O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Jürgen Paust-Nondorf

Wenn wirklich alles stimmt

CARMINA BURANA
(Carl Orff)

Besuch am
20. November 2021
(Einmalige Aufführung)

 

Konzertchor Ratingen, Stadt­halle Ratingen

Carl Orff macht es einem nicht einfach. Seine Nähe zum Natio­nal­so­zia­lismus macht ihn bis heute verdächtig. Allzu gut ging es ihm im so genannten Dritten Reich, zu zahlreich die unreflek­tierten Ehrungen im Nachkriegs­deutschland, sagen die einen. Andere glauben, Indizien dafür gefunden zu haben, dass er sich insgeheim eher über die „Nazis“ lustig gemacht habe. Und die dritten sagen, dass es völlig egal sei, wer er gewesen ist, weil die Carmina Burana einfach großartig sind. Thomas Gabrisch, Künst­le­ri­scher Leiter des Konzert­chors Ratingen und Professor für die Opern­klasse an der Düssel­dorfer Robert-Schumann-Hochschule, hat sich deshalb intensiv mit dem Kompo­nisten und der Entste­hungs­ge­schichte des Werks ausein­an­der­ge­setzt. Ausschlag­gebend war für ihn dabei die Lektüre eines Brief­wechsels zwischen Orff und seinem Chorfreund Michel Hofmann, dem „Libret­tisten“ der Carmina Burana, in dem sich der Komponist über die neuen Macht­haber lustig macht. Da konnte es mit der Nähe zum Regime nicht allzu weit her sein, vermutet Gabrisch. Und entschloss sich, eines der meist­ge­spielten Chorwerke der Neuzeit mit seinem Chor in der Ratinger Stadt­halle aufzuführen.

Dass Veran­staltern schon der Verdacht einer Unzuläng­lichkeit bei einem Kompo­nisten reicht, ist nicht neu. Und so gibt es die Auffüh­rungen der Carmina Burana nicht mehr so häufig wie in den Jahren nach dem Krieg. Zahlreiche, durchaus mediokre Auffüh­rungen haben dem Werk zusätzlich geschadet. Hinzu­kommt, dass die Aufführung der Origi­nal­fassung ziemlich aufwändig ist, verlangt sie doch ein großes Orchester. Auch der Konzertchor Ratingen verlegt sich auf eine „reduzierte“ Fassung, die aller­dings sehr viel spannender anmutet. In der Dumeklem­mer­halle, der Ratinger Stadt­halle, soll die Fassung für zwei Klaviere und fünf Schlag­werke erklingen. Orff hatte sie selbst arran­giert, um mehr Laien­chören eine Aufführung zu ermög­lichen. Ein Kalkül, das zunächst nicht so recht aufging. Für Gabrisch eine Vorlage. Schließlich gibt es an der Robert-Schumann-Hochschule eine Schlagzeug-Klasse, die Bert Flaas leitet. Und der sagt ihm fünf Schlag­werker zu. Damit ist die Entscheidung klar.

Peter Schöne mit Chor – Foto © Jürgen Paust-Nondorf

Und die Zugkraft des Titels hat beim Publikum an nichts verloren. In Scharen strömen die Menschen. Das können auch explo­die­rende Infek­ti­ons­zahlen nicht verhindern. Für den Chor, der für alle Sicherheit garan­tiert und dafür ein Bataillon an ehren­amt­lichen Helfern einsetzt, ein Befrei­ungs­schlag. Der Saal ist annähernd voll. Stolz marschiert der Chor auf eine Bühne, die nicht nur schön arran­giert, sondern auch bis auf den letzten Quadrat­zen­ti­meter ausge­plant ist. Schluss­endlich ist sogar noch Platz für eine dekorative Topfpflan­zen­reihe an Farnen, die an den Natur­bezug des heutigen Abends erinnert.

Kompliment auch für das Programmheft, das die Texte der Beurer Lieder zweisprachig wiedergibt. Schade, dass der Zuschau­erraum nach Konzert­beginn im Schwarz versinkt. Eine einzelne Dame immerhin hat die Lösung: Einfach die Handy-Taschen­lampe einschalten, und schon kann man in Ruhe mitlesen. Licht heißt nicht nur sehen, sondern auch gesehen werden. Alle anderen verlassen sich auf den Klang der Stimmen. Obwohl. Auch das wäre sicher eine inter­es­sante Licht­ge­staltung gewesen, wenn alle auf diese Weise mitge­lesen hätten. Spaß beiseite.

Es wird ein Abend der Super­lative. Der Chor ist einmal mehr genial einstu­diert von Thomas Gabrisch, der an diesem Abend über sich selbst hinaus­wächst. Abgezir­kelte Bewegungen, die einem Militär-Musik­corps Eindruck verschafft hätten. Engagiert bis in die Haarspitzen und präziser als eine Maschine. Großartig. Die Akteure auf der Bühne genießen die minutiöse Führung, die mit so viel Spaß und Begeis­terung durch den Abend führt. An den Klavieren verlassen sich Soomija Park und Rie Sakai ganz auf die Stabführung und begeistern mit ihrem wunder­baren Spiel. Leon Günther, Julian Jaspers, Florian Köhn, Max Stracke und Maximilian Schröder bedienen als Studenten souverän die Schlag­werke. Da möchte einem manches Mal ob der Präzision der Atem wegbleiben. Flaas kann auf seine Studenten stolz sein, die vor kaum einem Perkus­si­ons­in­strument zurückschrecken.

Am Flügel: Rie Sakai und Soomija Park – Foto © Jürgen Paust-Nondorf

Für viel Vergnügen sorgt ein ganz beson­derer Gast. Der boden­ständige Peter Schöne mit Stimme von Weltrang ist eigens für diesen Abend aus Berlin angereist. Und er zeigt den Ratinger Gästen, warum nicht nur seine Stimme in der ganzen Welt begehrt ist. Mit viel schau­spie­le­ri­schem Talent gibt er im Frack den angetrun­kenen Mönch. Keine Übertrei­bungen, statt­dessen feinsten Humor gilt es hier zu erleben. Grandios. Dass Schöne darüber hinaus seine Stimme Kapriolen spielen lässt, indem er sie in unglaub­liche Höhen führt, ist das Sahne­häubchen des Abends. Einen ähnlich feinen Auftritt zeigt Joaquin Asiáin mit dem Schwa­nen­gesang, den er bereits mehr als 200 Mal gesungen hat. Weil er aus dem Dunkel im Zuschau­erraum auftaucht, geht ein Teil der Wirkung verloren. Aber das ist zu diesem Zeitpunkt wirklich jedermann egal. Als dritte im Bunde erscheint Sabine Schneider im Silberlamé-Kleid. Sie hat, man kann es nicht anders sagen, einen glänzenden Auftritt. Die Pianissimi gelingen ebenso gut wie die Kolora­turen. Und ihre Freude über die Avancen des Baritons überträgt sich auf das Publikum.

Ein beson­deres Erlebnis serviert der Mädchenchor der Liebfrau­en­schule, in deren Aula der Konzertchor probt und den André Schürmann mit beson­derer Sorgfalt einstu­diert hat. Hochdis­zi­pli­niert harren die Schüle­rinnen aus, um ihren vergleichs­weise kurzen Auftritt mit viel Begeis­terung zu absol­vieren. Darunter so manche Stimme, von der man sich wünscht, sie in späteren Jahren im Konzertchor wieder­zu­finden. Der agiert mit überzeu­gender Präzision, genießt die Zusam­men­arbeit mit den Solisten und singt die latei­ni­schen und mittel­hoch­deut­schen Texte, als gehörten sie zu seinem üblichen Sprachgebrauch.

Das Publikum springt von den Stühlen, applau­diert minutenlang. Ja, es war ein atembe­rau­bender Abend, der hoffentlich viele Menschen animiert, am 23. Dezember in die Stadt­halle zurück­zu­kehren, wenn der Konzertchor Ratingen zum Weihnachts­konzert einlädt.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: