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Fotos ähnlich der besuchten Aufführung - Foto © Stephan Glagla

Blendwerk in wirtschaftlich schwierigen Zeiten

DIE FLEDERMAUS
(Johannes Strauss)

Besuch am
1. Februar 2022
(Premiere)

 

Forum Lever­kusen, Großer Saal

Früher war ich Tankwart, heute bin ich Steuer­ein­treiber“, lautet das Zitat des unbekannten Tankstel­len­be­sitzers, das dieser Tage als Bonmot die Runde macht. Die steigenden Benzin­preise schlagen voll auf die Geldbörsen der kleinen Leute durch. Wieder mal. Und die Regierung denkt statt über Steuer­re­duk­tionen bei den Sprit­preisen über einen Heizkos­ten­zu­schuss nach. Das hat doch nun wirklich nichts mit Theater zu tun? Wer die Entste­hungs­ge­schichte der Operette Die Fledermaus von Johann Strauss kennt, weiß es besser. Die wurde nämlich nach dem Wiener Börsen­krach am 9. Mai 1873 ganz schnell auf die Bühne geschoben, um die Menschen an die Kassen des gebeu­telten Theaters an der Wien zu locken. Und es funktio­nierte. Man könnte auch als These formu­lieren: Je schwie­riger die Zeiten werden, desto leichter muss die Unter­haltung sein.

Im Lever­ku­sener Forum geht das Kalkül nur teilweise auf. Immer noch gilt die amtliche Platz­be­schränkung, so dass maximal 600 Menschen an der Aufführung teilnehmen können. Traurig. Aber immerhin gibt es jetzt ein Catering im angeschlos­senen Restaurant. Einge­laden ist heute das Theater am Domhof aus Osnabrück, das Ende November vergan­genen Jahres die Premiere einer neuen Fledermaus-Insze­nierung feierte, die es jetzt bereits in Lever­kusen präsen­tiert. Hätte ja auch zeitlich gut gepasst: Ein bisschen Champa­gner­laune kurz vor den Karne­vals­tagen im Rheinland. Dass der Karneval ein weiteres Jahr nicht statt­findet, konnte zum Zeitpunkt der Planung niemand ahnen. Regie führt Eike Ecker, der nicht alles neu erfinden muss, sondern lieber eine solide Insze­nierung mit Liebe zum Detail abliefert. Das beginnt schon damit, dass die Ouvertüre einfach vor geschlos­senem Vorhang statt­finden darf. Herrlich. Kein Heckmeck auf der Bühne, sondern Konzen­tration auf die Motive, die gleich in den zahlreichen Gassen­hauern wieder auftauchen werden. Warum Darko Petrovic das Wohnzimmer der Familie von Eisen­stein mit 70-er-Jahre-Tapeten ausstattet, muss dahin­ge­stellt bleiben. Im Zweifelsfall gab es im Osnabrücker Baumarkt noch einen preis­werten Restposten. Das würde auch erklären, warum der Seitengang erst gar nicht verkleidet wurde. In der Ballszene holt Petrovic mächtig auf, wenn er im Hinter­grund die „Werke großer Meister“ aufhängt und eine eindrucks­volle „Stukkatur“ an der Decke inklusive zeitweilig auftau­chender Disko-Kugel unter­bringt. Im Gefängnis reichen vier Türen, ein Schreib­tisch und ein paar Stühle, um der Komik zu genügen. Um den Kontrast zu erhöhen, wählt der Kostüm­bildner Kleidungs­stücke, die der Zeit der Entstehung nachemp­funden sind. Bequem müssen sie alle sein, denn Ecker sorgt für ordentlich Bewegung auf der Bühne. Unter­stützen lässt er sich in den Choreo­grafien von Francesco Vecchione. Beide stellen sich dabei geschickt an, denn es fällt kaum auf, wie viel hier eigentlich an der Rampe gespielt und vor allem gesungen wird. Gerade letzteres stellt sich im Großen Saal im Lever­ku­sener Forum als Vorteil dar, denn die Akustik ist eher grenz­wertig. Ein Glücksfall, dass es im Publikum vermutlich kaum jemanden gibt, der die Fledermaus nicht in- und auswendig kennt.

Foto © Stephan Glagla

Wenn es an der Aufführung ernsthaft etwas zu kriti­sieren gibt, ist das die Maske. Katharina Baumgarten bekommt eine Perücke überge­stülpt, die schon in den 1950-er Jahren unmodern war, und eine Brille ins Gesicht, die überflüssig wie die Kollekte in der Kirche ist. Es gibt keinen ersicht­lichen Grund, Adele so zu entstellen. Baumgarten kann ganz ohne Verkleidung das Kammer­mädchen attraktiv und rollen­ge­recht darstellen. Sie gleicht diese Entgleisung hinter den Kulissen mit Spiel­freude und Sanges­kunst auf der Bühne aus, auch wenn ihr Blick fest am Dirigenten haftet. Ihr Sopran kommt mit der Rolle spiele­risch zurecht. Ähnlich verhält es sich bei Susann Vent-Wunderlich, die als Rosalinde ihre dralle Figur offensiv einsetzt. Die Haare sehen erst billig blondiert und später wie bei einem zerrupften Huhn aus. Vollkommen unver­ständlich, wie so etwas passieren kann. Da helfen dann auch körper­licher Einsatz und schnei­dende Höhen nicht mehr. Olga Privalova kommt als Prinz Orlofsky bedeutend besser weg. Die kleine Stimme reicht kaum über den Bühnenrand, aber ihre Ausstrahlung faszi­niert noch die letzte Reihe. Ihr Berater Dr. Falke, der seine Rache als Fledermaus auszuüben hat, ist Jan Friedrich Eggers, der vor allem mit Haltung beein­druckt. Sänge­risch brechen James Edgar Knight als Gabriel von Eisen­stein und Aljoscha Lennert als Gesangs­lehrer Alfred immer wieder mal aus dem gesunden Mittelmaß mit glänzenden Leistungen aus. Der Chor, der vor allem in der Ballszene seinen großen Auftritt hat und Figuren wie Charlie Chaplin oder Albert Einstein zeigt, bringt in der Einstu­dierung von Sierd Quarré mächtig Schwung in die Aufführung. Was aber ist – die große Frage bei jeder Fledermaus-Insze­nierung – mit dem Frosch? Den spielt hier Stefan Haschke, ganz ohne Wiener Schmäh. Das fällt immer ein bisschen ab. Aber Haschke schlägt sich tapfer, wenn er, immer stark angetrunken, wie es sich gehört, über Corona und die Sinnhaf­tigkeit von Opern­ge­sängen „philo­so­phiert“. Und Ecker hat sich sogar die Mühe gegeben, seinen Text auf Lever­kusen anzupassen.

Eine wunderbar luzide, die Stärken der Strauss­schen Musik heraus­spie­lende Leistung des Osnabrücker Sympho­nie­or­chesters erarbeitet Daniel Inbal. Sein Einsatz für die Sänger ist beein­dru­ckend. Da gelingt ihm nicht nur die Balance hervor­ragend, sondern auch sein Engagement im Dirigat für die Sänger sieht man nicht alle Tage. So entsteht ein wunder­barer Gesamt­ein­druck, der nicht einen Moment das Theater an der Wien vermissen lässt.

Insgesamt bleibt der Eindruck eines spiel­freu­digen, im soliden Mittelmaß viel Freude berei­tenden Ensembles, dem es gelingt, viel von der Champa­gner­freude in diesen schwie­rigen Zeiten auf das Publikum zu übertragen, das sich gern und häufig mit Zwischen­ap­plausen bedankt, am Ende aber auch erschöpft wirkt und froh ist, dass die annähernd drei Stunden geschafft sind.

Michael S. Zerban

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