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Der ewige Wahn der Macht

SAUL
(Georg Friedrich Händel)

Besuch am
20. April 2021
(Premiere am 16. Februar 2018)

 

Theater an der Wien

Jeder kennt diese Geschichte aus der Bibel von dem jungen Hirtensohn David, der den scheinbar übermäch­tigen Goliath besiegt. Nun taucht dieser aufstre­bende David mit dessen abgeschla­genen Kopf beim regie­renden Herrscher, dem ersten König von Israel namens Saul und dessen Familie auf und mischt diese emotional gehörig auf. Die Masse liegt David bald zu Füßen, was Saul immer eifer­süch­tiger werden und um seine Macht fürchten lässt. Immer mehr versteigt er sich in einen Wahn. Er verübt mehrere, vergeb­liche Mordan­schläge auf den neuen Volks­helden, tötet völlig verwirrt seinen eigenen Sohn, verliert jedoch letztlich Thron und durch Selbstmord sein Leben. David ist der neue „starke Mann“. Doch bald scheint ihm ein ähnliches Schicksal bevorzustehen …

Diese Geschichte hat Georg Friedrich Händel vertont und als Saul, einem Hybrid zwischen Oper und Oratorium, bei dem es keinen Erzähler gibt, sondern die Figuren direkt mitein­ander kommu­ni­zieren, 1739 in London urauf­ge­führt. Am Theater an der Wien hatte 2018 eine szenische Neupro­duktion in der Insze­nierung von Claus Guth Premiere, die damals stark umjubelt und in allen Kritiken sehr gelobt wurde. Jetzt wollte man diese Erfolgs­pro­duktion wieder aufnehmen, was jedoch Pandemie-bedingt nur mehr für eine Aufzeichnung für das TV ohne Publikum möglich war.

Foto © Monika Rittershaus

Einmal mehr konnte der Regisseur beweisen, wie klug und aufregend Musik­theater sein kann. Claus Guth erzählt die Geschichte als topak­tu­elles Psycho­gramm eines Staats­chefs. Die leicht verän­derbare Drehbühne von Christian Schmidt fast minima­lis­tisch, ohne viele Versatz­stücke, zeigt ein gekacheltes Zimmer, den einzigen Rückzugsort Sauls, wo er auch seinen Namen mit Erde mit großen Buchstaben hinauf­schmiert. Das Gleiche wird David als späterer König auch machen. In diesem und einem Salon mit einem langen Tisch und einem großen Raum mit vertrock­netem Wüstensand wird der Prozess der geistigen Zerrüttung eines Herrschers, der nicht von der Macht lassen kann und an dieser zerbricht, gezeigt. Gekonnt wird dabei das psycho­lo­gische Spiel durch­gehend auf des Messers Schneide balan­ciert. Dazu bewirkt Guth bei seiner ausge­feilten, detail­reichen Perso­nen­führung eine immense Sogwirkung, die den Charak­teren eine starke Tiefen­wirkung und extreme Profile verleiht. Emotionen, Begierden und Ängste brechen auf, wobei alle drei Kinder Sauls dem Charisma des Fremden verfallen. Auch wenn David nach Sauls Selbstmord wie ein Sieger erscheint, hat er schon ein Ablaufdatum.

An der Spitze des Ensembles ist Florian Boesch in der Titel­partie zu erleben. Er ist als Saul stimmlich mit seiner vokalen Strahl­kraft wie auch darstel­le­risch eine bis ins Mark erschüt­ternde Urgewalt. Er zieht die Aufmerk­samkeit in jeder Szene an sich, zeichnet ein zerris­senes Porträt eines immer mehr in den Wahnsinn abglei­tenden Diktators. Anna Prohaska als Sauls ältere Tochter Merab faszi­niert mit unglaublich flexiblen Kolora­turen, aber auch tiefem Ausdruck. Auch Giulia Semenzato gefällt als jüngere Tochter Michal mit lyrischem Sopran. Höhen­sicher und eindrucksvoll auch der Tenor von Rupert Charles­worth als Sauls Sohn Jonathan. Als David erlebt man den Counter­tenor Jake Arditti mit ungemein flexiblem Organ, der mit der Krönung, so deutet Guth an, auch vom Wahn befallen wird, der zuvor Saul vernichtet hat. Der Kreislauf wiederholt sich. David Webb, Rafal Tomkiewicz und Andrew Morstein komplet­tieren das exquisite Ensemble. Spiel­freudig und perfekt agiert erneut der gestisch überwiegend durch­cho­reo­gra­fierte Arnold-Schönberg-Chor mit seiner Solitärstellung als Opernchor.

Und der hellwache Dirigent Chris­topher Moulds, der auch selbst die Rezitative am Cembalo spielt, animiert das auf histo­ri­schen Instru­menten spielende Freiburger Barock­or­chester stets zu extrem akzen­tu­ierten nuancen­reichen Klängen und farblichen Effekten.

Es gibt ihn heute nicht mehr allzu oft, diesen Abend, an dem Musik und Insze­nierung zu einem größeren Ganzen verschmelzen. Diesmal findet er statt.

ORF II zeigt am 2. Mai um 9.05 Uhr den Film „Saul in Szene gesetzt“, und die Streaming-Plattform Fidelio bringt am 8. Mai um 20 Uhr die Aufführung in Gesamt­länge. Unbedingt anschauen!

Helmut Christian Mayer

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