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Foto © Michael Pöhn

Und schon gar keine „neue“ Carmen

CARMEN
(Georges Bizet)

Gesehen am
21. Februar 2021
(Premiere/​Livestream)

 

Wiener Staatsoper

Bogdan Roscic ist als neuer Intendant der Wiener Staatsoper mit dem Ziel angetreten, das Reper­toire mit Arbeiten von Regis­seuren anzurei­chern, die noch nie oder nur ganz selten an der Wiener Staatsoper insze­niert haben. Aber statt von diesen Neupro­duk­tionen zu bestellen, kaufte er sich Insze­nie­rungen ein, die nicht mehr wirklich taufrisch sind, sondern bereits an zahlreichen anderen Häusern gezeigt wurden. So geschehen auch jetzt bei Georges Bizets Carmen-Insze­nierung von Calixto Bieito. Die ist dem inter­es­sierten Opern­freund ja wirklich bekannt: Wurde mittler­weile 22 Jahre alt und schon quer durch Europa gezeigt. Sie ist immerhin eine Produktion, die schon das Lob ernten konnte, „fulminant“ und ein „Klassiker“ zu sein. Bieito galt ja als Enfant terrible der 2000-er Jahre, hat mit seiner Carmen eher ein Regie­theater der milden Sorte geschaffen. Also war es wirklich wert, die „alte“ Insze­nierung mit den ästhe­ti­schen, folklo­ris­ti­schen, bunten Kulissen und Kostümen der in Wien liebge­wor­denen Insze­nierung von Franco Zeffi­relli, die 42 Jahre hier gezeigt wurde, zu entsorgen?

Foto © Michael Pöhn

Nun also kein Sevilla, keine Folklore und kein Ausstat­tungs­glanz. Wir sind irgendwann und irgendwo in der schäbigen Pampa, in einer Grenz­region auf einer leer geräumten und immer wieder einge­ne­belten Bühne mit eher schäbigen Kostümen, die Mercè Paloma erdacht hat: Eine Telefon­zelle, ein Fahnenmast und mehrere Oldtimer der Marke Mercedes, mit denen gefahren, in denen gesoffen und die aber auch immer bis aufs Dach wieder bestiegen werden, das ist alles. Zudem noch eine im Hinter­grund aufge­stellte, später umfal­lende Plakatwand, einen Stier darstellend. Das Bühnenbild stammt von Alfons Flores. Es herrscht brutale Gewalt, auch unter den Soldaten und den Mädchen und zwischen beiden Gruppen. Die Telefon­zelle wird geplündert, Mädchen werden begrapscht, Kinder spielen nicht, sondern betteln. Ein trost­loses Ambiente. So ist bei der Premiere in der leeren Wiener Staatsoper, wo nur einige wenige auser­wählte Journa­listen zugelassen sind, also eine verrohte, brutale Welt zu erleben. Und bald fragt man sich, was ist an dieser szenisch wenig inspi­rierten Insze­nierung so besonders, dass man sie in Wien unbedingt zeigen muss. Sie stört nicht, sie empört nicht, sie besitzt aber auch nicht das gewisse Etwas. Zumindest erzählt Bieito, und das muss man ihm attes­tieren, die Geschichte, so wie sie ist.

Wie so oft in den letzten Jahren wirkt der Abend haupt­sächlich musika­lisch: Anita Rachve­lishvili, erst jüngst selbst von einer Corona-Infektion genesen, ist optisch ein Vollweib, bleibt aber szenisch klischeehaft und kann nicht als jene Frau überzeugen, die allen Männern den Kopf verdreht. Sie verfügt über einen imposanten, kraft­vollen und fülligen Mezzo mit großem Hang zur Dramatik, neigt jedoch anfänglich zum Disto­nieren. Überragend ist Piotr Beczała, der den Don José vom erkrankten Charles Castronovo übernommen hat, stimmlich in ausge­zeich­neter Verfassung. Er liefert einen weiteren Beweis seiner Markt­füh­rer­schaft unter den Tenören. Selbst unter Hochdruck beschert seine Stimme verlässlich Klang­pracht. Erwin Schrott als Neben­buhler Escamillo wirkt ungemein viril, singt die Gockel-Rolle gewohnt lässig, und rollen­de­ckend selbst­ver­liebt. Vera-Lotte Boecker als Micaëla findet nach anfäng­licher Fragi­lität zu hoher Inten­sität und klaren Tönen. Nicht zu vergessen sei der Wohlklang von so manch kleiner Rolle, wie der wuchtige Zuniga von Peter Kellner und die prächtige Mercédès von Szilvia Vörös Frasquita. Aber auch Slávka Zámec­niková als Mercedes, Carlos Osuna und Michael Arivony als Remendado und Dancairo sowie Martin Häßler als Morales gefallen. Beein­dru­ckend singt auch der Wiener Staats­opernchor, der sich durch besondere Lebhaf­tigkeit auszeichnet.

Staats­opern­de­bütant Andrés Orozco-Estrada am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper überzeugt mit Feuer und Tempo. Es gelingt ihm eine schil­lernde Umsetzung der Partitur mit quirligen farblichen Details. Hier wäre jedoch auch noch Luft nach oben gewesen. Die Kamera ist immer am Brenn­punkt des Geschehens und zeigt viele starke Großauf­nahmen. Auch der Ton ist von hoher Qualität und sehr gut ausbalanciert.

Helmut Christian Mayer

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