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Foto © Sandra Then

Kriegsversehrter Gewalttäter

OTELLO
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
30. Oktober 2021
(Premiere)

 

Staatsoper Hannover

Giuseppe Verdis Otello ist die Geschichte eines unauf­halt­samen Verfalls: Der Kriegsheld kehrt zu Beginn der Oper noch als Sieger aus Seeschlacht und Sturm gefeiert nach Venedig zurück. In Jagos Fängen entzündet sich ein selbst­zer­stö­re­ri­sches Misstrauen gegenüber seiner Geliebten Desdemona. Er erniedrigt sie öffentlich und erdrosselt sie schließlich im Taumel blinder Eifer­sucht, bevor er sich selbst tötet.

Der Regisseur Immo Karaman und sein Team verkürzen und erweitern diese Handlung gleich­zeitig. Otello wird von Beginn als ein unter heftigen posttrau­ma­ti­schen Bewusst­seins­stö­rungen leidender Kriegs­rück­kehrer gezeigt. Wir erleben in weiten Teilen keine live-Geschichte mehr, sondern die Rückerin­nerung an Gescheh­nisse, die Otello unter dem Einfluss seines eigenen Kontroll­ver­lustes durch­leiden muss. Er ist unheilbar trauma­ti­siert, seine Frau Desdemona pflegt ihn und fällt seinem Eifer­suchtswahn zum Opfer.

Die Außen­sei­ter­rolle Otellos wird in Hannover auch nicht durch seine Hautfarbe bestimmt. Sie spielt keine Rolle, er ist ein weißer Kriegsherr unter weißen Soldaten, sein Außen­sei­tertum ist hier durch seine psychische Versehrtheit begründet.

Foto © Sandra Then

Neben dieser fokus­sierten Perspektive ist die Opern­handlung jedoch auch weiter­ge­sponnen worden. Um die tiefere Durch­dringung der gesell­schaft­lichen Verhält­nisse durch den unkon­trol­lier­baren Kranken­zu­stand zu verdeut­lichen, zeigt Karaman im vierten Akt  Desdemona „zuhause“, nicht alleine mit ihrer Kammerfrau Emilia im Schlaf­zimmer, sondern umgeben von zwei Kindern, die sie mit Otello hat. Wir erleben eine weitere zeitliche Verschiebung der Situation auf einen Punkt nach Hochzeit und Geburt zweier Kinder, die weder bei Shake­speare noch bei Boito – dem Libret­tisten Verdis – existiert.

Handlungen, Rückerin­ne­rungen, Albträume finden in einem gespens­ti­schen Ambiente statt. Das Bühnenbild von Etienne Plus zeigt den Einheitsraum eines zunächst schmalen Zimmers mit minimalen Ausstat­tungs­merk­malen wie Kühlschrank, Stuhl und am Boden liegender Matratze im Nirgendwo. Etwa wie in einer kleinen, ärmlichen Wohnung, einem Hotel oder einer psych­ia­tri­schen Anstalt. Einige wenige Ausstat­tungs­merkmale deuten regional auf die USA hin, könnten letztlich ebenso in Russland oder anderswo lokali­siert sein.

Dieser Raum erweitert sich durch Wegnahme von Zwischen­wänden immer weiter nach hinten. Er wandelt sich nicht, sondern verviel­fältigt seine Trost­lo­sigkeit in vollkommen gleichen Räumen, angeordnet im angedeu­teten Halbkreis, wie die imagi­nierten, unkon­trol­lierten Windungen von Bewusstsein und Unter­be­wusstsein im Kopf des Opfers.

In diesen Teile­benen spielen Elemente der Handlung mit Solisten oder des Chores. Dabei ist für den Betrachter nicht auszu­machen, welche Ebenen für die Otello umgebenden Personen überhaupt und wann sichtbar sind, oder ob es sich nur um Bewusst­seins­frag­mente im Kopf der Titel­figur selbst handelt. Die Ebenen verschwimmen unkon­trol­liert. Der Betrachter fühlt sich auf unsicherem Boden.

