O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Erotische Handfessel

NACKTE TATSACHEN
(Kerry Renard)

Besuch am
30. Januar 2022
(Premiere am 28. Januar 2022)

 

Breuersaal, Wuppertal

2018 veröf­fent­lichte Kerry Renard ihre Komödie The Faked Truth. 2019 wurde sie in der deutschen Übersetzung von Angela Burmeister unter dem Titel Nackte Tatsachen in der Komödie am Altstadt­markt Braun­schweig erstmals aufge­führt. Jetzt ist sie in Wuppertal in Stößels Komödie angekommen. Und von dort gibt es erst mal gute Nachrichten. Denn die wunderbare Spiel­stätte Breuer-Saal am Lauren­ti­us­platz bleibt mögli­cher­weise nicht nur bis zum Sommer, sondern zwei Jahre länger erhalten. Die ist für einen Sonntag­abend erstaunlich gut besucht. Unter­haltung steht derzeit hoch im Kurs.

Die Kanadierin Renard schafft eine zunächst scheinbar völlig absurde Situation. Zwei Männer, gute Freunde, der eine Anwalt, der andere Zahnarzt, wachen morgens nach einem Tennis­match und gemein­samen Abend mit einer Flasche Wein neben­ein­ander im Gästebett des Anwalts auf – nackt und mit Handschellen anein­an­der­ge­fesselt. Da es sich um zwei hetero­se­xuelle Männer handelt, ist das Entsetzen groß. Zumal die beiden von der verfrühten Rückkunft von Anwalt Olivers Frau Emily auf der Schlaf­couch im Wohnzimmer überrascht werden. Die Bühne ist wie immer liebevoll und detail­liert ausge­stattet. Martin Jansen hat die nötigen Licht­spiele wunderbar im Griff, nur beim Klingeln des Handys hätte man ihm eine bessere Lösung zugetraut. Denn das klingt eher, als werde es von draußen über die Saallaut­sprecher einge­spielt, anstatt aus einer Hose auf der Bühne zu erklingen, wo es eigentlich hingehört.

Foto © O‑Ton

Schnell stellt sich heraus, dass die Eingangs­si­tuation noch die weitaus harmlo­seste im ganzen Spiel ist. Und mehr ist über die Geschichte an dieser Stelle auch gar nicht zu erzählen, denn sie lebt von überra­schenden Wendungen – und ob sie gut ausgeht, muss am Ende jeder für sich selbst entscheiden. Bis dahin gibt es jede Menge komischer Dialoge und viel nackte Haut.

Kristof Stößel, der auch Regie führt, hat fast alle Rollen doppelt besetzt. Zum einen kann so häufiger gespielt werden, zum anderen weicht er dauernden Absagen wegen Krank­heits­fällen aus, die gerade an anderen Theatern zum Tages­ge­schäft werden. Der heutige Abend ist erstklassig besetzt. Stößel selbst übernimmt die vergleichs­weise undankbare Rolle des Zahnarztes Michael, der zwar vor allem in der ersten Hälfte starke Auftritte hat, dann aber mehr und mehr aus dem Geschehen drängt. Bereits im letzten Stück – Bäumchen wechsel dich – hatte Vollblut­schau­spieler Stößel als Stripper viel Kleider lassen müssen. Offenbar konnte das sein Selbst­be­wusstsein aber nur stärken. Ganz nackt würde er wohl nicht auftreten, deshalb behält er die schwarzen Socken an. Und den Schalk im Nacken. Die schönsten Momente für Stößel sind ja bekanntlich, wenn er auf das Publikum reagieren kann. Das amüsiert sich an diesem Abend königlich, will aber partout passiv bleiben. Trotzdem gibt es herrliche Momente, wenn etwa Michael auf Emilys Rücken erklärt, wo Rio de Janeiro liegt. Da juchzen die Zuschauer vor Vergnügen. Da muss Zweit­be­setzung Dirk Stasi­kowski, der gerade seine Udo-Jürgens-Gala wieder aufge­nommen hat, ganz schön Gas geben, um das Niveau halten zu können. Zweifel daran bestehen aller­dings nicht im Geringsten.

Foto © O‑Ton

Der einzige, der in dieser Produktion nicht krank werden darf, ist Jan Phillip Keller, der den Anwalt Oliver spielt. Am Ende des Stücks werden die Zuschauer überzeugt davon sein, dass es kaum einen ätzen­deren und selbst­herr­li­cheren Typen als Oliver im Umgang mit Frauen gibt. Sehr schön, wie er sich fehlerfrei um Kopf und Kragen redet. Das darf er vor allem in der zweiten Hälfte zeigen. Zuvor ist es aber vor allem Safak Pedük, die den Abend in Sachen Komik als Emily ganz weit nach vorn bringt. Sie überdreht vollkommen, als sie die beiden Männer im Bett vorfindet, dagegen ist eine Commedia dell’arte eher ein Trauer­marsch, da würden selbst die Stumm­film­diven aus Hollywood blass vor Neid. Aller­dings verlangt das eine körper­liche Anstrengung, die mit einem einwand­freien Textfluss kaum noch vereinbar ist. Und da ist es schon bemer­kenswert, dass sie sich nach einem Stolperer schnell wieder im Griff hat. Michèle Connah als ihre Zweit­be­setzung ist ja ebenfalls bekannt für ihre Spiel­freude. Da wird sie Stößel als Regisseur ziemlich ins Training nehmen müssen.

Stefanie Krüger übernimmt die Rolle von Michaels Ehefrau Nicole, ebenfalls Zahnärztin, die erst spät ins Spiel kommt, aber vor allem durch ihre blitz­schnelle Wandlungs­fä­higkeit zu begeistern weiß. Sie schließt den inzwi­schen Maril­len­schnaps-seligen Reigen wunderbar. Sie ist es auch, die den Charakter Olivers entlarvt und die Geschichte zu einer vom Zeitgeist gewünschten Auflösung führt. Das wird Sandy Schlumm in der alter­nie­renden Besetzung aber mindestens ebenso gut gelingen.

Wer sich also von einer modernen Boulevard-Komödie hervor­ragend unter­halten lassen möchte, braucht bei der Termin­suche nicht auf die Besetzung zu achten. Im Wupper­taler Breuer-Saal ist Spaß für zwei Stunden garan­tiert. Bis zum 13. März sind noch Auffüh­rungen geplant, und glaubt man der Begeis­terung des Publikums am heutigen Abend, ist ein Besuch auf jeden Fall lohnenswert.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: