Dankgebet nach überstandener Krise

CURLEW RIVER
(Benjamin Britten)

Besuch am
27. August 2021
(Premiere)

 

Musik­theater im Revier Gelsen­kirchen, St.-Georgs-Kirche

Bei der Ruhrtri­ennale war es mit Gisèle Viennes Der Teich die bis dahin kleinste und äußerlich unspek­ta­ku­lärste Produktion, die mit ihrer konzen­trierten, entschleu­nigten und perfekten Ausführung die nachhal­tigsten Eindrücke hinterließ. Auch das Gelsen­kir­chener Musik­theater im Revier startet nicht mit einem effekt­vollen Opern-Reißer, sondern mit einer intro­ver­tierten, sparsam besetzten Kurzoper, die mit ihrer religiösen Botschaft wie eine Fürbitte oder ein Dankes­gebet nach einer überstan­denen Krise wirkt. So präsen­tiert sich Benjamin Brittens Kirchen­pa­rabel Curlew River zumindest in der Gelsen­kir­chener Insze­nierung von Carsten Kirchmeier, für die man eigens in die St. Georgs-Kirche umgezogen ist.

Foto © Björn Hickmann

Dass sich Britten für das 1964 urauf­ge­führte Werk von ritua­li­sierten Formen des japani­schen Nô-Theaters inspi­rieren ließ und eine Verknüpfung mit christ­lichen Myste­ri­en­spielen anstrebte, inter­es­siert das szenische Team freilich weniger. Zu sehen ist eine eindeutig christlich akzen­tu­ierte Legende auf der Basis einer jahrhun­der­te­alten japani­schen Geschichte. Eine vor Verzweiflung in den Wahnsinn getriebene Mutter sucht nach ihrem vor einem Jahr von einem Sklaven­händler verschleppten Sohn. Sie bittet einen Fährmann, sie an das andere Ufer des Curlew River zu setzen. Dort wird ein verstor­benes Kind verehrt, dem man heilende Wunder­kräfte nachsagt. Die Mutter erkennt darin ihren Sohn, dessen Stimme aus dem Jenseits Hoffnung und Heil verkündet.

Ein Männerchor in Mönchs­kutten eröffnet das Spiel mit einem grego­ria­ni­schen Choral. Sowohl das mit sieben Musikern sparsam besetzte Orchester als auch die auf vier Sänger beschränkte Besetzung deuten bereits Brittens Absicht an, mit extrem reduzierten Ausdrucks­mitteln ein Maximum an inspi­rierter Wirkung zu erzielen. Drama­tische theatra­lische Effekte spielen keine Rolle. Man agiert konzen­triert, nahezu statisch in entschleu­nigtem Tempo und die Regie bleibt dem Libretto eng verhaftet. Auf aktua­li­sie­rende Ambitionen oder auf Origi­na­lität getrimmte Effekte verzichten Carsten Kirchmeier und Kostüm­bild­nerin Karin Gottschalk konse­quent. Das trägt durchaus die 75-minütige Spiel­dauer, auch wenn der verhei­ßungs­volle Schluss in dieser Machart wie von einer leicht frömmelnden und betulichen Patina überzogen wirkt.

Peter Kattermann hält die Musiker der Neuen Philhar­monie Westfalen stark zurück, so dass die Solisten ihre am Wortrhythmus orien­tierten und melodisch eher spröden Beiträge mühelos in den Kirchenraum tragen können. Aller­dings kommt es aufgrund der halligen Akustik und der recht weiten Abstände zu Abstim­mungs­pro­blemen zwischen Orchester und Sängern. Sehr markant präsen­tieren sich Petro Ostapenko als Fährmann und Urban Malmberg als Reisender. Für die „Verrückte“ hat Britten einen Tenor vorge­sehen. Adam Temple-Smith bewältigt seinen Part zwar vorbildlich, verfügt aber über einen baritonal gefärbten, also recht „männlichen“ Tenor. Die Kinder­stimme aus dem Jenseits ist bei Dongmin Lee gut aufge­hoben, auch wenn ein Knaben­sopran angemes­sener wäre. Dass Michael Heine den Abt mit Hygiene-Maske singt, ist befremdlich, stört aber nicht weiter. Der nicht immer sauber intonie­rende Herrenchor des Musik­theaters rundet den musika­lisch insgesamt vorzüg­lichen Eindruck ab.

Viel Beifall für eine kleine, stille, behutsam insze­nierte Produktion. Als Fürbitte für bessere Zeiten kein unpas­sender Einstieg in die neue Saison.

Pedro Obiera

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