Foto © Sandra Then

Die unwirk­liche Szene wird abgerundet durch die Licht­regie von Susanne Reinhardt, die Video­kunst von Philipp Contag-Lada, sowie die Choreo­grafie von Fabian Posca, der den Chor in den öffent­lichen Auftritten wie Lemuren unter visuell zerstö­renden Video-Überblen­dungen agieren lässt. Die Kostüme von Gesine Völlm konzen­trieren sich auf funktionale Signale in der Zeichnung der Personen und ihrer Rolle in der Gesell­schaft wie Soldat, Befehls­haber, junge Frau, Mutter oder vieles mehr.

Das Konzept geht auf. Die Bühne als Psycho­gramm eines Opfers und Plattform für die weiteren gesell­schaft­lichen Auswir­kungen dieser Verheerung wird unmit­telbar deutlich und erschüttert den Betrachter. Lediglich die im vierten Akt hinzu­er­fun­denen – und immerhin verschonten – Kinder sowie die mit viel Blut eines ameri­ka­ni­schen B‑Movies insze­nierte Erschießung der nach ihrer Erdros­selung bereits im Sterben liegenden Desdemona sind überflüssig, auch wenn solcherlei Übersprung­re­ak­tionen der Opfer-Täter in der Realität denkbar und nachge­wiesen sind. Anders als in den voran­ge­gan­genen Teilen der Oper steht dieser Fanta­sie­zusatz auch quer zum Charakter der Musik des letzten Aktes. Die gesell­schaft­liche Gefährdung ist auch ohne diese Elemente schon mehr als sichtbar geworden und unter die Haut gegangen.

Das Konzept überzeugt ansonsten vor allem auch wegen der großar­tigen Sänger­dar­steller. Martin Muehle gibt sein Rollen­debüt als Otello. Die Strahl­kraft seines Tenors ermattet nie. Die verletz­liche Sensi­bi­lität und Ausstrahlung des Sängers präde­sti­nieren ihn für das spezi­fische Rollen­modell der Regie. Pavel Yankovsky als Jago verfügt über eine geschmeidige und kraft­volle Erscheinung in Stimme und Darstellung. Er vermag die unheim­lichen Zwischen­welten des Intri­ganten bestens zu verkörpern. Existiert er, oder ist er eine Fantas­ma­gorie Otellos? Barno Ismatul­laeva als Desdemona vermag die Ausdrucks­vielfalt der Partie von der Preghiera und dem Duett mit Otello bis zu den Aufschwüngen in den großen Ensembles glänzend zu verkörpern.

Alle drei Protago­nisten scheinen unbegrenzte Stimm­re­serven zu besitzen. Einen solchen Luxus erfährt man selten – nie muss man sich über die Durch­hör­barkeit und die stimm­liche Kraft Gedanken machen, eher schon wäre gelegentlich die Zurück­nahme der Stimmen hilfreich für ein organi­sches und ausge­wo­genes Klangbild.

Der Cassio von Marco Lee und die Emilia von Ruzana Grigorian seien beispielhaft für das gut besetzte weitere Ensemble genannt.

Der Chor der Staatsoper Hannover unter der Leitung von Lorenzo Da Rio überzeugt, wenngleich in den großen Szenen nach der Nervo­sität am Premie­ren­abend noch größere rhyth­mische Souve­rä­nität zu erwarten ist.

Das Nieder­säch­sische Staats­or­chester Hannover unter dem General­mu­sik­di­rektor Stephan Zilias spielt vorzüglich. Die durch­hör­baren Holzbläser vermögen Details hörbar zu machen, die man so noch nicht erleben konnte. Auch hier mag eine steigende Sicherheit in den Nachfol­ge­vor­stel­lungen bei aller Kontrol­liertheit den Raum für eine rhyth­misch noch authen­ti­schere Italianità ermöglichen.

Das Publikum feiert die Mitglieder des gesamten Teams, allen voran die Sänger-Protago­nisten der Haupt­rollen. Dem Regieteam begegnet auch eine kleine, aber beherzte Buh-Fraktion.

Achim Dombrowski

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