O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Zwischen Traum und Wirklichkeit

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER
(Richard Wagner)

Besuch am
16. Oktober 2021
(Premiere)

 

Staats­theater Meiningen

Nach der umstrit­tenen Insze­nierung des Fliegenden Holländers in Bayreuth durch Dmitrij Tcher­niakov in diesem Jahr darf man nun auf die Gestaltung dieses Frühwerks von Richard Wagner am Staats­theater Meiningen gespannt sein. Doch eigentlich ist diese Aufführung keine echte Premiere, denn Regisseur Kay Metzger hat die Insze­nierung bereits 2017 als letztes Werk seiner Intendanz in Detmold und 2019 als Intendant am Theater Ulm auf die Bühne gebracht. Nun also die dritte Auflage in Meiningen, aber nicht als lauwarmer Aufguss, sondern als packendes psycho­lo­gi­sches Kammer­spiel mit einer puber­tären Senta, die fixiert ist auf einen Filmhelden, der aus dem Plakat heraus in ihr einfaches und verträumtes Leben tritt.

Metzger verlegt die Handlung in ein etwas herun­ter­ge­kom­menes Kinofoyer der 1950-er Jahre. Es ist die Zeit des Vergessens und Verdrängens der Schrecken des Zweiten Weltkrieges, Heimat­filme verleihen die Illusion der heilen Welt, in die man flüchten kann. Bürger­liche Spießigkeit, der Traum vom trauten Heim, Frau am Kochherd und am Kinderbett. Damit entfloh die Nachkriegs­ge­neration dem zerstö­re­ri­schen Trauma des so genannten Dritten Reiches und des Krieges, anstatt sich mit ihr ausein­an­der­zu­setzen und sie aufzu­ar­beiten. Genau hier knüpft Metzger sein Setting sehr intel­ligent an. Senta ist ein puber­tie­rendes Mädchen, spießig gekleidet in grauem Faltenrock, weißer Bluse und gelber Strick­jacke. Und Senta träumt von einem Helden, einem starken Mann, der sie aus der Tristesse und Spießigkeit ihrer Zeit befreit und entführt. Im Kino 1 lässt sich dieser Traum ausleben, denn dort läuft täglich der Film Fluch der Meere, eine witzige Anspielung auf die mehrtei­ligen Kinofilme der Fluch-der-Karibik-Serie. Vor dem Kino hängt ein großes Plakat mit dem Helden, vor dem Senta steht. Schon während der Ouvertüre wird klar, dass Sentas Kinobe­suche fast schon rituelle Handlungen sind. Vor der Vorstellung starrt sie auf das Plakat, dann trinkt sie eine Tasse Kaffee und faltet ein kleines Papierboot. Dann betritt sie das Kino. Anschließend wird es dunkel auf der Bühne, während grelle Schein­werfer ins Publikum leuchten. Als es hell wird, sitzt Senta wieder im Kinofoyer, trinkt Kaffee und faltet ein Papierboot. Diese Szene wiederholt sich während der Ouvertüre gleich viermal, so dass jedem Zuschauer klar sein muss, das ist keine normale Schwär­merei, das ist schon eine patho­lo­gische Fixation auf eine irrationale Figur.

Nachdem Senta nun zum wieder­holten Mal im Kino ihrer Fantasie freien Lauf lässt, entwi­ckelt sich die reale Welt am Bartresen des Kinofoyers. Daland ist ein abgehalf­terter Seemann, dem Alkohol mehr als zugetan. Der Steuermann ist der Barkeeper hinterm Tresen, immer darauf bedacht, die Gläser zu polieren und hinter dem trunkenen Daland aufzu­räumen. Metzger verliert sich aber nicht in psycho­lo­gi­scher Überhöhung, sondern er überzeichnet die Charaktere sehr pointiert, immer mit einem Augen­zwinkern, was dieser Insze­nierung zusätzlich einen gewissen Witz und Charme verleiht. Manchmal übertreibt er es aller­dings mit seinem etwas bösem Humor, so wenn der Steuermann bei der Wieder­holung seines Liedes singt: „Ach liebes Mädel blas‘ noch mehr, mein Südwind …“. Es muss natürlich heißen „Ach lieber Südwind blas‘ noch mehr, mein Mädel …“. Dass das kein Patzer des Sängers ist, sondern als Zote bewusst eingebaut, kann man am einge­blen­deten Text als Übertitel gut erkennen. Auch das Plakat ist mittler­weile ausge­tauscht, im Kino läuft passend für die damalige Zeit der Ruf der Heimat. In der ersten Szene singt der Chor der Seeleute Dalands noch unsichtbar von der Hinter­bühne. Der Auftritt des Holländer ist passend gelöst. Nach dem schon bekannten Wechsel von Dunkelheit auf der Bühne und grelle Schein­werfer ins Publikum liegt der Holländer auf dem Boden, das Kinoplakat zeigt nur noch den Filmtitel ohne Konterfei. Der Holländer ist aus der Fiktion des Films aus dem Plakat scheinbar in die reale Welt Dalands gefallen, was Senta von ihrem Platz aus inter­es­siert beobachtet. Der Holländer, mit einem schwarzen Leder­mantel gekleidet, beginnt mit seinem Auftritts­mo­nolog. Um zu unter­streichen, dass er nicht sterben kann, schießt er sich mit einem Revolver eine Kugel in den Kopf, die er sogleich wieder ausspuckt, eine parodis­tische Anleihe an die Fluch-der-Karibik-Serie. Auch wenn die Szenerie immer wieder durchaus witzig erscheint, so ist der Grund­tenor doch sehr ernst und lässt dem Assozia­ti­ons­ver­mögen des Publikums viel Spielraum. Die reichen Schätze des Holländers sind viele dicke Banknoten, bei denen Daland natürlich sofort schwach wird. Man kommt ins Geschäft, und es wird reichlich Alkohol getrunken, der aber nur Daland beeinträchtigt.

Foto © Christina Iberl

Zum Schluss des ersten Aufzugs tritt dann der Chor der Seeleute auf, alle gleich gekleidet wie der Barkeeper-Steuermann, mit weißem Hemd, Hosen­träger, schwarzem Hut und Brille. Herrlich choreo­gra­fiert, wenn die zwanzig Herren gleich­zeitig ihre Gläser polieren, das hat schon was von Slapstick. Die Mehrfach­spie­gelung und Projektion einer Figur wird dann im zweiten Aufzug noch verstärkt, wenn der Damen-Chor als zwanzig­fache Ausgabe Sentas im selben Outfit, gleicher Frisur und mit Strick­nadeln bewaffnet die Assoziation bei Senta und wohl auch beim Publikum hervorruft: Baby-Strampler sind ihr drohendes Schicksal. Aus dem Chor der Spinne­rinnen wird so mal eben der Chor der Stricke­rinnen. Mary, die Amme, ist ebenfalls mit Stricken beschäftigt, sie tritt aber im selben Outfit wie der Steuermann auf. Damit ist Marys Nähe mehr zu Daland als zu Senta gegeben. Und Erik, der vergeblich um sie wirbt, ist auch nicht der Held ihrer Träume. An dieser Stelle wird die Insze­nierung leider unter­brochen, und mitten im zweiten Aufzug gibt es eine Pause. Die ist aller­dings nicht den Hygie­never­ord­nungen geschuldet, denn diese Pause hat Metzger auch schon in Detmold und Ulm eingebaut. Für Wagner-Puristen ist diese künst­liche Pause natürlich ein Bruch des Geschehens, aber der psycho­lo­gi­schen Spannung tut sie keinen Abbruch.

Im zweiten Teil nähern sich der Holländer und Senta an. Vor ihrem Vater Daland scheint sich Senta zu fürchten oder zu ekeln, seine körper­liche Nähe zu ihr führt zu massiver Ablehnung bis hin zum extremen Kratzen ihrer Arme. Deutet Metzger da ein zurück­lie­gendes Kindheits­trauma bei Senta an, eventuell einen Missbrauch? Im Gegensatz zur drasti­schen Vorge­schichte Tcher­niakovs in Bayreuth geht Metzger aber über vage Andeu­tungen nicht hinaus und überlässt dem Publikum den Spielraum für Inter­pre­ta­tionen. Nach der Verlobung gibt es Sekt, und man setzt sich zusammen an den Tisch und spielt eine Runde „Mensch ärgere dich nicht“, an der Senta aber eher apathisch teilnimmt. Das war doch nicht das, was sie sich erträumt hat. Der Matro­senchor, oder besser gesagt der Chor der Barkeeper im dritten Aufzug, ist komplett betrunken und taumelt und tanzt zu der bekannten Melodie, während die Matrosen des Holländers nur akustisch einge­blendet werden. Auch Erik ist volltrunken, und fordert sein Recht, da Senta ihm ja schon ihre Treue geschworen hat. Der Holländer erkennt, dass er sein Spiel verloren hat, und will von dannen ziehen. Senta entwindet ihm den Revolver und hält sich diesen an den Kopf. „Preis deinen Engel und sein Gebot – Hier steh ich treu bis zum Tod!“ Die Erlösung des Holländers durch Sentas Tod, folge­richtig wartet das Publikum darauf, dass sich Senta in den Kopf schießt und alles beendet.

