 Minuten Länge im Rahmen der Serie Opera Concisa – einer Auffüh­rungs­serie von Opern­in­sze­nie­rungen in gekürzter Fassung und mit reduziertem Orchester oder mit Klavier­be­gleitung – heraus­zu­bringen. Die Umsetzung ist zugleich Prüfung für die Opernklasse.

Das Rheingold ist der Vorabend des insgesamt vier abend­fül­lenden Werke umfas­senden Ring-Zyklus von Richard Wagner. In diesem Opus Magnum entwi­ckelt Wagner in nicht weniger als 15 Stunden Musik seine Weltsicht und Philo­sophie. Die äußere Handlung basiert auf Elementen der nordi­schen Sage. Das Gesamt­kunstwerk bringt regel­mäßig Bayreuth und auch die größten Bühnen der Welt an den Rand ihrer Kapazi­täten und Möglich­keiten. Ein Wagnis also nicht nur für die Musik­hoch­schule Hamburg.

Der Regisseur und seit letztem Jahr neue Lehrstuhl­in­haber für szenisch-musika­li­schen Unter­richt an der Hochschule für Musik und Theater (HfMT) in Hamburg, Christian Poewe, ist selbst ausge­bil­deter Schau­spieler und seit Jahren prakti­zie­render Opernregisseur.

Poewe gelingt mit der Verknüpfung von Rheingold mit den als kurzes Vorspiel voran­ge­stellten Auszügen aus dem Freischütz, und dort insbe­sondere der Szene, in der Max von Kilian verspottet wird, aufzu­zeigen, dass das Thema der verschmähten Liebe nicht nur bei Wagner, sondern auch andernorts in der Romantik als wichtiger Auslöser tiefgrei­fender mensch­licher Verstörung und brutaler Gewalt aufge­griffen wird.  Als gedemü­tigter Max aus dem Freischütz ist der Sänger­dar­steller des Alberich aus dem Rheingold bereits im Freischütz-Vorspiel auf der Bühne, bevor er übergangslos zu seiner nächsten Abweisung durch die Rhein­töchter in der ersten Szene des Rheingold weiter geht mit der bekannten Folge seiner Gewalt- und Erobe­rungs­an­sprüche gegen die bestehende Gesell­schafts­ordnung, die ihm keine Heimat bietet.

Diese Thematik wird noch weiter gefasst, wenn Wotan die in einer Rolle zusam­men­ge­fassten Personen Fricka und Erda – seine beiden wesent­lichen weiblichen Bezugs­per­sonen – aufgrund seines Macht­an­spruchs und des damit zusam­men­hän­genden Fluchs am Ende des Abends verliert und verzweifelt. Hier werden Handlungs­ele­mente der nachfol­genden Werke des Rings in ihrer Bedeutung angedeutet und geschickt vorgezogen.

Die Bühne von Wiebke Horn und Karlotta Matthies arbeitet mit einfachen, aber überzeu­genden Mitteln, ebenso überzeugen die einfalls­reichen und charakter-gerechten Kostüme von Natascha Dick und Johanna Winkler.

Vermutlich nicht nur bei der Musik­hoch­schule in Hamburg sind Opern­klassen in Deutschland heute ein derart globaler Ort für das Studium von Studenten aus aller Welt, dass bei dieser Rheingold-Produktion nicht weniger als vier Sänger aus China kommen.

Foto © Christian Enger

Das trifft auch auf den Alberich des Abends zu, Feng Sun. Die sprach­lichen Anfor­de­rungen des Wagner­schen Stabreims sowie seine aus der deutschen Rhetorik entwi­ckelte Musik­sprache stellen für Lernende, die nicht im deutschen Sprachraum aufge­wachsen sind, eine außer­ge­wöhn­liche Heraus­for­derung dar. Es ist eindrucksvoll zu sehen und zu hören, durch welche unter­schiedlich gelun­genen Phasen sprach­licher und musika­li­scher Aneignung der Sänger hindurch muss – sich sprich­wörtlich hindurch kämpft – um aber schließlich beim Fluch – der zentralen Stelle des Abends – ein so eindrucks­volles Ausdrucks­niveau zu erreichen. Feng Sun überzeugt mit dem ganzen Einsatz seines präsenten Körper­spiels und ist eindrucksvoll in der Lage, die Bedrohung, die von dieser Figur ausgeht, zur Darstellung zu bringen.

Der Wotan von Laurence Kalaidjian ist trotz seines Kostüms mit künst­lichem Bodybuilder-Oberteil unter mittel­blauem Anzug sowie trotz seiner intel­lek­tu­ellen Winkelzüge ein eher feinsin­niger Götter­vater, der immer wieder nachgerade hilflos um sich blickt und zum Beispiel bei Loge um Rat sucht. Mit seinen 25 Jahren vermag Kalaidjian stimmlich und darstel­le­risch die Balance zwischen ruchlosem Macht­an­spruch und Verletz­lichkeit ausnehmend überzeugend über die Rampe zu bringen.

Noah Schaul ist ein kühler, überzeu­gender Loge. Die Kammer­fassung mit Klavier­be­gleitung scheint dem jungen Darsteller in seiner Rollen­anlage entge­gen­zu­kommen. Im Gegensatz zu anderen Protago­nisten der Rolle outriert er niemals. In Dialogen mit Wotan vermittelt er diesem, dass er seine Verzweiflung, seine Ratlo­sigkeit und sein Scheitern durch seine Macht­spiele selbst bewirkt hat.

Erda und Fricka werden von Kehan Zhao verkörpert. Der würde­volle Auftritt gepaart mit ihrem souverän-fließenden Mezzo schaffen ihr einen glaub­haften Auftritt als Ur-Wala und Hüterin der Ehe, vor der Wotan nicht anders als in großem Respekt zurück­weicht und an derer beider Verlust er zu zerbrechen scheint.

In der Doppel­rolle von Gott Froh und Zwerg Mime überzeugt mit facet­ten­reicher Darstel­lungs­freude mit Drohpo­tenzial und flexibler Stimm­führung Weilian Wang. Donner wird von Geng Lee überzeugend vertreten.

Mehr als angemessen abgerundet wird das Ensemble im Freischütz-Vorspiel vom Kilian des Maksy­m­ilian Skib sowie den Braut­jungfern Gabriele Jocaite, Sophia Keiler, Andrezza Reis Ferrara und Mina Yyu. Ebenso überzeugend agieren die mit hell-lilafar­benen Perücken berückend singenden Rhein­töchter von Natalija Valentin, Lanlan Zhan und Nora Kazemieh.

Die musika­lische Leitung hat Willem Wentzel, der auch die gekürzte Werkfassung kreierte. Siegfried Schwab begleitet zuver­lässig am Klavier.

Weiter geht’s für die Opern­klasse jetzt – jeden­falls nach gegen­wär­tiger Planung – mit der Einstu­dierung eines Werkes aus einer gänzlich anderen Epoche der Opern­ge­schichte: Georg Friedrich Händels Rinaldo. Es ist zu hoffen, dass die Einstu­dierung zur Mitte des Jahres schon unter weniger Corona-Einschrän­kungen statt­finden kann und ebenso gut gelingt.

Die Aufführung kann man auf dem YouTube-Kanal der HfMT Hamburg kostenlos anschauen.

Achim Dombrowski

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