O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Carole Parodi

Oper ohne Grenzen

GUERRE ET PAIX
(Sergej Prokofieff)

Besuch am
13. September 2021
(Premiere)

 

Grand Théâtre de Genève

Die Eröff­nungs­pre­miere des Grand Théâtre de Genève mutet wie ein Befrei­ungs­schlag von den Fesseln der Pandemie an. Sergej Proko­fieffs monumen­tales Gesell­schafts- und Polit­drama Krieg und Frieden in voller Besetzung mit fast 30 Solorollen, einem riesigen Chor- und Orches­ter­ap­parat ohne jede szenische Einschränkung auf die Bühne zu stellen, wäre vor wenigen Monaten noch als hygie­ni­sches Harakiri in die Theater­ge­schichte einge­gangen. Nicht nur mit der Wahl des Stücks, auch mit der Verpflichtung des Regis­seurs Calixto Bieito signa­li­siert Intendant Aviel Cahn, dass in Genf endlich wieder Oper ohne Grenzen angesagt ist. Wenn der Chor nach der Pause direkt an der Rampe aus übervoller Brust die patrio­ti­schen Durch­hal­te­ge­sänge des von den Franzosen bedrängten russi­schen Volks ins Publikum schmettert, scheint es, als schnürten sich die Masken des ohne Abstand postierten Publikums noch enger zu.

In einem Punkt hat Cahn sicher Recht. Proko­fieffs Oper bietet alles an Aufwand, Effekt, psycho­lo­gi­scher und politi­scher Aussa­ge­kraft, was die Gattung zu bieten hat. Dafür sorgt schon die vielschichtige Vorlage von Leo Tolstois gleich­na­migem Roman, den der Komponist und dessen Frau Mira Mendelson-Prokofjewa auf ein knapp vierstün­diges Opern­format zurecht­ge­stutzt haben. Und zwar zur Zeit des Einmarschs der deutschen Truppen ab dem Winter 1941. Proko­fieff sah darin eine Analogie zum früheren „großen vater­län­di­schen Krieg“, der Belagerung durch Napoleon um 1812. Ereig­nisse, die beide unermess­liches Leid über das Land gebracht, aber dennoch nicht zur Kapitu­lation geführt haben. Dass Proko­fieff mit seinem Werk und den Rückblick auf Tolstois Darstellung seinen Zeitge­nossen Kraft und Hoffnung schenken wollte, hebt ihn von platten patrio­ti­schen Durch­halte-Rheto­rikern ab.

Foto © Carole Parodi

Inter­essant, dass Calixto Bieito die unmit­tel­baren politi­schen Hinter­gründe nicht inter­es­sieren. Napoleon wird als solcher kaum wahrge­nommen und direkte Bezüge zu Hitlers Invasion kommen gar nicht vor. Bieito schildert eine dekadent durch­seuchte Oligarchen-Elite, die an ihrer eigenen Selbst­ge­fäl­ligkeit und Empathie­lo­sigkeit zugrunde geht und das ganze Land mit sich in den Ruin zieht. Es bedarf nicht auslän­di­scher Invasoren, um Moskau zu zerstören. Den Keim des Unter­gangs trägt die Gesell­schaft in sich selbst. Insofern bleibt ein blutiges Schlach­ten­ge­mälde, wie man es von Bieito erwarten könnte, überra­schen­der­weise aus. Die feind­lichen Eindring­linge und die verwöhnten russi­schen Oligarchen von einst lassen sich kaum unterscheiden.

Im gleich langen ersten Teil der Oper scheint es zunächst nur um die Liebes­wirren junger verwöhnter Adeliger zu gehen. Eine Fassade, die Bieito geschickt durch­bricht. Das Einheits­büh­nenbild von Rebecca Ringst zeigt ein immens luxuriöses, einem Saal der St. Peters­burger Eremitage nachemp­fun­denes Interieur, in dem einst die Hessen­prin­zessin Maria Alexand­rovna als Gattin von Alexander II. residierte. Am Anfang der Insze­nierung scheint der Saal verlassen, das Mobiliar mit Folien verhüllt. Nur die junge Natascha wandelt durch das leblose Museums-Szenario. Langsam entsteigen Menschen den verhüllten Sesseln und Diwans und es entwi­ckelt sich eine Beziehung zwischen Natascha und dem schwär­me­ri­schen Andrei, die durch den großspu­rigen Anatol und den visio­nären Pierre in wirre Kompli­ka­tionen gestürzt wird. Der Versuch Nataschas und Andreis, dem goldenen Käfig zu entfliehen, scheitert. Die reich verzierten Wände erweisen sich als undurch­dring­liche Kerker­mauern. Natascha geht eine halbherzige Vernunftehe ein und wartet vergebens auf ihr Glück, bis sie, erst ganz am Schluss, als eine der wenigen Überle­benden gereift und selbst­be­wusst einer neuen Zukunft entgegengeht.

Foto © Carole Parodi

Beein­dru­ckend, wie sich im zweiten Teil die Wände und Decken inmitten der oberfläch­lichen und gefühl­s­armen Welt des russi­schen Adels aufzu­lösen beginnen. Die Franzosen können ihre Kanonen schonen. Sie brauchen der Selbst­zer­flei­schung des morbiden Regimes nur zuzuschauen. Am Ende, der Salon liegt in Trümmern, überfluten Video-Sequenzen die Bühne, in denen eine dritte staats­ge­fähr­dende Invasion vorweg­ge­nommen wird. Heuschrecken, Dürren und andere Vorboten der Klima­ka­ta­strophe geben dem Stück eine neue, überra­schende, erstaunlich überzeu­gende, aktua­li­sie­rende Wendung.

Es ist nicht immer leicht, Bieitos reizüber­flu­teter Detail­fülle zu folgen. Aber so konzen­triert, ohne schockie­renden Ehrgeiz, ohne überdrehten Aktio­nismus, präsen­tierte er sich bisher in den wenigsten seiner Inszenierungen.

Eine Bewäh­rungs­probe wird der aufwändige Abend auch für den jungen Dirigenten Alejo Pérez, der Proko­fieffs Füllhorn an stilis­ti­schen Ausdrucks­mitteln von zartestem Walzer-Gesäusel bis zu dräuenden Schlach­ten­hymnen voll und wie befreit auskostet. Ein Kraftakt, den auch das Orchester konzen­triert stemmt. Gesanglich bewegt sich das Genfer Haus auf gewohnt hohem Niveau. Die wohl dankbarste Partie, die der Natascha, erfüllt Ruzan Mantashyan darstel­le­risch und gesanglich in allen ihren Fassetten mit ebenso eindring­licher wie berüh­render Inten­sität. Björn Bürger glänzt als Andrei mit allen Quali­täten eines Kavalier­ba­ritons. Daniel Johansson gibt dem radikalen Profil des Pierre Ausdruck. Dmitry Ulyanov als Feldmar­schall Kutzow überzeugt mit seinem substanz­reichen Bass ebenso wie Aleš Briscein als Anatol mit seinem pointierten Tenor. Und auch der Rest des vielköp­figen Ensembles weist keinerlei Schwächen auf. Erst recht nicht der voluminös auftrump­fende Chor.

Ein langer, durch reizüber­flu­tende Wogen anstren­gender Abend, der nicht nur vor Gefahren der Zukunft warnt, sondern zugleich befreiend wie das Erwachen aus einem künst­lichen Koma Hoffnung signa­li­siert. Entspre­chend begeistert fällt der Beifall für alle Betei­ligten aus.

Pedro Obiera

Teilen Sie O-Ton mit anderen: