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Foto © Bernd

Jenseits des Siedepunkts

DER FEURIGE ENGEL
(Sergej Prokofjew)

Besuch am
15. März 2021
(Premiere)

 

Theater an der Wien

Bis zum obersten Bühnenrand steht der Turm aus aufge­sta­pelten und verschlun­genen Metall­betten, auf welchen in verschie­densten Höhen Frauen sitzen und zum wuchtigen Finalchor singen. Und sie alle werden Zeugen des letzten Übergriffs auf Renata. Ein Inqui­sitor, ein rauchender Schreib­tisch­täter, lässt sie sich von Mephisto vorführen und erschießt sie dann: Mit diesem starken Bild lässt Andrea Breth Sergej Prokofjews selten gespielte Oper Der feurige Engel am Theater an der Wien enden, die jetzt wieder vor wenigen Journa­listen als Aufzeichnung für TV und eine DVD ohne Stream aufge­führt wurde. Der Komponist schrieb auch selbst das Libretto – nach dem Roman von Valerij Brjussow – dieser absoluten Rarität, die, obwohl schon 1922 bis 1925 entstanden, erst nach dem Tode von Prokofjew 1954 in Paris erstmalig vollständig, wenn auch nur konzertant, urauf­ge­führt wurde. Die szenische Premiere erfolgte ein knappes Jahr später im Teatro La Fenice in Venedig.

Renata ist eine von religiösem und zugleich eroti­schem Wahn besessene Frau. Sie ist auf der ständigen Suche nach Madiel, einer seit ihrer Kindheit immer wieder auftau­chenden Erscheinung, die sie liebt. Zwecks körper­licher Verei­nigung hat sich dieser feurige Engel in den Grafen Heinrich verwandelt. Das Glück endet jedoch, als er sich aus der Zweisamkeit schleicht. Seitdem ist Renata auf der Suche nach ihrem Grafenengel. Ihr aktueller Reise­ge­fährte ist ein gewisser Ruprecht, der sie zu lieben beginnt und letztlich vergeblich zu retten versucht.

Auf Grund dieses offen­sicht­lichen Wahns der Renata in dieser doch ziemlich kruden, dunklen, aber symbol­prallen Geschichte aus Deutschland aus dem 16. Jahrhundert war es für Andrea Breth offen­sichtlich naheliegend, gleich die gesamte Handlung in eine geschlossene Psych­iatrie unserer Zeit zu verlegen. Kahle Wände, Bretter­ver­schläge, hässliche Metall­betten, blanke Matratzen, aseptische Badewannen, Mistkübel: Grau in Grau, blutleer und kalt ist das Einheits­am­biente der nackten Anstalts­räume, das Bühnen­bildner Martin Zehet­gruber dazu erdacht hat. Alle handelnden Personen außer den Ärzten sind traurig umnachtete, zuckende und sich kratzende Insassen. Schädel­ver­mes­sungen, Gruppen­the­rapien und sadis­tische Anwand­lungen der Ärzte­schafft finden statt. Erzeugt wird zwei Stunden lang eine quälende Atmosphäre der Aussichts­lo­sigkeit und das fahle Gesicht des mensch­lichen Grauens. Jedoch wird mit diesem Konzep­ti­ons­ansatz kaum mehr die Beziehung Renatas zum sie liebenden Ritter Ruprecht gezeigt. Auch alles Mystische und Märchen­hafte, wie alles Moralische wird ausge­blendet. Breth nimmt durch diese Reduktion dem Stoff die Vielschich­tigkeit der Bedeu­tungs­ebenen und die Ambivalenz der Figuren. Die Frage, ob es sich bei Renata um einen psycho­ti­schen Wahn oder eine religiöse Erleuchtung handelt, kommt gar nicht erst auf.

Foto © Bernd Uhlig

Was aber total mitreißend ist, ist die heraus­ra­gende, packende, punkt­genaue, teils sehr drastische Führung der Figuren und des Chores.  Dank den großar­tigen Sänger­schau­spielern bis hin in die kleinste Neben­rolle und einigen zusätz­lichen Schau­spielern gelingt das Kunst­stück, all das ohne Billigkeit darzustellen.

Und mit Ausrine Stundyte, die Elektra der vergan­genen Salzburger Festspiele, wurde eine grandiose Renata gefunden. Die Litauerin, die die Partie bereits in Zürich in der Regie von Calixto Bieto gesungen hat, schafft es, die heraus­for­dernde Rolle nicht nur phäno­menal zu singen, sondern die Kindsfrau auch grandios zu spielen. Sie krümmt sich, hämmert mit ihren Fäusten auf den Kopf und findet nur manchmal wie ein Kind Trost bei einem kleinen Teddy­bären. Bo Skovhus als der sie liebende, exzessiv singende Ruprecht kann als Zerris­sener zwischen Wut und Resignation keinen Frieden finden. Natascha Petrinsky als Wirtin und gestrenge Ärztin überzeugt ebenso wie Elena Zaremba als intensive Wahrsa­gerin. Nikolai Schukoff ist ein subtil böser und schnei­dender Agrippa wie Mephisto, der Wolfs­kopf­men­schen füttert, einem Patienten das Herz heraus­reißt und dessen Leiche in der Mülltonne entsorgt. Markus Butter ist ein idealer Matthias, der später zum Faust mutiert ebenso wie Alexey Tikho­mirov als Inqui­sitor. Auch sonst ist die Sänger­riege ohne Schwach­stellen. Großartig ist wie immer der Arnold-Schönberg-Chor.

Es ist auch eine große Leistung, die Sänger nicht hinter der Klangwand verschwinden zu lassen, denn Prokofjew hat ein groß instru­men­tiertes Werk geschaffen, das tonale Passagen mit starken Disso­nanzen als Hinleitung auf die Brüche der Charaktere kombi­niert. Es sind eindring­liche Klang­ge­bilde, in denen die dichten Themen sich wie Blöcke auftürmen. Konstantin Trinks lässt das ORF-Radio-Sympho­nie­or­chester Wien kontrast­reich und raffi­niert musizieren, peitscht es mächtig, beinahe bis zur Unerträg­lichkeit auf und erzeugt mit der hochex­pres­siven, dunklen Tonsprache einen unwider­steh­lichen packenden Sog, der gefangen macht und eine schnei­dende Siedehitze.

Und doch wird diese Leistungen nach der Aufzeich­nungs­pre­miere vor weitgehend leerem Haus wohl für längere Zeit niemand zu sehen bekommen. Die Gespräche über die noch für die erste Jahres­hälfte angedachte TV-Ausstrahlung laufen noch. Fix ist aber immerhin, dass man die Oper anhören kann: Ö1 strahlt den Mitschnitt am 27. März ab 19.30 Uhr aus.

Helmut Christian Mayer

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