Doch Metzger hat noch eine letzte Überra­schung in petto. Wieder wird es dunkel auf der Bühne, die Schein­werfer blenden ein letztes Mal das Publikum. Als es wieder hell wird, steht Senta in derselben Pose da, ohne Revolver. Der Holländer ist verschwunden, statt­dessen ist das Kinoplakat vom Fluch der Meere wieder mit seinem Konterfei, und Daland sitzt betrunken am Tresen. Es war alles nur eine Einbildung, ein puber­tärer Wahn, und sie ist wieder angekommen im bürger­lichen Mief ihrer Zeit. Ganz zum Schluss sieht man Senta als alte Frau aus dem Kino 1 kommend, und immer noch läuft der Film, und immer noch hängt Senta ihren Träumen nach. Metzger hat mit seiner Insze­nierung einen zwar nicht neuen Regie­ansatz gewählt, aber er ist stringent und schlüssig, ein Attribut, was man in heutigen Wagner-Insze­nie­rungen nur noch selten findet. Das Bühnenbild und die Kostüme wurden von Petra Mollérus entworfen, die natürlich auch schon in Detmold und in Ulm an Metzgers Seite war.

Foto © Christina Iberl

Der Abend ist auch musika­lisch und sänge­risch anspre­chend. Mit dem Ausdruck der zerstörten, nach Erlösung suchenden Seele legt Shin Taniguchi die Gestaltung des Holländers an. Mimik und Gestik zeigen die innere Zerris­senheit dieser Figur. Sein Auftritts­mo­nolog Die Frist ist um im ersten Aufzug besticht durch ein kräftiges Fundament in der Tiefe und starken Höhen in den drama­ti­schen Ausbrüchen. Sein Ausdruck und sein Gestus bei seiner ersten Begegnung mit Senta sind von großer Inten­sität. Das große Duett mit Senta im zweiten Aufzug ist der sänge­rische Höhepunkt der Aufführung, die beiden Stimmen scheinen fast zu verschmelzen, denn in Lena Kutzner hat Taniguchi eine ebenbürtige Senta an seiner Seite. Ihr jugendlich-drama­ti­scher Sopran verfügt schon über den notwen­digen Stahl in der Stimme und einer beein­dru­ckenden Leucht­kraft. Überzeugend ist ihre Stimm­führung, in der Ballade im zweiten Aufzug wechselt sie bruchlos vom Piano in drama­tische Ausbrüche. Tomasz Wija gibt den trunk­süch­tigen Daland, der für Reichtum sogar seine Tochter verkauft, mit hohem Bass-Bariton und großer Textver­ständ­lichkeit. Michael Siemon in der Partie des Erik zeigt, dass er die Kraft für einen jungen Helden­tenor hat. Seine Cavatine im dritten Aufzug intoniert er mit großer Leiden­schaft. Rafael Helbig-Kosta überzeugt als Steuermann mit lyrischer Darbietung. Tamta Tarie­lashvili ist eine Mary mit resolutem Mezzo­sopran und starker physi­scher Präsenz.

Chor und Extrachor des Staats­theaters Meiningen sind von Manuel Bethe gut einge­stimmt und überzeugen durch saubere Intonation und Inten­sität. Insbe­sondere die Tenöre, die im Steuer­mannchor so dominant sein müssen, sind stark präsent. Auch der Damenchor präsen­tiert sich vorzüglich, und neben der großen Spiel­freude beein­drucken vor allem die Textver­ständ­lichkeit, der sänge­rische Ausdruck und geben dieser Chor-Oper die besondere Würze.  Die Meininger Hofka­pelle überzeugt an diesem Abend durch eine beein­dru­ckende Klang­ma­lerei, aus der die Bläser dominant sauber hervor­stechen.  Die Ouvertüre in der Konzert­fassung ist drama­tisch kraftvoll und dynamisch, das Holländer-Motiv ist stark akzen­tuiert, während das Senta-Motiv eher zart und verletzlich klingt. Philippe Bach leitet die Hofka­pelle mit dem sicheren Gespür für die Tücken der Partitur. Er wechselt klug die Tempi und begleitet die Sänger, besonders im großen Duett des Holländers und Senta, mit Fingerspitzengefühl.

Am Schluss gibt es großen Jubel für alle Betei­ligten aus dem Publikum, und besonders Lena Kutzner, Sin Taniguchi, Chor und Orchester werden gefeiert. Auch das Regieteam darf viel Applaus und Jubel entge­gen­nehmen, die Insze­nierung ist angekommen beim Meininger Publikum. Immerhin durften 500 Zuschauer im 728 Plätze umfas­senden Theater dieser Premiere beiwohnen, und leider hat die Corona-Pause nicht dazu beigetragen, dass gewisse Diszi­plin­lo­sig­keiten wieder Einzug gehalten haben. Handy­klingeln, lautstarkes Kommen­tieren, unsen­sibles Husten, all das beein­trächtigt den Hörgenuss. Aber das ist auch das Einzige, was es an diesem Abend zu bemängeln gilt. Vor allem bleibt aber mal wieder die Erkenntnis, dass man Wagner modern und psycho­lo­gisch insze­nieren kann, ohne dabei am Werk vorbei zu insze­nieren. Metzger hat es mit seiner Insze­nierung nun schon am dritten Haus mit Erfolg gezeigt.

Andreas H. Hölscher

Teilen Sie O-Ton mit anderen: