O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Hoffnungsvoller Neubeginn

DIE SCHÖPFUNG
(Joseph Haydn)

Besuch am
6. Januar 2022
(Premiere am 4. Januar 2022)

 

Staats­theater Nürnberg

Ein klassi­sches Neujahrs­konzert beinhaltet meist Wiener Walzer, Polkas und Märsche, oder es ist ein bunter Strauß an Operet­ten­me­lodien, mit denen man heiter und froh das neue Jahr begrüßt. Die Staats­phil­har­monie Nürnberg unter der Leitung von Joana Mallwitz wählt ganz bewusst einen anderen Weg. Unter der Überschrift Neubeginn erklingt zum Jahres­beginn im Staats­theater Nürnberg ein Alterswerk von Joseph Haydn, Die Schöpfung. Bereits ein Jahr zuvor hatten die Planungen begonnen, um dieses Oratorium in einem Zeitraum von vier Tagen gleich fünfmal zu präsen­tieren, am Dreikö­nigstag sogar als Doppel­vor­stellung. Damals hatte man noch die Hoffnung, dass die Pandemie zum Jahres­beginn 2022 einge­dämmt sei und man wieder komplett vor vollem Hause spielen könne. Es sollte ein echter Neubeginn werden, auch für die durch die Pandemie arg gebeu­telte Kultur­szene. Und was steht mehr für einen Neubeginn als die Schöpfung an sich, der Beginn alles Lebens? In Ihrer kurzen Begrüßung erläutert Joana Mallwitz die Beweg­gründe, Haydns Schöpfung als Neujahrs­konzert zu präsen­tieren. Doch die Realität hat natürlich die Hoffnung zunichte gemacht, vor vollem Haus spielen zu können. 25 Prozent Auslastung ist momentan zulässig, so dass etwa 350 Zuschauer maximal pro Vorstellung zugelassen wurden. Um so wichtiger ist es, dass überhaupt gespielt wird und mit diesem Oratorium auch ein nachden­kens­werter Weg gegangen wird, sich nicht nur von schönen Melodien zum Jahres­beginn berieseln zu lassen, sondern etwas tiefgrün­diger zu reflektieren.

Das Werk von Joseph Haydn entstand von 1796 bis 1798 als drittes seiner vier Oratorien. Es thema­ti­siert die Erschaffung der Welt, wie sie im ersten Kapitel der Genesis erzählt wird. Es folgt den dort genannten Werken Gottes an den Tagen eins bis sechs, führt aber statt des siebten Tages eine Betrachtung der ersten Menschen im Paradies aus, das sind die letzten fünf der insgesamt 34 Musik­nummern dieses Werkes. Haydn wurde wohl bei seinen England-Besuchen zwischen 1791 und 1795 zur Kompo­sition eines großen Orato­riums angeregt, als er die Oratorien von Georg Friedrich Händel in großer Besetzung hörte. Es ist wahrscheinlich, dass er versuchen wollte, durch den Einsatz der Musik­sprache der reifen Wiener Klassik ähnlich gewichtige Resultate zu erreichen. Haydn gilt bis heute als der Vater der Wiener Klassik.

Foto © O‑Ton

Als Ältester in der Kompo­nis­ten­reihe Haydn, Mozart und Beethoven ist er sowohl Pionier als auch ihr Vollender. Als Mozart geboren wurde, war Haydn schon fast 24 Jahre alt, und er sollte dieses Musik­genie um über siebzehn Jahre überleben. Als Haydn starb, war Beethoven im 40. Lebensjahr und hatte kurz zuvor seine sechste Sinfonie, die Pastorale veröf­fent­licht. Dass Haydn Mozart und Beethoven beein­flusst hat, ist augen­scheinlich, aber auch deren Werke hatten wiederum Einfluss auf Haydns Schaffen, vor allem auf seine Spätwerke. Und wer den Arien und Duetten in der Schöpfung folgt und nicht um Haydns Musikstil weiß, der glaubt an manchen Stellen Mozart zu hören, während die großen Orches­ter­stellen schon Beetho­ven­sches Format haben. Haydns Gesamtwerk, das sich von der Barock­musik bis in die Klassik erstreckt und besonders durch seine 107 Sinfonien geprägt wird, umfasst mehr als 1000 Werke. Die Schöpfung sticht dabei als eines seiner Meister­werke heraus, das von beson­derer Schönheit und immer­wäh­render Bedeutung ist. Haydns frühes musika­li­sches Leben ist nur durch wenige Stationen geprägt. Aus dörflichen Verhält­nissen führt seine musika­lische Laufbahn über das Chorkna­ben­stift von St. Stephan in Wien und die Betätigung als freischaf­fender Musiker bis in die Dienst­ver­hält­nisse der wohlha­benden und kunst­lie­benden ungari­schen Fürsten­fa­milie Esterházy, wo er den größten Teil seines Lebens als Hofmu­siker verbrachte. Erst im Alter von beinahe 60 Jahren konnte Haydn aus dem Schatten seines höfischen Dienst­ver­hält­nisses heraus­treten. Nach dem Tod seines Dienst­herrn, Fürst Nicolaus I., wurden Haydn und die Hofka­pelle entlassen, und so stand für Haydn der Weg offen, seinen inter­na­tio­nalen Ruhm auszukosten.

