O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Konzertreigen am Gedenktag

TOTENSONNTAG
(Diverse Komponisten)

Besuch am
21. November 2021
(Einmalige Aufführung)

 

Evange­lische Kirchen­ge­meinde Meerbusch-Büderich, Bethlehemkirche

Der Toten­sonntag ist, stark verein­facht, in den evange­li­schen Kirchen in Deutschland ein Gedenktag für die Verstor­benen. Es ist der letzte Sonntag vor dem ersten Advents­sonntag und damit der letzte Tag des Kirchen­jahres. Und für Ekaterina Porizko der ideale Tag, um sich künst­le­risch mit 1700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland ausein­an­der­zu­setzen. Die Dirigentin, Organistin und Kompo­nistin ist Kantorin der Evange­li­schen Kirchen­ge­meinde Meerbusch-Büderich. Wichtig für ihre engagierte Arbeit ist ihr, dass die Gemeinde sehr offen für andere Religionen ist. Der ökume­nische Gedanke ist hier gelebter Alltag, sagt sie. Und das bedeutet der weltof­fenen Musikerin viel. Um die Beson­derheit des Tages zu unter­streichen, hat Porizko gleich einen ganzen Konzert­reigen geplant. Nach einem Eröff­nungs­konzert am Mittag und einem Vortrag über synagogale Musik beginnt zu jeder Stunde ein etwa halbstün­diges Konzert.

Auffüh­rungsort ist die Bethlehem-Kirche im Meerbu­scher Ortsteil Büderich, nur wenige Kilometer von Düsseldorf entfernt. 1965 wurde der weiße Kirchbau mit dem Faltdach und dem einzeln stehenden Glockenbau an der Dietrich-Bonhoeffer-Straße einge­weiht. Architekt Rainer Herbeck aus Düsseldorf legte gemäß den Wünschen des damaligen Pfarrers Hütt viel Wert auf Sachlichkeit. Auf der linken Seite des Foyers liegen der Gemein­desaal und das Büro der Kantorin. Die rechte Seite nimmt der Kirchraum mit den eindrucks­vollen blauweißen Kirch­fenstern ein, die, von Hans Hofacker gestaltet, für inter­es­sante Licht­ef­fekte sorgen. Heute stehen die Eingangs­türen zum Kirchraum auf. So entsteht zwar keine „Konzert­raum­at­mo­sphäre“, dafür aber das Gefühl, dass hier jeder ohne großen Aufwand willkommen ist.

Sopra­nistin Ekaterina Somicheva hat sich mit dem Laute­nisten Konstantin Shenikov ein beson­deres Programm einfallen lassen. Letzterer greift statt seiner Laute zu einer histo­ri­schen Gitarre, um Psalmen von Nicolas Vallet darzu­bieten und die Sängerin bei der Inter­pre­tation sephar­di­scher Lieder zu begleiten. Sephardim sind eine der drei Haupt­zweige der Juden in der Diaspora. Sie waren ursprünglich auf die iberische Halbinsel konzen­triert, sind aber heute über die gesamte Mittel­meer­region verbreitet. Somicheva hat vier Lieder ausge­wählt, die sie in Ladino, einer abgewan­delten Kunst­sprache des Juden­spa­ni­schen, vorträgt. La rosa enflorece – die Rose blüht auf im Monat Mai – ist ebenso ein sehr poeti­sches Liebeslied wie das nachfol­gende Yo m’enamori d’un ajre – ich bin in eine Brise verliebt. Bei Petenera, einer Tanzme­lodie in der Art des Flamencos, greift Somicheva zu Kasta­gnetten, die sie mindestens so gut beherrscht wie ihre Stimme. Mit A la una yo naci – um ein Uhr bin ich geboren – schließt der kleine, liebe­volle Reigen, den die Sängerin beseelt vorträgt. Natürlich ist niemand im Raum, der ihre sprach­lichen Fertig­keiten beurteilen könnte, aber wen inter­es­siert das auch? Die Geste zählt, und der klang­liche Vortrag begeistert das Publikum.

Magnus Enckelmann – Foto © O‑Ton

Das Schöne an diesem kleinen Konzert­ma­rathon ist, dass hier jeder gehen und kommen kann, wann er will. Das schafft eine sehr entspannte Atmosphäre. Viele Gemein­de­mit­glieder halten auf einen kleinen Plausch vor der Türe, während die Pfarrerin die Impfnach­weise kontrol­liert. Und auch gleich ein paar ihrer trägen Schäfchen an die Termine für die Auffri­schungs­impfung erinnert. Hier achten die Menschen aufein­ander. Nur wer sich entschließt, länger oder womöglich für die gesamte Dauer des Nachmittags zu bleiben, ist im Nachsehen. Ein kleiner Imbiss hätte den Gesamt­ein­druck sicher abrunden können.

Dafür steht zur nächsten vollen Stunde ein weiterer Ohren­schmaus an. Mit diesem Programm­punkt erfüllt Ekaterina Somicheva ein lange gegebenes Versprechen. Basia Rubin wurde Ende des 19. Jahrhun­derts in dem Städtchen Dolginovo außerhalb der Ansied­lungs­grenze des russi­schen Kaiser­reichs geboren. Die Rubins waren eine tradi­tio­nelle jüdische Familie. Basia hatte sieben Schwestern und einen Bruder. Im Städtchen wie in der Familie wurde jüdisch gesprochen. Basia wurde Zahnärztin, aber ihre freie Zeit widmete sie ihren Kompo­si­tionen. Im Laufe ihres Lebens hat sie mehr als 200 Melodien und Lieder verfasst, die Gedichte und Texte dazu schrieb sie überwiegend selbst. 1941 sollte ihr die Musik gar das Leben retten. Während sie in Minsk weilte, wohin sie einge­laden war, um ihre Musik aufzu­führen, fiel Dolginovo einem Luftan­griff zum Opfer. Von der großen Familie blieben nur vier Schwestern am Leben. Eine der Nichten von Basia Rubin war Irina Bychkovskaya, die immer davon träumte, die Rubin-Lieder im Konzert zu hören. Dazu sollte es nicht mehr kommen, weil Bychkovskaya im vergan­genen Jahr verstarb. Und so führt Somicheva das Konzert immerhin posthum in Memoriam auf. In Axel Weggen, Leiter des Synago­gen­chors der jüdischen Gemeinde Düsseldorf, fand die Sängerin eine wertvolle Unter­stützung. Er sprach ihr die jiddi­schen Texte ein, damit sie die richtige Aussprache einüben konnte. Und Somicheva legte noch eins drauf. Zusätzlich zur Klavier­be­gleitung arran­gierte sie eine Geigen­stimme, die sie dem jungen Magnus Enckelmann auftrug. Bei dem Namen horchen Düssel­dorfer auf. Da gibt es doch einen Repetitor und Dirigenten an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg mit Namen Ville Enckelmann? In der Tat. Und doch ist es nicht der promi­nente Vater, der hier seinem Sohn zu einem Auftritt verhilft. Die Welt ist noch kleiner. Denn Magnus‘ Mutter unter­stützt Somicheva bei ihren Gesangs­übungen. Sie ist die finnische Sopra­nistin Tiina-Maria Enckelmann. Magnus ist also jetzt einge­laden, einige Lieder mit der Geige zu begleiten. Die Anfor­de­rungen sind durchaus überschaubar, aber sie geben dem jungen Musiker Gelegenheit zu zeigen, dass er neben der Technik auch sehr gut in der Lage ist, den Strich emotional zu führen. Da ist schon einiges durch­zu­hören und zu erahnen, was sich in Zukunft entwi­ckeln kann. Mit Ekaterina Porizko hat Somicheva die ideale Begleitung am Stutz­flügel. Wie weit ihr Jiddisch tatsächlich gelungen ist, muss dahin­ge­stellt bleiben. Aber das, was man davon versteht, klingt sehr überzeugend. Auf jeden Fall begeistert die Sopra­nistin mit ihrem stimm­lichen Vortrag. Abgerundet hätte das Programm sicher ein Blatt mit den Texten und ihrer Übersetzung. Aber auch so ist dem Trio ein rundum gelun­gener Beitrag gelungen.

Berenike Keppler-Rau – Foto © O‑Ton

Als letzten Beitrag in der Bethlehem-Kirche gibt es eine „musika­lische Lesung“, ein Format, das Porizko besonders gefällt. Berenike Keppler-Rau ist eigens aus Stuttgart angereist, um eine Textauswahl vorzu­tragen, die sie den Dokumenten der KZ-Überle­benden Friedl Burda entnommen hat. Es ist eine gelungene Mischung aus den Gräueln der Konzen­tra­ti­ons­lager und dem hin und wieder erfolg­reichen Bemühen der Insassen, sich dagegen zu wehren – wenn auch oft nur im Kleinen. Keppler-Rau trägt mit der nötigen Distanz vor, und es macht Spaß, ihr zuzuhören. Aber eindrucks­voller ist doch die Musik, die Porizko eigens für diesen Vortrag kompo­niert hat. Kraftvoll bearbeitet sie den Flügel, legt Melodie-Einsprengsel zwischen Disso­nanzen und fängt Stimmungen des Gelesenen ein. Ein Lächeln kann man sich dabei nicht verkneifen. Denn die Pianistin hat statt einer Partitur die Texte vor sich auf dem Klavier liegen. Nach diesem Nachmittag ist klar: Es ist an der Zeit, dass Porizko eigene Werke vorlegt, die über die Begleitung einer Lesung hinausgehen.

Es ist sehr angenehm, dass die Konzert­serie sich auf die Bethlehem-Kirche beschränkt, so dass lästige Wege entfallen und die entspannte Stimmung über den Nachmittag aufrecht­erhalten bleibt. Was man sich sicher gewünscht hätte, wäre eine größere Betei­ligung der Gemeinde gewesen. Da bleibt doch sehr viel Platz in den Zuschau­er­reihen frei. Das große Abschluss­konzert findet dann am Abend in der Chris­tus­kirche statt. Bariton Amnon Seelig und das Lewan­dowski-Ensemble werden dann synagogale Musik unter Leitung des Organisten Axel Weggen vortragen. Da werden sich die Reihen hoffentlich noch mal richtig füllen. Verdient hat es dieser Tag ebenso wie eine Fortsetzung der Veranstaltung.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: