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Foto © Johannes Horn

Entspannung am Nachmittag

LIEBLINGSSTÜCKE ZUM KAFFEE
(Diverse Komponisten)

Gesehen am
18. April 2021
(Premie­re/Live-Stream)

 

Tonhalle Düsseldorf

Früher war alles besser. Eine der größten Lügen aller Zeiten, die alte Leute sich heute nicht mehr laut zu sagen trauen. Aber manches war eben doch besser, und das kommt ja dann irgendwie wieder, wenn es auch manchmal ein bisschen länger dauert. Es gab eine Zeit, in der Musiker Geld verdienten, indem sie in Kur- und Caféhäusern aufspielten. Die Musik musste gefällig sein, durfte sich nicht aufdrängen, aber durchaus Ohrwurm-Qualität haben. Die Orchester mussten platz­sparend auftreten, im Hinter­grund bleiben, sich aber nach Möglichkeit unent­behrlich machen. Längst sind sie Vergan­genheit, allen­falls auf histo­ri­schen Fotos und in Spiel­filmen sind sie noch zu erleben, im Café erklingt heute besten­falls noch gedämpfte „Fahrstuhl­musik“ à la Mantovani aus den Lautsprechern.

Aber, wie gesagt, das Gute kommt zurück. Und so schien sich vor dem ersten Lockdown langsam, aber sicher der Trend abzuzeichnen, dass der Sonntag­nach­mittag ein guter Zeitpunkt für Einzel­künstler oder kleine Ensembles war, um einem ausge­wählten Publikum an ungewöhn­lichen Spiel­stätten pfiffige Programme zu präsen­tieren. Welch ein Genuss, welch eine Erbauung – welch ein Spaß!

Auf den braucht man auch in Zeiten der Zwangs­iso­lation jetzt nicht mehr zu verzichten. Auch wenn der wohltuende Spaziergang zum Konzertort entfällt, der neugierige Blick auf die Mitbe­sucher und die Nähe zu den Künstlern ausbleibt, man sich letztlich wieder vor dem Monitor findet, aber genau da präsen­tiert die Düssel­dorfer Tonhalle solch ein entspan­nendes Programm am Sonntag­nach­mittag. Für manchen Geschmack vielleicht mit 15 Uhr ein wenig früh, aber der Live-Stream bleibt als Video on Demand auf dem YouTube-Kanal. Und so darf man Mittag­essen und Spaziergang genießen, ehe man sich dem Angebot aus dem Konzertsaal zuwendet. Die vorderhand gebotenen Infor­ma­tionen sind spärlich, ohne dass es dafür einen rechten Grund gäbe. Aber immerhin ist zu erfahren, dass das Tea Time Ensemble Lieblings­stücke zum Kaffee präsen­tieren möchte. Welche das sind, scheint vorerst ein Geheimnis zu sein. Nur so viel: Das Tea Time Ensemble präsen­tiere „seine absoluten Lieblings­stücke, die von Wiener Walzer­se­ligkeit über berühmte Filmmusik- und Operet­ten­schlager bis zu Musicalhits von gestern und heute reichen“. Das stimmt zwar nicht ganz, ist aber eine hübsche Werbung und weniger geheim­nisvoll als das Kammer­or­chester selbst. Ein Programm sucht man vergebens. Und kein Wort darüber, wer das Tea Time Ensemble ist, das da zur Kaffeezeit Musik anbietet.

Auch die Ausstattung des Videos ist eher sparta­nisch. Immerhin hat die Haustechnik noch einen Kaffee­tisch mit einem Stuhl davor aufstellen können, damit Platz für einen Blumen­strauß, eine Bonbo­niere und eine CD ist. Dahinter ist das Ensemble aufgebaut. Hier hätte man sich doch ein wenig mehr Fantasie erhofft. Die müssen nun die Musiker aufbringen, denn die Bildregie gleicht nichts aus. Das hat man in der Tonhalle schon erheblich präziser gesehen. Dass die Kameras sich gegen­seitig ins Bild laufen, ist man aller­dings schon gewöhnt. Besser wird es davon nicht.

Foto © Johannes Horn

Das Ensemble, besser seine Entstehung, Bedeutung und Gewichtung müssen im Dunkel bleiben, dafür dürfen die Musiker ins Rampen­licht treten. Den Anfang macht Martin Fratz, vielge­fragter Pianist und Musik­päd­agoge, der heute neben dem Klavierpart auch die angenehme Moderation übernimmt. Kurz, charmant und anekdo­ten­reich – so soll es sein. Eine Steigerung wäre ohne Schwie­rig­keiten durch eine vernünftige Aussteuerung in der Tontechnik möglich gewesen. Der Eindruck, dass die Verant­wort­lichen die Aufführung nicht ganz so ernst nehmen, wie es sich für ein Konzerthaus dieser Größen­ordnung gehört, vertieft sich.

Mit dem Veroneser Ständchen von Gerhard Winkler – dem „Karl May des deutschen Italien-Schlagers“, der unter anderem auch für die herrlichen Capri-Fischer verant­wortlich ist – aus dem Jahr 1950 gelingt der Auftakt. Nach und nach werden die Musiker vorge­stellt, denn sie haben ihre Lieblings­stücke auser­koren: Pascal Théry von den Düssel­dorfer Sympho­nikern übernimmt die Rolle des Stehgeigers und hat einen riesigen Spaß daran, der sich auch auf die Zuschauer überträgt. Ildiko Antalffy, ebenfalls aus dem Hausor­chester, unter­stützt ihn als Obligat­gei­gerin. Auch Michael Flock-Reisenger ist in der Tonhalle zuhause und begeistert im virtuosen Umgang mit dem Cello. Am Kontrabass wirkt Francesco Savignano von den Duisburger Philharmonikern.

Mit dem Pierrot von Fritz Gerhardt erklingt ein typisches Stück jener Kur- und Café-Haus-Musik, die heute so viel Sehnsucht weckt. Nach dem fragilen Beginn erklingt ein schwung­voller Walzer, der zart und zerbrechlich wieder erlischt. Die goldene Geige aus der Feder von Hans Zander erlaubt den Geigern, sich auszu­leben. Auch in der Reihen­folge der ausge­wählten Werke braucht man keine ausge­feilte Drama­turgie zu vermuten. Macht ja aber auch nichts. Denn der Ausflug in die Filmwelt treibt selbst dem letzten den Spaß in die Backen. 1950 schrieb Leroy Anderson sein Werk The Typewriter – auf Deutsch vielleicht am ehesten der Schreib­ma­schinist. Im Laden­hüter, einer Komödie von Frank Tashlin aus dem Jahr 1963, erfüllte Jerry Lewis mit seiner Choreo­grafie das Stück mit unver­ges­sener Komik. Auch das Tea Time Ensemble vermag, dem Stück zu den gewünschten Assozia­tionen zu verhelfen.

1896 schrieb Louis Gaston Ganne das Stück Exstase für Cello und Orchester. Bitte schön, wenn damit die Exstase der Cellisten ausge­reizt ist, nein, keine Zoten. Lieber schnell zum nächsten Bruch. Denn es schließt sich der Dauerhit An der schönen blauen Donau von Johann Strauss aus dem Jahr 1867 an. Die Begleit­um­stände der Urauf­führung sollen den Ausfüh­rungen Fratz‘ vorbe­halten bleiben. Im Schatten der Palmen von Reginald King treibt zwar nicht die verspro­chene Meeres­brise auf die Gesichter der Zuschauer, leitet aber – fast möchte man schon sagen, wie gewohnt – eine nachhaltige Störung der Übertragung ein. Haupt­sache, es gab mal wieder einen Live-Stream. George Boulangers Da Capo ist dann wieder so live wie lebendig zu erleben, ehe das Tea Time Ensemble als Zugabe den Kinderstar Conny Froboess feiert, die 1951 mit dem Schlager ihres Vaters Gerhard ganz Deutschland verzau­berte. Pack die Badehose ein traf den Lebensnerv der Deutschen und machte aus Conny die „Berliner Göre“ schlechthin. So geht der Sonntag­nach­mittag im Wohlgefühl der Nachkriegs­ge­neration auf. Vielleicht brauchen wir das gerade, dieses Gefühl, dass es wieder aufwärtsgeht.

Michael S. Zerban

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