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Foto © Thomas Aurin

Die Welt geht unter, und alles wird gut

ANTIKRIST
(Rued Langgaard)

Besuch am
30. Januar 2022
(Premiere)

 

Deutsche Oper Berlin

Wer jemals nach Frankfurt an der Oder kommt – dicht an der polni­schen Grenze – sollte unbedingt die St. Marien­kirche besuchen. Nicht nur, weil die ursprüng­lichen 117 Fenster mit Glasma­lerei aus dem 14. Jahrhundert zu sehen sind, sondern auch, weil die Geschichte, die in diesen Fenstern erzählt wird – Comics des Spätmit­tel­alters – die Schöpfung der Welt, das Leben von Adam und Eva, das Leben Christi und die Antichrist­le­gende darstellen, inklusive einer Abbildung, die eben Christus zum Verwechseln ähnlich ist.

Ob Rued Langgaard diese Fenster je gesehen hat, wissen wir nicht. Er ist während seines Lebens – geboren ist er 1893, gestorben 1952 – wenig außerhalb seines Heimat­landes Dänemark gereist. Er war als Organist und Pianist bekannt, seine mehr als 400 Kompo­si­tionen fanden wenig Anerkennung zu Lebzeiten und nicht viel mehr nach seinem Tod. Seine einzige Oper, Antikrist, entstand Anfang der 1920-er Jahre – also ziemlich genau vor hundert Jahren – und wurde 1926 bis 1930 überar­beitet aus Gründen des zensierten Librettos, das ebenfalls von ihm stammt. Letzt­endlich fand die konzer­tante Urauf­führung posthum statt, 1980 durch das Dänische Nationale Sympho­nie­or­chester unter Michael Schøn­wandt und szenisch erst 1999 am Tiroler Landes­theater Innsbruck. Die jetzige Produktion ist gerade mal die vierte, überhaupt. Also eine ausge­spro­chene Rarität in der gegen­wär­tigen Opern­land­schaft. Das das opulente Werk sich mit dem apoka­lyp­ti­schen Streit zwischen Gott und Luzifer gerade nach dem Ersten Weltkrieg ausein­an­der­setzt, wonach die Weltordnung sich radikal neu formierte, nicht nur in Deutschland und nicht nur die wirtschaft­liche Basis, sondern europaweit und besonders auf gesell­schaft­licher und sozio­kul­tu­reller Ebene, ist bestimmt kein Zufall. Langgaard wird vom Musik­wis­sen­schaftler Bo Wallner als „eksta­ti­scher Außen­seiter“ bezeichnet, der in der Spätro­mantik und frühen Avant­garde angesiedelt ist. Unüber­hörbar sind die Einflüsse von Wagner und Schönberg.

Das Libretto umfasst gerade mal zwei Seiten, bestehend aus einem Prolog und sechs Szenen, die ohne Pause gespielt werden. Eine Handlung im konven­tio­nellen Sinne gibt es nicht: Im Prolog schickt Luzifer den Antichristen in eine hedonis­tische Gesell­schaft, um sein Unwesen zu treiben. Gott lässt es zu. Im letzten Bild geht der Antichrist doch unter und Gott – oder das Gute – siegt. In den dazwi­schen liegenden Szenen wird die dekadente Gesell­schaft gezeigt, die den Wörtern des Mundes folgen, der einen Lebensstil erläutert, gekenn­zeichnet von Oberfläch­lichkeit, Materia­lismus und Egozentrik. Der Missmut verbreitet Pessi­mismus und Bitterkeit. Die Große Hure meint, der Mensch soll sich nur noch seinen Trieben hingeben. Dazu kommt die Lüge, die auch ihren Macht­an­spruch geltend machen will. Aus diesem apoka­lyp­ti­schen Szenario wächst der Hass und es herrscht Anarchie. Das Jüngste Gericht steht bevor, und Luzifer meint, gewonnen zu haben. Da steigt Gott doch ein, vernichtet den Antichristen und erlöst die Menschheit, die jetzt den himmli­schen Frieden preist.

Ersan Mondtag ist Regisseur und Ausstatter zugleich. Das Einheitsbild zeigt eine Straße mit bunten Häusern, die sich in einer x‑beliebigen Stadt befinden könnte. Links eine mit Neonlichtern bezeichnete Bar, rechts ein ebensolches Zeichen für ein Hotel. Alles spielt sich auf der Straße ab. Hier tritt das zwirbelnde Ballet in der Choreo­grafie von Rob Fordeyn auf, in Kostümen, die an Oskar Schlemmers Triadi­sches Ballett erinnern, und bringt viel Schwung und Bewegung ins Bild.

Foto © Thomas Aurin

Hier tritt der umfang­reiche Chor auf, die Mitglieder in expres­sio­nis­tisch bemalten Nackt­trikots – einer­seits gender­ge­recht, ander­seits auch androgyn. Alles mit großem, grobem Pinsel aufge­tragen. Hier ist nichts subtil. Die oft bibli­schen Texte werden direkt an der Rampe gesungen, es gibt wenig inter­agie­renden Dialog zwischen den Charak­teren. Mondtag ist ein visueller Regisseur, der sich in diesem Werk austobt. Nicht zuletzt mit der Darstellung Gottes als gehängtem Mann mit weiblichem Geschlechtsteil.

Das großartige Sänger­ensemble agiert unter furcht­erre­genden Masken und Bemalung. Allen voran Fiona Stucki als Große Hure mit großem Sopran und noch größerem Busen und Hüften, die allen Trost spendiert. Luzifer wird von Thomas Lehman mit durch­drin­gendem Tenor verkörpert. Der Schau­spieler Jonas Grundner-Culemann lässt Gottes Stimme mit barito­naler Resonanz ertönen. Clemens Bieber musste krank­heits­be­dingt kurzfristig absagen und wird von Tenor Thomas Blondelle in der Rolle des Mundes, der große Worte spricht, vertreten. Wie man es von ihm gewohnt ist, mit vollem vokalem und darstel­le­ri­schem Einsatz. Die weiteren Rollen – die Rätsel­stimmung von Irene Roberts und das Echo der Rätsel­stimmung von Valeriia Savinskaia, der Missmut von Gina Perre­grino, das Tier in Scharlach von AJ Glueckert, die Lüge von Andrew Dickinson und der Hass von Jordan Shanahan – zeugen vom guten musika­li­schen Niveau des Hauses.

Dirigent Stephan Zilias und das Orchester der Deutschen Oper zähmen die kreative Kraft der Partitur in großer Besetzung und mit Lust. Gut ein Drittel ist reine Sinfonik. Auch die große Chorbe­setzung, von Jeremy Bines einstu­diert, verleitet den Zuhörer zu fragen, ist dieses Stück doch eher ein Oratorium?

Dass man am Ende des nur 90 Minuten langen Stückes visuell und musika­lisch überwältigt ist, sich eine Reihe von offenen Fragen ergeben und die Lust, das Stück wieder zu sehen, damit man es besser verstehen kann, ist sicher keine schlechte Bilanz.

Zenaida des Aubris

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