Parabel des Lebens

CIRCUS DAYS AND NIGHTS
(Philip Glass)

Gesehen am
29. Mai 2021
(Urauf­führung)

 

Malmö Opera

Glaubt noch irgend­jemand an Zufälle? Diese Oper ist das Ergebnis eines solchen glück­lichen Zufalls: Tilde Björfors, die Leiterin der zeitge­nös­si­schen Kompanie Circus Cirkör aus Südschweden, war 2015 für die schwe­dische Urauf­führung von Philip Glass‘ Oper Satyagraha in Stockholm verant­wortlich – die war mit über 70 Auffüh­rungen ein großer Erfolg. Im November 2017 besuchte Philip Glass Malmö aus einem anderen Anlass. Es ergab sich die Gelegenheit, dass er Björfors bei einem Abend­essen kennen­lernte. Als Glass erfuhr, dass sie Direk­torin einer Zirkus­gruppe war, erzählte er ihr, dass er vor Jahren die Rechte an einer Gedicht­sammlung des ameri­ka­ni­schen Dichters Robert Lax, der von 1915 bis 2000 lebte, mit dem Titel Circus Days and Nights gekauft hatte, in der das Zirkus­leben metapho­risch mit dem Kreislauf des Lebens verglichen wird. Björfors blieb der Atem stehen – und hier ist der erstaun­liche Zufall – denn sie hatte genau diese Gedicht­sammlung in den letzten vier Jahren praktisch täglich gelesen! Nun ist die Oper, die in Kopro­duktion mit der Malmöer Oper entstanden ist, das Produkt dieser schick­sal­haften Begegnung.

In Circus Days and Nights stellen die echten Mitglieder des Circus Cirkör den Ablauf ihres täglichen Lebens nach: Auftritt in einer Stadt, danach Zelt und Takelage abbauen, einpacken, zur nächsten Station der Tournee fahren, sich für den Abend ausruhen. In den frühen Morgen­stunden des nächsten Tages wird das Zelt wieder aufgebaut, die Künstler proben und dann findet die nächste Vorstellung statt. Robert Lax hatte von diesem Lebensstil geschwärmt, war faszi­niert gewesen von diesem sich ständig wieder­ho­lenden Ablauf. Für ihn bedeutete ein Leben im Zirkus die Konzen­tration auf das Wesent­liche – alles Überflüssige wird abgeworfen, bis das Wesent­liche zum Vorschein kommt.

Foto © Mats Bäcker

David Henry Hwang und Tilde Björfors haben das Libretto auf der Grundlage dieses Gedicht­bandes gemeinsam verfasst. Die Geschichte wird aus der Sicht von Lax erzählt – er erscheint in drei Lebens­ab­schnitten: Methinee Wongtrakoon verkörpert ihn als heran­wach­sender Junge, der vom Zirkus faszi­niert ist, bei Sopra­nistin Elin Rombo ist er ein junger Mann, der tatsächlich mit diesem Zirkus eine Zeit lang herum­reist, und Bassba­riton Jakob Högström ist Lax dann als alter Mann, der über den Kreislauf des Lebens und den Zirkus philo­so­phiert. Einer von diesen Charak­teren ist immer auf der Bühne und kommen­tiert singend das Treiben der Truppe.

Den Kern formt die Cristiani-Familie – beide Eltern sind die Ringmeister, der älteste Sohn Mogador ist Luftakrobat, Rastelli ein Jongleur, La Louisa Meisterin auf dem Trapez, eine bärtige Dame und ein junger Löwen­bän­diger ohne Löwen vervoll­stän­digen das Bild. Es gibt keinen Haupt­dar­steller, aber jeder hat einen Solo-Auftritt. Alle Darsteller sind tatsäch­liche Zirkus­ar­tisten, und als solche sind die von ihnen gezeigten akroba­ti­schen Nummern echt.

Die Musik ist unver­kennbar Philip Glass. Fröhliche und beschwingte synko­pische Rhythmen, mit einem Schuss melan­cho­li­scher Würze, webt das sieben­köpfige Ensemble seine Magie. Obwohl die Zirkus­nummern per Definition hochpräzise und immer gleich sein müssen, werden diese Nummern von Menschen ausge­führt und sind daher nie mecha­nisch geklont. Und so reflek­tiert auch die Musik unter­schied­liche Akzente und Wendungen, während sie den kreis­för­migen, sich immer wieder­ho­lenden Lebens­zyklus durch­läuft.  Die Musiker – auch in aufwän­digen Kostümen – sind auf mobilen Wagen platziert, die unter der Leitung von Minna Weurlander am Akkordeon auf der Bühne bewegt werden.

Magdalena Åberg schuf zauber­hafte Bühnen­bilder und Kostüme mit einer Anspielung auf die Vergan­genheit: Die ikonische Ästhetik der japani­schen Künst­lerin Yayoi Kusama hat sicherlich das Kleid der Frau des Zirkus­di­rektors inspi­riert, mit seinen schwarzen Tupfen auf gelbem Grund und der Kürbisform. Das epochale Triadische Ballett der frühen Bauhaus-Ära in den 1920-er Jahren, entworfen vom Künstler Oskar Schlemmer, mit seinen urwüch­sigen Farbblo­ckie­rungen dürfte für viele der anderen umwer­fenden Kostüme Pate gestanden haben. Auch das Zelt und seine Takelage muss erwähnt werden, denn das unbelebte Objekt hat ein Eigen­leben, ja eine eigene Choreo­grafie – die riesigen Flächen aus weißem Stoff zusammen mit der kompli­zierten Takelage und dem kreis­för­migen Laufsteg, alles unter der Kontrolle von Saar Rombout, ist am beein­dru­ckendsten, wenn es ab- und wieder aufgebaut wird und trägt zum Thema bei, weil die kleinsten Elemente genauso wichtig für das gesamte physische und philo­so­phische Thema der Insze­nierung sind.

Gemeinsam haben Philip Glass und Tilda Björfors sowie die gesamte Besetzung und Crew eine Show geschaffen, die weit mehr ist als nur die Summe ihrer Teile – sie ist eine Liebes­er­klärung an das Leben und die Kreativität.

Zenaida des Aubris

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