Dieser Weg führte ihn nach England. Der in London ansässige Geiger und Konzert­ver­an­stalter Johann Peter Salomon lud Haydn für zwei Aufent­halte ein. In London wurde Haydn schnell zum Mittel­punkt des Musik­ge­schehens, und es wurde ihm nicht ohne Stolz bewusst, dass aus dem Kapell­meister einer kleinen öster­rei­chi­schen Residenz ein inter­na­tional bekannter Meister geworden war. „Meine Sprache versteht man in der ganzen Welt“, sagte er einst zu Mozart. Der Katholik Haydn fand in dem äußert inspi­ra­tiven Thema eine grund­le­gende tiefre­li­giöse Erfahrung, die ihn in seiner Arbeit bestärkte: „Ich war auch nie so fromm, als während der Zeit, da ich an der Schöpfung arbeitete; täglich fiel ich auf meine Knie nieder und bat Gott, dass er mir Kraft zur glück­lichen Ausführung dieses Werkes verleihen möchte.“ Die Urauf­führung der Schöpfung fand am 29. April 1798 vor einer geschlos­senen Gesell­schaft, den Assozi­ierten Kavalieren um Gottfried van Swieten, einem musika­li­schen Mäzen und Förderer, der mit allen bedeu­tenden Musikern der Wiener Klassik verkehrte, statt. Ein Jahr später übertraf die erste öffent­liche Aufführung am alten Wiener Burgtheater die Urauf­führung noch an Erfolg, und so begann für das Oratorium ein Siegeszug durch die Konzertsäle Europas. Der Abend wurde in den Memoiren eines schwe­di­schen Musikers wie folgt beschrieben: „Zwischen den Abschnitten brach jedes Mal stürmi­scher Applaus aus. Während der Abschnitte herrschte Todes­stille. Am Ende der Aufführung riefen einige: ‚Wir wollen Papa Haydn!‘ Schließlich kam der alte Mann auf die Bühne und wurde laut begrüßt: ‚Es lebe Papa Haydn! Es lebe die Musik!‘ Alle kaiser­lichen Majes­täten waren anwesend und riefen zusammen mit der Menge: ‚Bravo!‘“

Die Schöpfung stellt einen Höhepunkt in Haydns Schaffen dar und verdeut­licht seinen Einfluss auf die musika­li­schen Entwick­lungen, brach Haydn doch mit der tradi­tio­nellen Vorherr­schaft der Arien und räumte dem Chor eine deutlich größere Bedeutung ein. Haydns weltweiter Erfolg ebnete den Weg zu einem neuen Chorora­torium, das sich außerhalb des sakralen Raums ansie­delte, wodurch der Konzertsaal zum beliebten Auffüh­rungsort avancierte. Die Schöpfung wurde ein fester Bestandteil des klassi­schen Reper­toires und gilt bis heute als zentrales Werk des Genres. Das eigent­liche Schöp­fungs­ge­schehen wird mit den Worten der Genesis in Rezita­tiven berichtet, während in Arien und Chorälen Texte zur Ausschmü­ckung der bibli­schen Handlung gewählt wurden. Das Besondere an diesem Libretto ist, dass es sich mit dem Wunderwerk der Schöpfung beschäftigt, den Sündenfall jedoch ausklammert. Die Schöp­fungs­ge­schichte wird von den drei Erzengeln Gabriel, Uriel und Raphael berichtet. Unter­stützt werden sie vom Chor, der anfangs als Chor der Engel zunehmend zum Chor der von Gott geschaf­fenen Natur wird. Abwech­selnd berichten die drei Erzengel davon, wie Tag für Tag Neues entsteht, während der Chor vor allem am Ende der jewei­ligen Schöp­fungstage in Erscheinung tritt. In seinen oft monumen­talen Chorpas­sagen wird die Schöp­fungs­leistung in vollem Lobgesang gepriesen. Der Aufbau des Orato­riums ist dreige­teilt. Die eigent­liche Schöp­fungs­ge­schichte findet sich in den ersten beiden Teilen, während der dritte Teil das Leben der ersten Menschen thema­ti­siert und in zwei abschlie­ßenden Lob- und Dankes­chören gipfelt.

Die Aufführung in Nürnberg gelingt zu einem großar­tigen, monumen­talen Werk, in dem Orchester, Chor und Solisten ebenbürtig sind und sich ganz in den Dienst des Werkes stellen. Doch die drama­tur­gi­schen Fäden dieser Schöpfung hält Joana Mallwitz in den Händen. Schon die Ouvertüre, die zunächst das Chaos symbo­li­siert, wird von ihr mit getra­genem Tempo geordnet. Es ist fast so, als ob sie selbst eine eigene Schöpfung kreiert, in der sich alle Teile des Gesamt­ensembles entwi­ckeln und ihren Platz einnehmen. Mallwitz nimmt die Schöpfung wörtlich, und gibt somit dem Orchester, dem Chor und den Solisten genügend Spielraum für ihre eigene Genesis.

