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Gelungene Störung

STÖRFALL
(Christa Wolf)

Besuch am
27. November 2021
(Premiere am 26. November 2021)

 

Disdance Project im Theater Tiefrot, Köln

Seit 19 Jahren gibt es das Theater Tiefrot in Köln, gleich bei der Musik­hoch­schule um die Ecke. Schau­spieler und Regisseur Volker Lippmann gründete das Theater, das im Keller eines Hotels unter­ge­bracht ist, und ist bis heute sein Künst­le­ri­scher Leiter. Für André Lehnert war es der einzige mögliche Spielort für das neue Stück von Disdance Project.

Die Situation ist surreal. Die Straße liegt im Dunkeln. Ein paar Musik­stu­denten eilen mit ihren Instru­men­ten­koffern auf dem Rücken vorbei, eine Gruppe Jugend­licher quakt fremd­sprachig. Die Fassade des Hotels ist unbeleuchtet. Auch die Licht­re­klame des Theaters ist erloschen. Die Premiere war gestern. Aber so schlecht kann sie nicht gewesen sein. Hinter einer Glastür flackert ein Licht. Da jetzt einfach mal beherzt die Tür öffnen. Ja, funktio­niert. Und schon stolpert man eine Treppe hinunter in einen Keller, der an einen Bunker erinnert. Im langge­zo­genen Gang sind Aschen­becher in regel­mä­ßigen Abständen an der Wand angebracht. Da verliert sich jedes Zeitgefühl. Glück­li­cher­weise fängt einen Taeyeon Kim auf. Seit gestern gilt 2G+ mit Masken­pflicht und Nachver­fol­gungs­for­mular. Es reicht allmählich. Die Freund­lichkeit ihres Empfangs sorgt für Entspannung.

In der Wartezeit bis zum Einlass ist zu erfahren, dass das Hotel den Lockdown nicht überlebt hat, weshalb schon mal strecken­weise der Strom abgestellt wurde. Das hat so ein bisschen was von The Shining von Stephen King. Auf einem Zettel wird dem Besucher erklärt, was er unter­nehmen muss, um sich in das Bühnen­ge­schehen einzu­loggen. Also WLAN aktivieren, das Lehnert hausintern einge­richtet hat, Barcode scannen, eine kurze Bestä­tigung und schon hat man die Möglichkeit, Kommentare zu senden. Kaum sind die Vorbe­rei­tungen abgeschlossen, bittet Regisseur, Schau­spieler und Medien­künstler Lehnert zum Einlass. Es geht in einen kleinen Raum, ein Keller­theater eben. Wenige Stühle auf verschie­denen Ebenen angeordnet in schwarzen Wänden. Dahinter großräumig die Technik. Da fällt es nicht weiter auf, dass nur wenige Besucher erschienen sind. Durchweg junge Leute, die von Anfang an hochkon­zen­triert sind.

Foto © Klaus Wohlmann

Vor ihnen liegt eine kuschelige Bühne, die Mohammad Ahrari gebaut hat. Auf der rechten Seite ist ein Gaze-Vorhang für Projek­tionen aufge­hängt, vor dem ein Nadel­drucker steht. Das wirft einen um Jahrzehnte zurück. Hinter dem Vorhang ein Drehstuhl, der sich vom Schwarz des Hinter­grunds abhebt. Auf der linken Seite ist im Hinter­grund ein Fenster zu sehen, durch das eine blühende Landschaft mit ein paar Wolken zu erkennen ist. Davor gibt es einen Tisch mit Stuhl, vor dem wiederum ein offenes Regal allerlei Requi­siten beinhaltet. Im gesamten Bühnenraum verteilt sind Pflanzen.

20 Uhr. Wir sind in der so genannten Freien Szene, und die Aufführung beginnt auf die Minute pünktlich. Das muss ein wunder­barer Abend werden. Was ist gutes Theater? In Zeiten, in denen Kultur­schaf­fende sich zunehmend als Ideologen verdingen, muss die Frage erneut gestellt werden, obwohl sie schon oft zur Diskussion stand. Wenn es den Personen auf der Bühne gelingt, dich an der Seele zu greifen, dich auch dann noch zu berühren, wenn die Aufführung längst beendet ist, dann ist ein pompöses Umfeld ebenso egal wie Projek­tionen, Videos und all das andere Brimborium, das sich Regis­seure einfallen lassen. Immerhin, wenn es gute Regis­seure sind, unter­streichen sie mit ihren Einfällen die Leistungen der Darsteller.

Heute Abend steht Störfall nach einer Erzählung von Christa Wolf aus dem Jahr 1987 auf dem Programm. 1986 kam es zum GAU, zum größten anzuneh­menden Unfall, im Kernkraftwerk Tscher­nobyl. Kurz darauf beginnt Wolf ihre Arbeit an der Erzählung, die den Ausbruch der Radio­ak­ti­vität mit einer Hirnope­ration des Bruders der imagi­nären Erzäh­lerin an einem Tag zusam­men­fasst. Neben der Verun­si­cherung, die ein Eingriff im Kopf eines Patienten auslöst, kommt hier das Unbegreif­liche zum Tragen, eine völlig neue mensch­liche Erfahrung, deren Ausmaß bis dahin überhaupt niemand erahnen konnte. Wer hier jetzt Paral­lelen zur derzei­tigen Situation zieht, braucht keinen Horror-Roman mehr zu lesen. Das Ungeheu­er­liche, die Bedrohung des Nicht-Wissens zu vermitteln, ist Aufgabe eines einzigen Menschen. Und der Tänzerin und Choreo­grafin Paula Scherf gelingt das brillant, ohne auch nur ein Wort zu verlieren.

Foto © Klaus Wohlmann

Ihre Stimme kommt aus dem Off, vermischt mit Musiken, die Wolf in ihrer Erzählung erwähnt, und tages­ak­tu­ellen Nachrichten, die für mehr Verwirrung als für Klarheit sorgen. Sie ist zuhause, eine Hausfrau, wie sie unattrak­tiver kaum sein könnte. Ihr dunkel­brauner Hausanzug weist an sich jede Erotik von sich und musste hoffentlich niemals im sozia­lis­ti­schen Alltag der Deutschen Demokra­ti­schen Republik von einer Frau getragen werden. In einer Rahmen­handlung ist sie fern jeder heutigen politi­schen Korrektheit. Sie schnibbelt Gemüse, um es anschließend in den Müll zu geben, versenkt gar ein Misch­kornbrot mit Ei in dem Eimer, versprüht sinnlos den Inhalt einer Flasche. In großen Schlucken gibt es Rotwein. Und immer wieder das Entsetzen ob der eintref­fenden Nachrichten. Der Bruder wird immer noch operiert, vor dem Verzehr von Milch wird gewarnt. Die Mimik wird spärlich, aber pointiert einge­setzt. Ihr Tanz, mit dem sie sich vor der Katastrophe schützen will, ist so fanta­sievoll wie exaltiert, zu überwie­genden Teilen Impro­vi­sation, die sie nach den einge­henden Kommen­taren aus dem Publikum erfindet.

Lehnert hat alle Hände voll zu tun, die Einsätze von Licht, Ton und dem Blinken der Licht­säulen entlang der Wände des Zuschau­er­raums auf den Punkt zu bringen. Mit letzteren werden die Zuschauer aufge­fordert, ihre Kommentare abzugeben. Brav befolgen die Zuschauer das zunächst, lassen sich aber mehr und mehr vom Bühnen­ge­schehen und der Ausstrahlung Scherfs fesseln. Das ist kein gutes, das ist grandioses Theater.

Aus der Bedroh­lichkeit der radio­ak­tiven Wolke, die über Europa zieht, gibt es kein Entrinnen. Und so weiß sich die Protago­nistin schließlich keinen Rat mehr, als sich auf den Drehstuhl zurück­zu­ziehen, der allmählich in der Dunkelheit verschwindet. Eine Stunde lang hält Scherf das Publikum in Atem. Und weil es an diesem Abend keine erfah­renen Zuschauer gibt, gerät auch noch der Applaus in Gefahr. Aber schließlich fassen sich die jungen Leute ein Herz und bedanken sich herzlich bei der Darstel­lerin. Über die Paral­lelen zur Neuzeit braucht hier niemand ein Wort zu verlieren. Die liegen nach der Aufführung so offen zutage, dass darüber keiner mehr sprechen mag.

Scherf und Lehnert gelingt hier ein Stück in einer passenden Umgebung, das mehr als fesselt. Wenn es in diesem Jahr nicht mindestens über eine Nominierung für den Kölner Theater­preis hinausgeht, muss Schiebung im Spiel sein. Gespielt wird noch bis zum 4. Dezember einschließlich. Die Termine gibt es hier. Dringende Besuchsempfehlung.

Michael S. Zerban

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