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Bis zur blutigen Neige

LUCIA DI LAMMERMOOR
(Gaetano Donizetti)

Besuch am
20. Juni 2021
(Premiere)

 

Opernhaus Zürich

Jahrelang hielt er zwei Stunden auf der Bühne, ohne umzukippen. Die Rede ist vom schiefen Turm von Ravenswood, der jeweils zum Einsatz kam, wenn in Zürich eine Lucia di Lammermoor wieder­auf­ge­nommen wurde. Und das geschah ziemlich oft. Doch nun ist das baufällige Teil aus der Insze­nierung von Damiano Michie­letto Geschichte. Regis­seurin Tatjana Gürbaca durfte für das renom­mierte Haus eine neue Lesart der Schau­ermär nach dem Roman von Walter Scott erarbeiten. Es stellt sich die Frage, warum es kein anderer Donizetti hat sein dürfen. Roberto Devereux vielleicht oder Lucrezia Borgia. Doch es lassen sich vermutlich mehr Meriten generieren, wenn man sich als Regisseur im Opern­zirkus auf die Hits konzen­triert. Der Schuss geht nun nach hinten los, denn mit dem Turm kippt auch die Gunst der Premie­ren­gäste für die aktuelle Anschauung. Und das hat nicht nur mit dem ambitio­nierten Konzept der Regie zu tun.

Gürbaca geht mit großer Sorgfalt an die Arbeit, sie nimmt den Stoff um eine Zwangs­heirat mit Todes­folgen, den Gaetano Donizetti und sein Librettist Slavadore Cammarano 1835 für Neapel zur klang­vollen Blüte brachten, ernst. Womöglich zu ernst. Alles beginnt in einem Mädchen­zimmer, das von einem Geist heimge­sucht wird. Schnell wird klar, dass es sich beim Wesen in Gestalt eines Minotaurus um einen Verge­wal­tiger handelt und dass die kleine Lucia seit jener Zeit trauma­ti­siert ist. Dass sich in dieser Rückblende in Kindertage ihr späterer Geliebter Edgardo als Retter erweist, ist ein pointierter Einfall.

Foto © Herwig Prammer

Die Drehbühne offenbart mehrere Versionen des Tatorts. Der Ort des Verbre­chens ist auch eine Art Zeitkapsel, in der Vergan­genheit, Gegenwart und Zukunft abwech­selnd statt­finden. Anfänglich sind die Verschie­bungen gut nachvoll­ziehbar, es gibt sogar eine Schweizer Präzi­si­onsuhr an der Wand, deren Zeiger mal vorwärts, mal rückwärts­gehen. Doch das erratische Gefüge hat seine Tücken und gerät mit dem grassie­renden Wahnsinn der Protago­nistin zunehmend ins Wanken.

Mit dem Zwang zur Vermählung, kehrt auch die sexuelle Repression aus Lucias Teenager­tagen zurück, das Panop­tikum des Schre­ckens dreht sich immer schneller. Macht, Gewalt und ein Leben in Fremd­be­stimmung fordern ihren Tribut. Als Waffe bleibt Lucia nur ein Messer, das sie dem Frisch­ver­mählten in der Hochzeits­nacht wiederholt in die Brust rammt. Gürbaca zeigt diesen Erlösungsmord zu den ersten Klängen der Wahnsinn­sarie und sie macht es derart blutrünstig, dass man sich in einer Folge von American Horror Story wähnt. Auch wie sie danach durch ihren eigenen Albtraum mäandert, erinnert an die gruselige Netflix-Serie.

Lucias Entgeis­terung beflügelt offenbar die Fantasie von Tatjana Gürbaca und ihrem Team, darunter Bühnen­bildner und Licht­magier Klaus Grünberg sowie Anne Kuhn für die Bühnen­mit­arbeit. Die Symbolik gewinnt derart an Fahrt, dass der Zuschauer dem erwei­terten Raum-Zeit-Kontinuum nur mehr schwer folgen kann. Die Kostüme von Silke Willrett und Kerstin Griess­haber tragen das ihre dazu bei, ein wilder Mix aus schot­ti­schem Kilt-Kult, Banker-Dresscode, Jogger-Attitüde und 60-er-Jahre-Schick bringen Verwirrung statt Konsistenz. Gegen Ende des dritten Akts, wenn alles in Trümmern liegt, verschmelzen Wahn und Wirklichkeit.  Die Bühne wird zum bizarren Schlachtfeld, auf dem sich Edgardo sein eigenes Grab schaufelt.

Gürbaca will mit ihrem Karussell der Knecht­schaft verdeut­lichen, dass nicht nur die Haupt­figur unter den vorherr­schenden Konven­tionen leidet, sondern eine ganze Gesell­schaft in Mitlei­den­schaft gezogen wird. Ihre Botschaft ist unmiss­ver­ständlich, patri­ar­chale Zwänge und veraltete Bräuche brauchen Frischluft, und der nötige Wandel beinhaltet nun Mal Chaos. Durch die Zeiten gefegt wie in Gürbacas wilder Lesart wird dieser Sturm aller­dings zum Hurrikan, der das Wichtigste, die Musik, konter­ka­riert. Am Ende zerfällt das Konstrukt wie ein Soufflé bei offener Ofentür.

Foto © Herwig Prammer

Mag sein, dass die gezeigten Bilder verstören, weil auch der Gesang an diesem Abend nur bedingt trägt. Im Grunde ist es einzig Piotr Beczała, der mit seinem Zauber­tenor die Decke des Mittel­maßes durch­bricht. Auch wenn in seinem Edgardo viel Massenet-Material steckt, gelingen ihm durchweg glanz­volle Belcanto-Bögen und exquisite Legati mit hohem Schmelz­faktor. Einem Sänger von diesem Kaliber gehört jedoch ein entspre­chendes Ensemble beigestellt, so wie man es für eine Stätte wie Zürich erwarten dürfte. Doch dem ist nicht so.

Sopra­nistin Irina Lungu singt zwar wie ihr Bühnen­partner Beczała an den großen Häusern, doch ihre Lucia klingt seltsam spröde und uninspi­riert. Da sind kaum Schat­tie­rungen und es fehlt die Wärme. Lungus Kolora­turen sind höchst akkurat, dafür ebenso spitz. Pech auch, dass ihr der letzte Ton in Il dolce suono riso entgleitet. So richtig in Fahrt kommt ihre Figur praktisch nicht, sie wirkt vielmehr wie das ertrunkene Mädchen aus dem Horrorfilm Der Ring, das mit nassen Haarsträhnen aus einem Brunnen entsteigt und anderen den Tod bringt.

Massimo Caval­letti ist ihr Bruder Enrico Asthon und in dieser Rolle eine tragische Fehlbe­setzung. Sein Bariton hat bernstein­fun­kelnde Tiefen und vibriert sonor in der Mittellage, doch der Sänger ist erstaun­li­cher­weise alles andere als höhen­sicher. Was erst nach Ausrut­scher klingt, wiederholt sich. Ein wahrhaf­tiges Autsch, denn die TV-Kameras im Saal zeichnen alles auf. Darstel­le­risch gibt es nichts zu bemängeln, ohnehin ist die Perso­nen­führung bis hin zu den Statisten stringent.

Oleg Tsibulko ist mit seinem gut geführten, aber wenig wendigen Bass ein stand­hafter Raimondo, Iain Milne gibt mit seinem stilsi­cheren Tenor einen soliden Normanno und Andrew Owens ist der Arturo-Tenor, der in dieser Kurzrolle wenig Gelegenheit zum Glänzen erhält. Roswitha Christina Müllers timbrierter Mezzo­sopran als Kammerdame ist vielversprechend.

Der Chor von Janko Kastelic hat Durch­schlags­kraft, hören kann man das aller­dings nur über Glasfa­ser­kabel, auf der Bühne agieren Schau­spieler. Rezen­senten dieser Tage kommen in kleineren Häusern oft in den Genuss von Live-Chor und Orchester. Wer dann den abrupten Wechsel zur kilome­ter­ent­fernten Glasfaser-Technik in Zürich zu hören bekommt, ist enttäuscht. Dirigentin Speranza Scappucci führt die Philhar­monia Zürich mit feinem Gespür durch die vielschichtige Partitur, die auch Verdi mit ihrer Dramatik beein­flusst hat. Ein volumi­nöser Klang­körper, doch die Tempi, perdona, vereinzelt langatmig.

Der Schluss­ap­plaus ist eindeutig. Berstende Bravo-Rufe für Strah­lemann Piotr Beczała, zurück­hal­tender Applaus für die anderen Künstler sowie satte Buhrufe für die Regie. Schon so manche Neupro­duktion machte wieder Platz für die Vorgän­ger­version. Das wird in der Branche manchmal sogar vertraglich vereinbart.

Peter Wäch

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