Foto © O‑Ton

Und die Solisten an diesem Abend brauchen sich vor keiner großen Aufnahme des Werkes zu verstecken, das ist aller­erste Güte, was hier zum Einsatz kommt. Alle eint eine enorme Sanges­freude und Gestaltung ihrer Rollen, als ob sie tatsächlich mit der Musik etwas Neues schaffen. Andromahi Raptis als Erzengel Gabriel begeistert mit ihrem zarten lyrischen Sopran, der sich in leuch­tende Höhen schraubt und dennoch immer sehr textver­ständlich bleibt. Martin Platz als Erzengel Uriel ist für das Oratorium eine Ideal­be­setzung. Sein schöner Mozart-Tenor ist kräftig in der Anlage mit einer guten Mittellage und bleibt in den Höhen strahlend. Seine Erfah­rungen auch als Liedsänger kommen ihm hier zugute. Eine besondere Erscheinung ist Jochen Kupfer als Erzengel Raphael. Sein markanter und ausdrucks­starker Bassba­riton verleiht ihm eine schon fast edle Aura. Nicht nur gesanglich beein­druckt Kupfer in seinen Passagen. Im Rezitativ 21 „Und Gott sprach: Es bringe die Erde hervor lebende Geschöpfe“ verleiht er den einzelnen besun­genen Kreaturen fast eine eigene Stimme, was er mit einer wunder­baren Mimik auch optisch noch unter­streicht. Besser kann man so eine Passage nicht mehr singen. Der Chor bringt sich mit einem großen Klang­hymnus und stimmlich sehr diffe­ren­ziert in das Oratorium ein und verleiht vor allem den großen Final­stellen mit den Solisten einen ganz beson­deren Stellenwert. Im kurzen dritten Teil kommen dann noch mit Adam und Eva die ersten Menschen zu Wort. Julia Grüter als Eva bezaubert mit ihrem ausdrucks­starken lyrischen Sopran, ihren leuch­tenden Höhen und ihrer ganzen Ausstrahlung. Einen herrlich komischen Moment gibt es bei ihrem Rezitativ 32 im Duett mit Adam: „Nun ist die erste Pflicht erfüllt.“ Hier sagt Eva zu Adam „Dein Wille ist mir Gesetz“. An dieser musika­lisch herrlichen Szene dreht sich Joana Mallwitz mit einem vielsa­genden Blick zu dem Duo vor sich um, als ob sie sagen wollte, „Leute, dieser Text ist ja wohl nicht mehr zeitgemäß!“ Allge­meine Heiterkeit im Publikum.

Samuel Hasselhorn hat sich schon in jungen Jahren einen Namen als Bariton gemacht, und mit seinem edlen Timbre und kräftigem Ausdruck ist er, der auch schon über Lieder­fahrung verfügt, mit der Partie des Adam ideal besetzt und ergänzt sich mit Julia Grüters Sopran in formvoller Harmonie, was vor allem in dem wunder­baren Duett Holde Gattin, dir zu Seite zu vernehmen ist. Der Chor des Staats­theaters Nürnberg ist von Tarmo Vaask formi­dabel einge­stimmt und hat großen Anteil am Gelingen der Schöpfung. Die Staats­phil­har­monie Nürnberg ist an diesem Abend in großer Spiel­laune und begeistert vor allem in den wenigen sinfo­ni­schen Elementen. Der warme Klang der Streicher, die harmo­ni­schen Holzbläser und die starken und sauber intonie­renden Blech­bläser machen aus diesem Oratorium ein beson­deres Erlebnis, das durch die Spiel­freude der Musiker noch einmal verstärkt wird. Im Mittel­punkt der Aufführung steht Mallwitz. Mit ihrem zupackenden und dynami­schen Dirigierstil, einem leicht tänzelnden Gestus, sowohl in der Schulter als auch im Handgelenk, frei von Show und Effekt­ha­scherei, und einem Schlag, der mehr wie eine Umarmung des Orchesters denn preußische Taktge­berei ist, weiß Mallwitz ihr Orchester harmo­nisch zu leiten, Chor und Solisten harmo­nisch zu integrieren, und das immer mit einem Lächeln auf den Lippen.

Am Schluss der Aufführung gibt es verdienten Jubel für das ganze Ensemble. Mit diesem Oratorium als Neujahrs­konzert gelingt der Staatsoper Nürnberg ein hoffnungs­voller Neubeginn, der Kraft und Zuver­sicht spendet, für gut zwei Stunden die Pandemie vergessen macht und mit wunder­barer Musik der Schöpfung allen Lebens ohne morali­sie­renden Zeige­finger oder Besser­wis­serei gedenkt. Ein Moment purer Freude und des Genusses.

Andreas H. Hölscher

Teilen Sie O-Ton mit anderen: