O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Bernd

Ahnungslos suchender Siegfried

SIEGFRIED
(Richard Wagner)

Besuch am
19. November 2021
(Premiere am 12. November 2021)

 

Deutsche Oper Berlin

Immer wieder blättert Siegfried auf der Bühne verun­si­chert in den Noten von Klavier­auszug und Partitur, um seinen Weg zu bestimmen und Brünn­hilde zu finden. Ebenso ist es der Deutschen Oper Berlin und ihren Zuschauern in den Monaten der Pandemie mit der immer wieder verscho­benen, umdis­po­nierten und schließlich zunächst in abgewan­delter Reihen­folge auf die Bühne gebrachten Produktion vom neuen Ring des Nibelungen gegangen. In diesem November können schließlich zwei gesamte Zyklen gezeigt werden. Im ersten Durchlauf der Auffüh­rungen feiert auch Siegfried Premiere.

Stefan Herheim und sein Team mit ihm selbst und Silke Bauer als Bühnen­bildner, Uta Heisike für die Kostüme, Ulrich Niepel für Licht und Torge Møller für die Video­kunst setzen ihre bereits in Das Rheingold und Die Walküre begonnene, fanta­sie­volle Konzeption in großer Geschlos­senheit weiter um. Die Handlung entwi­ckelt sich vor dem Hinter­grund und auf einer immer übermächtig gegen­wär­tigen Menge von Koffern – Sinnbild einer Welt in Unordnung und von Menschen auf Flucht und Suche.

Im dritten Teil des Rings erlebt der Zuschauer den heran­wach­senden Siegfried unter Obhut Mimes, dem Sieglinde im Tode ihr Neuge­bo­renes übergeben hatte. Die beiden malträ­tieren sich mit Lust gegen­seitig. Mime offenbart Siegfried schließlich seine Herkunft. Der will sofort weglaufen. Er schmiedet das von der Mutter überlassene Schwert Nothung neu und stürmt davon, um zu Fafner zu gelangen, bei dem er das Fürchten lernen will. Nachdem er den erschlägt, ohne das Fürchten erfahren zu haben, kann er unver­mittelt das Zwitschern eines Waldvogels verstehen. Der warnt ihn vor Mime, der ihm einen Ring aus Fafners Höhle entreißen und letzt­endlich Siegfried töten will. Siegfried erschlägt Mime und folgt dem Hinweis des Vogels zu einer wunder­vollen Frau. Er erweckt Brünn­hilde aus ihrem Schlaf, in den Wotan sie am Ende der Walküre versetzt hat. Brünn­hilde legt ihre Gottheit als Walküre ab, wird Mensch und Frau und vereint sich mit Siegfried zu einer jubelnd-utopisch-tödlichen Liebe.

Die Gestaltung des Abends – wie auch der voran­ge­gan­genen Teile des Rings – ist gekenn­zeichnet durch eine spiele­risch-bildhafte äußere Erschei­nungswelt, die sich vielfältig und fanta­sievoll auf verschie­denen Bezie­hungs- und Spiel­ebenen gleich­zeitig entfaltet. Beispielhaft sei hier die mit großer kindlicher Fantasie kreierte Erscheinung des Drachen Fafner genannt, der direkt aus einem modernen Kinderbuch stammen könnte. Oder gleich die ganze Welt, die auf einem bühnen­weiten Segeltuch sichtbar wird, weil sie doch ganz nah bei Fafners Höhle liegen soll, wo Siegfried sich gerade befindet.

Die musika­lische Umsetzung des Abends bestimmt eine außer­or­dentlich filigrane Gestaltung in Spiel und Gesang. Entspre­chend ist auch die Sänger­be­setzung zusammengestellt.

