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Foto © Olaf Malzahn

Gespenster in höllischer Komik

DIE GESPENSTERSONATE
(Aribert Reimann)

Besuch am
21. Mai 2021
(Premiere)

 

Theater Lübeck

In gewisser Weise könnte das Werk für diese erste Premiere nach der Corona-bedingten Schließung des Hauses in Lübeck besser nicht gewählt sein. Denn gespens­tisch ist die Situation, wenn man nur mit negativem Testergebnis, nach ausführ­lichen schrift­lichen Erklä­rungen, Perso­nal­aus­weis­kon­trolle und so weiter sowie der obligaten Maske in einem vorschrifts­mäßig spärlich besetzten Haus einer Oper lauscht. Einer Kunstform, die in ihrem Wesen die Kommu­ni­kation mit Ihren Zuhörern intensiv sucht, die sich unter den aktuellen Umständen im Zuschau­erraum selbst wie Gespenster fühlen müssen.

Der 1936 in Berlin geborene deutsche Komponist Aribert Reimann gehört heute zu den am meisten beach­teten und vielfach ausge­zeich­neten zeitge­nös­si­schen Kompo­nisten und kann auf ein umfang­reiches Schaffen in verschie­densten Genres zurück­blicken. Dazu gehört unter anderem die Liedkunst, in der er sich schon früh zu einem geschätzten Begleiter namhafter Sänger entwi­ckelt hat. Insbe­sondere Dietrich Fischer-Dieskau war über eine lange Zeit künst­le­ri­scher Wegbe­gleiter und hat Reimann entschei­dende Anregungen für neue Werke gegeben, nicht zuletzt für seine Oper Lear.

In Die Gespens­ter­sonate verar­beitet Reimann die Eindrücke aus der Begegnung mit dem Werk August Strind­bergs, das ihm bei einem Aufenthalt in Schweden in jungen Jahren nahege­kommen ist. Es ist nicht die einzige Ausein­an­der­setzung Reimanns mit Strindberg, denn es existiert auch noch die Oper Ein Traum­spiel aus dem Jahr 1965.

Foto © Olaf Malzahn

Auch viele andere Kompo­nisten sind durch Strind­bergs Werke angeregt worden. In Schweden zählt man nicht weniger als 140 Liedkom­po­si­tionen, aber auch künst­le­rische Verar­bei­tungen in ganz anderen Genres wie zum Beispiel Musicals und Popsongs. In Schweden hat man Strindberg auch durchaus nicht immer nur düster-bedrü­ckend wahrge­nommen, sondern auch die krass-satiri­schen, ja mitunter komischen Elemente reflek­tiert, und sei es eine Höllen­komik. Genauso geht Reimann auch mit der Gespens­ter­sonate um.

In Die Gespens­ter­sonate trifft sich in einem erstarrten Ritual eine Gesell­schaft des Schweigens. Jahrzehnte zurück­lie­gende Verlet­zungen, Ernied­ri­gungen und unendlich tiefe Demüti­gungen prägen das Verhältnis der Personen unter­ein­ander, sie sind zu Gespenstern geworden. Der Versuch eines jungen, unschul­digen Außen­seiters, die Wahrheit anzusprechen und Kommu­ni­kation und Welt zu öffnen, scheitert. Der junge Student schließlich „… weiß, dass die Welt einstürzen würde, wenn man wirklich aufrichtig wäre.“ So wird er selbst in die Welt des Schweigens und der Sprach­lo­sigkeit gezogen. Es bleibt der moralische Appell an die Menschheit, den Teufels­kreis aufzu­brechen, denn eine Gesell­schaft, die ihre Schuld nicht ausspricht und aufar­beitet, muss zerbrechen. Eine solche Gesell­schaft wird in ihrer Vergiftung erstarren und kein lebens­wertes Mitein­ander ermöglichen.

Regisseur Julian Pölsler zusammen mit seinem Ausstatter Roy Spahn nimmt sich der skurrilen Charaktere und Handlung in einer Gratwan­derung zwischen bitter­böser Dramatik und krasser Komik an, die entlang der Musik­sprache Reimanns entwi­ckelt ist. Die Handlungs­ele­mente werden in großer Klarheit entwi­ckelt. Die Personen werden in eindeu­tigen, teilweise überzeich­neten Kostümen und Masken präsen­tiert. Die Handlung wird aber nicht verfremdet. Die Verfremdung findet in der Musik­sprache der Partitur statt. Reimann arbeitet mit Flageo­letts und Clust­er­for­maten bei Strei­chern und schrill betonten Bläser­fi­guren. So bilden Szene und Kammer­or­chester eine in der Wirkung bedrü­ckende Einheit.

Mit Otto Katzameier als der Alte, Direktor Hummel, dem ewigen Strip­pen­zieher des Bösen, hat die Aufführung ein schwer­ge­wich­tiges Zentrum. Hummel ist äußerlich an einen Rollstuhl gefesselt. Von dort streitet, demütigt, erniedrigt er. Seine persön­liche Gebrech­lichkeit behindert die anderen Personen. Die physische Behin­derung erscheint zunehmend gleich­zeitig wie die psychische Verkrüp­pelung, der er selbst aus der lebens­langen Schuld seiner Taten nicht entgehen kann. Katzameier meistert diesen bedrü­ckenden Part, um den letztlich alle anderen Menschen seines vergan­genen Lebens kreisen, mit Dämonie und klug austa­rierter stimm­licher Präsenz. Das bei Reimann so bedeutsame Wechsel­spiel zwischen hochex­pres­siver Gesangs­me­lodie und Sprech­gesang gelingt grandios.

Foto © Olaf Malzahn

Den Studenten Arkenholz und das Fräulein geben Yoonki Baek und Andrea Stadel eindrucksvoll als das junge Paar, um das sich eigentlich die Hoffnung auf die Zukunft bauen sollte, die jedoch in den Verstri­ckungen der gesell­schaft­lichen Umstände unter­gehen. Hier gibt es keine Hoffnung durch die Jugend.

Wolfgang Schwa­ninger als Oberst erschüttert stimmlich und darstel­le­risch – letzteres sprich­wörtlich bis auf die Unter­hosen entkleidet – als unendlich gedemü­tigtes, altes Opfer Hummels.

Die Mumie von Karin Goltz vermittelt schließlich wirkmächtig Appell, Anklage und Zerstörung des Verbre­chers Hummel.

Daniel Schliewa als junger Diener Johansson und Steffen Kubach als erfah­rener Diener Bengtsson geben wirkungsvoll und überzeugend die kommen­tie­renden Angestellten des Geisterhauses.

Milena Juhl gibt die dunkle Dame und Julia Grote besticht mit einem hinreißend skurrilen Auftritt als Köchin des Gespensterhauses.

So textver­ständlich die Sänger auch agieren, ist man doch für die deutschen Übertitel der deutsch gesun­genen Texte dankbar, die ein unmit­telbar tieferes Verständnis der Zusam­men­hänge erlauben.

Das Philhar­mo­nische Orchester der Hanse­stadt Lübeck unter Andreas Wolf spielt in einer spezi­ellen Kammer­be­setzung mit verschie­denen Bläsern, vier Strei­chern sowie Harfe, präpa­riertem Klavier und Harmonium. Die Klang­technik der Partitur bewirkt eine irreale und unwirk­liche Atmosphäre, die die reale Szene mehr und mehr als Lügenwelt entlarvt. Wolf stellt über die gesamte Vorstellung eine exzel­lente Balance zwischen den hochenga­gierten Orches­ter­mu­sikern und den Sängern mit all ihren intri­katen Aufgaben sicher. Erst in diesem hoch-inten­siven, bezwin­genden Mitein­ander kommt die künst­le­rische Botschaft so erfolg­reich über die Rampe.

Das spärlich über die Plätze verteilte Publikum leistet schließlich seinen eigenen Beitrag mit begeis­tertem Applaus und Bravo-Rufen, der Zuspruch ist begeistert und lang, neben der Hochachtung für die Künstler kommt das Wieder­erleben des Erleb­nisses Theater nach so langer Zeit zum Ausdruck sowie die Hoffnung, dass alsbald auch die Hygie­ne­be­schrän­kungen weiter gelockert werden können und ein wieder unbeschwertes Opern­ereignis möglich wird.

Achim Dombrowski

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