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Foto © Christoph Krey

Demokratischer Diskurs in zwei Sprachen

CORIOLANUS
(William Shakespeare)

Besuch am
28. Juni 2021
(Premiere)

 

Globe-Theater, Neuss

Rund 30 Prozent der Neusser Bevöl­kerung verfügen über einen Migra­ti­ons­hin­ter­grund. In der Stadt­ge­sell­schaft spiegelt sich das trotz vieler Bemühungen bislang nur marginal wider. Da lässt einen aufhorchen, wenn das diesjährige Shake­speare-Festival mit einer deutsch-türki­schen Aufführung aufwartet, die dazu noch die politischste und letzte Tragödie Shake­speares darstellt. Die Bremer Shake­speare-Company hat das Tiyatro Bereze aus Istanbul einge­laden, gemeinsam eine zweispra­chige Insze­nierung zu entwickeln.

Eine irritie­rende Ausgangs­vor­aus­setzung: Eine deutsche und eine türkische Schau­spiel­truppe verhandeln die römische Demokratie, also nur indirekt eine gemeinsame Kultur. Dafür verwenden die Darsteller zwei Sprachen, eine, die den meisten Deutschen vollkommen unbekannt ist, und die andere eine Kauder­welsch-Übersetzung eines alter­tüm­lichen engli­schen Textes ins Deutsche. Übertitel oder Ähnliches ist nicht vorge­sehen. Dem Publikum scheint es eine inter­es­sante Angele­genheit zu sein, denn so gut wie alle Plätze im Führring vor dem Neusser Globe-Theater sind besetzt. Da darf man gespannt sein, wie die fünf Schau­spieler die Massen­szenen im Stück Corio­lanus von William Shake­speare zeigen werden.

Foto © Christoph Krey

Im Vorfeld verspricht Regisseur Doğu Yaşar Akal, einen eigenen „Spiel-Kosmos“ mit einer „neuen Theater­sprache“ zu erschaffen. Dabei sei das Stück so angelegt, „dass es einer­seits auf der Bühne zu sehen und zu hören ist, aber sich anderer­seits auch im Kopf der Zuschauer zu behaupten versucht“. Und das gelingt auf wunderbare Weise, indem er den Akzent eher auf die Unter­haltung als die Tragödie legt. Auf der Bühne von Heike Neuge­bauer geht es dabei recht überschaubar zu. Zwei Tonnen, ein fahrbares Rednerpult, seitlich ein paar Stühle und am Ende ein bisschen was zum Staunen. Dazu passend gibt es die Requi­siten von Melanie Kuhl. Rike Schimit­schek hat bei den Kostümen eine Art Grund­aus­stattung, die mit Hilfe kleinerer Acces­soires wie Umhängen und Perücken blitz­schnelle Rollen­wechsel ermög­lichen. Denn wie es sich für eine Shake­speare-Aufführung gehört, haben die fünf Darsteller jede Menge Rollen zu bewältigen.

Die Geschichte ist so schnell wie turbulent erzählt. Caius Martius kehrt als erfolg­reicher Feldherr heim nach Rom, wo er den Ehren­namen Coriolan erhält und ihm die Würde des Konsuls angetragen wird. Zeitgleich rumort es im Volk. Zur Beruhigung ernennt der Adel zwei Volks­tribune, die in der Folge dafür sorgen, dass der Macht­mensch nicht nur auf den Konsul­titel verzichten, sondern sogar Rom verlassen muss. Der schließt sich daraufhin Tullus Aufidius, dem Herrscher über die Volkser an und zieht mit ihm gegen Rom. Akal, der mit seinem Ensemble eine eigene Textfassung erarbeitet hat, wendet einige Tricks an, um die Anfor­de­rungen des Stücks zu erfüllen. Da simulieren die Darsteller mal den Senat, mal das Volk, ein andermal wird das Publikum zum Plebs. Die Schlä­ge­reien werden im Comic- und Slow-motion-Stil gezeigt, was beim Publikum immer wieder gut ankommt.

Überhaupt treiben Markus Seuss, Erkan Uyaniksoy, Simon Elias, Svea Meiken Auerbach und Elif Temucin Uyaniksoy das Geschehen mit viel Spiel­freude voran, selbst drama­tische Monologe werden auf das Notwendige verkürzt. Da muss man schon sehr konzen­triert dabei bleiben, um die raschen Szenen­wechsel ebenso wie die Slapstick-Einlagen zu verstehen. Lohn für die „Mühe“ sind zwei Stunden, die nur so verfliegen, was angesichts des Insek­ten­ge­tümmels gern gesehen wird.

Foto © Christoph Krey

Ach ja, und die Sprache? Es bleibt im Wesent­lichen bei der guten Idee. Angesichts der Tatsache, dass im Zuschau­errund – nach äußerem Anschein – nur wenig türkisch­spra­chige Zuschauer sitzen, bleibt die Frage nach der Notwen­digkeit. Angesichts des Umstandes, dass das Türkische mitunter ganz wunderbar klingt, ist es nicht schlimm, sich das anzuhören. Aller­dings nimmt Akal auch an einigen Stellen bewusst in Kauf, dass allein deutsch­spra­chige Zuschauer allein­ge­lassen werden und schlicht nicht verstehen, was da eben auf Türkisch gesagt wurde. War das Gesagte also überflüssig oder so unbedeutend, dass es keiner näheren Übersetzung bedarf? Die Sprach­vielfalt bleibt damit ein schöner, erster Versuch, der aber sicher der Weiter­ent­wicklung bedarf und auch das Potenzial dazu hat.

Ein paar Meter nur vom Veran­stal­tungsort entfernt, geht das Rheinische Landes­theater Neuss den umgekehrten Weg, indem Inten­dantin Caroline Stolz gleich ganze Stücke ohne Worte anbietet. Was sich Astrid Schenka als Künst­le­rische Leiterin des Shake­speare-Festivals in den nächsten Jahren einfallen lässt, um möglichst viele Natio­na­li­täten vor der Bühne am oder im Globe zu versammeln, wird sicher nicht nur in Neuss aufmerksam verfolgt werden. Denn hier kann das Theater einen bislang wenig beach­teten Beitrag zum gesell­schaft­lichen Konsens leisten.

Derweil geht das diesjährige Shake­speare-Fest in Neuss mit einer Aufführung am kommenden Freitag zu Ende. Unter erheblich erschwerten Bedin­gungen hat das Organi­sa­ti­onsteam wieder eine hervor­ra­gende Arbeit abgeliefert und trotz unglaub­licher Gänge­leien den Besuchern ein außer­ge­wöhn­liches Erlebnis vermitteln können. Ob es dabei in erster Linie am guten Wetter, der fast familiär wirkenden Örtlichkeit oder einem wie immer abwechs­lungs­reichen Programm lag, mag jeder Besucher für sich selbst entscheiden. In jedem Fall war auch dieses impro­vi­sierte Fest eine Empfehlung, im kommenden Jahr wiederzukehren.

Und wer die bezau­bernde Atmosphäre am Führring abseits von William Shake­speare genießen möchte, hat dazu vom 3. bis zum 11. Juli Gelegenheit. Denn die Stadt Neuss lädt dann zum zweiten Mal zu einem Kultur­garten ein.

Michael S. Zerban

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