Foto © Bernd Uhlig

Der Siegfried von Clay Hilley besticht mit einem souve­ränen, hellen Organ, das am stärksten in der Mittellage überzeugt als immer­wäh­render Junge, der niemals zum Mann heran­wächst. Der Mime von Ya-Chung Huang setzt seine überlegene und nachgerade einschüch­ternd perfekte Charak­ter­studie des Zwergs in der schon an früherer Stelle des Rings gezeigten, perfekten stimm­lichen und darstel­le­ri­schen Hochform um. Seine behände Physis verschmilzt mit dem darge­stellten Charakter und äußerlich zugleich mit dem Bild Richard Wagners, das er in seiner Maske zur Darstellung bringt. Iain Paterson verfügt als Wanderer über eine langjährige Bühnen- und Gesangs­er­fahrung. Für seine durch­hörbare, feine dekla­ma­to­rische Gestaltung der Partie kommt ihm beim Stimm­vo­lumen das vom Orchester prakti­zierte feinsinnig-zurück­hal­tende, niemals zu laute Spiel entgegen.

Der Joker-Alberich von Jordan Shanahan verkörpert Mimes Bruder mit Bravour. Er ist seinem brillanten Bruder stimmlich ein ebenbür­tiger Partner, besser verzwei­felter Gegner. Darstel­le­risch lauert und kauert er den gesamten Abend über an allen möglichen und unmög­lichen Ecken und Ritzen sowie Bühnen­po­si­tionen, um angstvoll und selbst­quä­le­risch den Weg seines unter Leid geschmie­deten Ringes zu verfolgen.

Dem Fafner von Tobias Kehrer macht es bei aller stimm­lichen Präsenz und tiefster Basstönung sichtlich Spaß, einen auch aus dem Kinderbuch stammenden Riesenwurm zu geben. Man gewinnt den Eindruck, dass er diesen Auftritt gleich auch auf dem nächsten Kinder­ge­burtstag auspro­bieren will.

Die Erda der Judit Kutasi ist eine nicht nur durch magisches Träumen und Sinnen, sondern in der Maske auch durch das Alter gezeichnete Urmutter der Götter. Ihr weich­strö­mender und im Kern kraft­voller Mezzo­sopran bewährt sich im entschei­denden Moment höchst wirkungsvoll in der Ausein­an­der­setzung mit Wotan, der sie mit seinem Speer zum Ende der Begegnung unerwartet und abwei­chend vom Textbuch tötet. Mit dem Tod der Urmutter hat die Götter­däm­merung bereits begonnen.

Nina Stemme ist als Brünn­hilde noch immer in ihrer Strahl­kraft, in Ihrer Tritt­si­cherheit bei den trompe­ten­haften Spitzen­tönen, in ihrer Fähigkeit, die gewal­tigen Aufschwünge und Gesangs­bögen der erwachenden Frau zu verkörpern, eine atembe­rau­bende Erscheinung. Sie tritt ihrem jungen­haften Siegfried mit mütter­lichem Schutz und Verständnis entgegen.

Die Besetzung des Waldvogels mit Sebastian Scherer als Solist des Knaben­chores der Choraka­demie Dortmund greift eine Ursprungsidee Richard Wagners auf, nämlich abwei­chend von der üblichen Vorge­hens­weise durch die Besetzung mit einer hohen Sopran­stimme, die Partie mit einem Knaben­sopran zu besetzen. Das hat seine Folge­rich­tigkeit auch darin, dass Siegfried mit der Begegnung Brünn­hildes dann eben erst wirklich seiner ersten Frau begegnet. Auch inten­si­viert dieses Vorgehen mit einer Kinder­stimme den jungenhaft-kindlichen Auftritt Siegfrieds.

Das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter seinem Chefdi­ri­genten Donald Runnicles musiziert zeitweise derart feinsinnig und durch­hörbar, als ob die Musiker am liebsten kammer­mu­si­ka­lische Solovor­träge halten wollen und nur durch die Partitur zu diesem exqui­siten, gemein­schaft­lichen Musizieren angehalten werden. Aber mit welch feinsin­niger Delika­tesse! Kein dicker, pastoser Wagnerbrei, kein Lärmen, kein Dröhnen, kein die Stimmen verde­ckender Klang, wohin das Ohr am Abend auch hört. Eines der beglü­ckenden Ereig­nisse dieser Umsetzung des Rings. Man könnte meinen, die Mitglieder des Orchesters haben jedwede Zeit in der Pandemie nur auf das Wieder­er­strahlen ihres Kollektivs hingearbeitet.

Großer Beifall und Jubel der begeis­terten Wagner-Fans im Hause.

Achim Dombrowski

Teilen Sie O-Ton mit anderen: