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Nichts für Puristen

DON GIOVANNI
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
27. Juli 2021
(Premiere am 26. Juli 2021)

 

Salzburger Festspiele, Großes Festspielhaus

Sobald sich der Vorhang öffnet, sieht man den weitläu­figen Innenraum einer Barock­kirche. Doch noch bevor der erste Ton erklingt, erscheinen Arbeiter in Overalls mit einem Gabel­stapler und beginnen, diesen auszu­räumen. Kirchen­bänke werden hinaus­ge­tragen, sogar das große Kreuz wird entfernt und durch einen Basket­ballkorb ersetzt. Erst nach gefühlten zehn langen Minuten beginnt die Ouvertüre. Und dieser neue Salzburger Don Giovanni von Wolfgang Amadeus Mozart als erste Opern­pro­duktion der heurigen Sommer­fest­spiele im Großen Festspielhaus– er kommt Corona-bedingt mit einem Jahr Verspätung auf die Bühne – löst als zentrale Opern­pro­duktion hohe Erwar­tungen aus, hat auch noch viele weitere Überra­schungen parat, szenisch wie auch musikalisch.

Und er ist nichts für Puristen: Eine Autoli­mousine, ein Klavier, ein Rollstuhl, Basket­bälle krachen ohren­be­täubend und verstörend von oben auf die Bühne. Antike Bilder tauchen auf, eine Kutsche schwebt im Raum: Es ist der Beginn der symbol­schwan­geren Materi­al­schlacht auf der Riesen­bühne. Es ist eine überbor­dende, meist rätsel­hafte Bilderflut mit Gazevor­hängen, Theater­rauch und Licht­stim­mungen. Und Romeo Castel­lucci, der auch für die komplette Ausstattung verant­wortlich, zeichnet Don Giovanni als Zerstörer, der alles kaputt macht. Auch alle anderen Personen fokus­siert er bei seiner Perso­nen­führung ganz genau. Und er gibt den Erobe­rungen des Titel­helden ein Gesicht, denn er lässt 150 Frauen auf der Bühne in verschie­densten Forma­tionen durch­cho­reo­gra­fiert aufmar­schieren. Im zweiten Akt wird alles reduzierter und etwas magischer. Zum packenden Finale ist ihm hingegen wenig einge­fallen. Denn es taucht kein Komtur auf, der singt aus dem Off. Anstelle einer Höllen­fahrt wälzt sich Don Giovanni auf leerer Bühne nackt in weißer Farbe.

Foto © Ruth Walz

Im Orches­ter­graben waltet Teodor Currentzis und sorgt bei „seinem“ Orchester MusicAe­terna sowohl für Rekorde, was das Tempo, wie auch, was die Dynamik betrifft und bürstet Mozart ordentlich gegen den Strich. Vieles wird verfremdet, da gibt es Stampfen, nerviges Rasen, unend­liche Zeitlupe. Vieles wird oft nur für den bloßen Effekt extrem ausge­reizt: Langsame Stellen werden noch langsamer, oft sogar regel­recht zerdehnt: Etwa bei der Arie Dalla sua pace so sehr, dass Don Ottavio sogar noch einige Zwischentöne und Verzie­rungen einschieben muss. Dafür muss der Titelheld bei der ohnedies schon schnell kompo­nierten Champagner-Arie noch mehr Gas geben. Zudem wird dabei der Orches­ter­graben kurzfristig hochge­fahren, von einem Blitz­ge­witter begleitet. Genauso werden Pianissimi bis zur kaum mehr hörbaren Wahrnehmung reduziert und bei den Forte-Stellen ordentlich aufge­dreht. Aber die mit alten Instru­menten spielenden Musiker aus Perm kennen ihren Meister, der mit ungemeiner Energie und Vitalität und recht eigen­wil­ligen Zeichen diese extrem aufsta­cheln kann. Maria Shabashova am Hammer­klavier scheint überhaupt nicht nur bei den Rezita­tiven alle nur erdenk­lichen Freiheiten zu haben. Denn da werden bei Umbauten auf der Bühne noch nie gehörte, fast jazzig oder impro­vi­sa­ti­ons­mäßig klingende Passagen einge­spielt, und zu Beginn der Fried­hof­szene intonieren einige Musiker die chroma­tisch-kühne Einleitung zu Mozarts Disso­nanzen-Streich­quartett. Die Klänge ändern die Stimmung abrupt, die Düsternis hält Einzug. Aber musika­lisch bleibt die Inter­pre­tation immer aufregend und ungemein spannend.

Dazu tragen auch die Sänger, die alle sehr lyrisch besetzt sind, viel bei: Davide Luciano verfügt über einen schönen, ja, verfüh­re­ri­schen Bariton, reich an Nuancen. Der gleich gewandete und von Statur und Optik wie ein Doppel­gänger ausse­hende Vito Priante ist ein markanter Leporello. Michael Spyres hat optisch einen schweren Stand, denn er wird als Don Ottavio als völliges Weichei gezeichnet und wie ein Popanz mit weiten Gewändern und seltsamen Kopfbe­de­ckungen kostü­miert. Einmal schaut er wie Montezuma aus, ein anderes Mal wie ein lächer­licher Militär­dik­tator. Zudem muss er zweimal mit getrimmten König­pudeln verschie­dener Größen bei seinen Arien „äußerln“ gehen. Er singt ihn mit schön geführtem, weichem Tenor. Apropos Tiere, einmal geht auch eine Ziege quer über die Bühne und einmal rennt eine Ratte herum.

Überragt werden alle von Nadezhda Pavlova als Donna Anna: Leuchtend und sicher ist sie auch bei den Kolora­turen und singt mit flammend inten­siver Leiden­schaft. Die Paradearie Non mi dir, bell’idol mio wird zu ihrer Glanz­nummer, nach der sie heftig umjubelt wird. Federica Lombardi ist eine innig berüh­rende Donna Elvira mit großer Lebens­er­fahrung, die auch von einer nackten Schwan­geren gedoubelt wird. Auf einem Fauteuil sitzend, steigt neben ihr ein kleines Kind heraus, offen­sichtlich das gemeinsame mit dem Titel­helden, vor dem dieser flüchtet, als es die Arme austreckt und auf ihn zuläuft. Die Zerlina der Anna Lucia Richter klingt sehr delikat und frisch. David Steffens ist eine solider Masetto. Mika Kares kann als Komtur mit Stimm­gewalt den Riesenraum des Festspiel­hauses füllen. Der MusicAe­terna-Chor und die Herren des Bachchors Salzburg singen aus dem Orchestergraben.

Stehende Ovationen, in die sich einige Buhs mischen.

Helmut Christian Mayer

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