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Foto © Michael Pöhn

Szenische Tristesse gegen musikalische Luxusklasse

PARSIFAL
(Richard Wagner)

Besuch am
11. April 2021
(Premiere)

 

Wiener Staatsoper

Zugegeben, Richard Wagners Parsifal seltsam mythische und semire­li­giöse Geschichte von den Grals­rittern ist schwer erklär- und vermit­telbar. Kirill Serebren­nikov meint dazu, dass das Verständnis nur erschwert würde, wenn man Grals­ritter und Zauberer auf die Bühne brächte. Man versteht auch, dass der russische Regisseur seine biogra­fische Vorge­schichte hat: Er wurde von der schwer durch­schau­baren, russi­schen Justiz verfolgt, musste system­be­dingt Gefäng­nisluft atmen und viel Zeit im Hausarrest verbringen. Und so ein Gefängnis ist sicher ein trauriger, gottent­fernter Ort, dessen geschundene Gefangene vielleicht nach Erlösung suchen. Aber das Bühnen­fest­weih­spiel deshalb in ein tristes Gefängnis zu verlegen und das zur zentralen Metapher der Aufführung zu machen, wie der Regisseur es versucht, trägt keinen Opern­abend, bringt keinen neuen Erkennt­nis­gewinn, funktio­niert einfach nicht und spießt sich an allen Ecken und Enden. Die Erarbeitung seiner mit Spannung erwar­teten Neuin­sze­nierung an der Wiener Staatsoper konnte auch nur mittels Video-Schaltung erfolgen, da Serebren­nikov nach wie vor Russland nicht verlassen darf und deshalb nicht nach Wien reisen durfte. Und nur ein kleiner Kreis von Journa­listen durfte an der Premiere im sonst leeren Saal der Staatsoper teilnehmen.

Foto © Michael Pöhn

Und so sieht man einen öden, einstö­ckigen Gefäng­nis­trakt voll Tristesse mit vergit­terten Zellen, turnenden Häftlingen und stetigen brutalen Gewalt­akten: Es sind die Grals­ritter in hässlicher Häftlings­kleidung, die hier in ihrer Gedan­kenwelt einge­sperrt sind. Auch Gurnemanz, der sich ständig selbst ritzende, blutver­schmierte Amfortas und später auch Parsifal sind offen­sichtlich Häftlinge. Parsifal hat keinen Schwan, sondern einem Mithäftling mit einer Feder­kleid-Tätowierung mittels Rasier­klinge die Halsader durch­ge­schnitten, als dieser sich ihm unsittlich nähern wollte. Das sieht man detail­liert grausam auf drei großen Projek­ti­ons­flächen über der Bühne. Apropos Projek­tionen: Fast ständig flimmern diese zusätzlich, nerven zunehmend und lenken von der eigent­lichen Handlung ab: Massige Körper von Häftlingen in allen Lebens­lagen mit Tätowie­rungen von Symbolen aus der Geschichte werden gezeigt, wie Speere, Kelche, eine Dornen­krone aus Stachel­draht und Ähnliches. Oft wird der junge, in Schnee­feldern, Beton­bunkern oder im Gefäng­nishof herum­strei­fende junge Parsifal gezeigt. Apropos junger Parsifal: Hier kam der Regisseur auf die nicht mehr neue und schon viel zu oft prakti­zierte Idee, die Titel­figur zu verdoppeln, was nur teilweise funktio­niert: Der „alte“ Parsifal erinnert sich, meist an der Rampe singend und kaum agierend, an seine Jugend und seinen ehema­ligen Gefäng­nis­auf­enthalt.  Und so fungiert der „junge“ Parsifal, der vom Schau­spieler Nikolay Sidorenko überzeugend darge­stellt wird, als Alter Ego. Er wird von Mithäft­lingen zusam­men­ge­schlagen, rennt hektisch oder turnt sinnlos herum und lässt sich von Kundry beinahe verführen. Apropos Kundry: Die wird als eine kühle Repor­terin darge­stellt, die ständig fotogra­fierend eine Gefäng­nis­re­portage für ein Magazin „Schloss“ recher­chiert, aber auch Substanzen einschmuggelt und vom Schicksal des jungen Parsifal schwer beein­druckt ist.  Und so kehrt sie im zweiten Akt in die Redaktion statt in ein Zauber­schloss zurück, wo die Blumen­mädchen auch Mitar­bei­te­rinnen und alle hinter dem Jungen her sind. Geleitet wird das Magazin vom unsym­pa­thi­schen Medien­mogul Klingsor, den sie nach der missglückten Verfüh­rungs­szene zum Schluss einfach erschießt. Speer braucht Serebren­nikov natürlich auch keinen, wozu auch? Bei der Gralsent­hüllung wird ein Kelch aus einem Postpaket für einen Häftling bei der Kontrolle durch die Gefäng­nis­wärter ausge­packt und hochge­halten. Zum Finale taucht der Gral überhaupt nicht mehr auf, da werden statt­dessen von Parsifal alle Zellen­türen geöffnet und den vermutlich politi­schen Gefan­genen wird als schöne Schluss­geste die Freiheit geschenkt. Sie haben auch die Hölle in sich überwunden. Die bekehrte Kundry sinkt nicht tot zu Boden, sondern humpelt mit Amfortas ins Licht. Nur Parsifal bleibt zurück. War das alles nur ein Traum? Es ist müßig, darauf hinzu­weisen, dass sich der originale Text kaum mit diesem Konzept verträgt.

Musika­lisch ist hingegen alles eitel und Wonne, vor allem bei dieser Weltklas­se­be­setzung: Gespannt ist man auf das Rollen­debüt von Elīna Garanča als Kundry. Die Mezzo­so­pra­nistin ist kein reines Leidens­ge­schöpf, sondern faszi­niert als modern gekleidete, ergraute Schöne, die mit vielen Farben und Nuancen ihres wunder­baren Organs singt. Jonas Kaufmann leiht der Titel­figur wieder seinen samtigen Tenor samt wunder­barer Piani. Georg Zeppe­nfeld gibt einen ungemein wortdeut­lichen, klar kontu­rierten und edlen Gurnemanz und hat für die lange Erzähl­rolle eine bewun­derns­werte Kondition. Purer Luxus ist auch Ludovic Tézier als stark leidender Amfortas mit höchster Stimm­kultur. Wolfgang Koch ist ein widerlich böser, kraft­voller Klingsor. Aus dem Off hört man Stefan Czerny als profunden Titurel. Ideal besetzt sind auch die vielen kleineren Rollen. Homogen und wohlklingend vernimmt man den Chor der Wiener Staatsoper, dessen Einstu­dierung Thomas Lang besorgte.

Das bestens dispo­nierte Orchester der Wiener Staatsoper unter seinem neuen Musikchef Philippe Jordan erzeugt einen fein abgestuften Luxus­klang von Wagners Musik­welten. Vor allem die herrlichen, hochemo­tio­nalen Schlüs­sel­stellen werden breit ausgekostet.

Die Aufzeichnung kann noch auf Arte Concert kostenlos angesehen werden.

Helmut Christian Mayer

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