O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Geistig authentische Reinkarnation

EINE WINTERREISE
(Franz Schubert)

Besuch am
15. Februar 2022
(Premiere am 22. Januar 2022)

 

Theater Basel

Franz Schubert und sein Lieder­zyklus Winter­reise, heute ein Klassiker auf deutsch­spra­chigen Bühnen, ist Zeugnis eines am Leben verzwei­felnden Menschen in düsteren Zeiten. Bedrohung und Bespit­zelung sind im Metternich-Staat an der Tages­ordnung. Im Frühjahr 1827, ein Jahr vor seinem frühen Tod, kündigt Schubert seinen Freunden einen Zyklus schau­er­licher Lieder an.

Schuberts roman­tisch kompo­nierte Stimmungs­bilder von Sehnsucht, Einsamkeit und Entfremdung, gespiegelt in den ätheri­schen Elementen des Universums von Feuer, Wasser, Erde und Luft, sind für jede Inter­pre­tation eine Heraus­for­derung. Eine, die hinter den Liedern den Menschen Schubert in tragi­scher Weltver­las­senheit entdeckt.

Die Mezzo­so­pra­nistin Anne Sofie von Otter und der Regisseur Christof Loy sind sich vor einigen Jahren in dem Wunsch begegnet, gemeinsam eine Schuber­tiade zu insze­nieren. Eine Auffüh­rungsform als konzep­tio­nelle Grundlage zu nehmen, die mit dieser Bezeichnung direkt an Schuberts konzer­tante Auffüh­rungs­praxis zu seinen Lebzeiten in privaten Räumen anknüpft. Anders als seine berühmten Zeitge­nossen Mozart und Haydn, lebt er nicht mit der relativen Sicherheit eines angestellten Hof-Musikus. Schubert ist vielleicht sogar als der erste freibe­ruf­liche Komponist überhaupt zu bezeichnen.

Foto © Monika Rittershaus

Zusammen mit dem Pianisten Kristian Bezuidenhout haben Sängerin und Regisseur neben den Winter­reise-Liedern auch einzelne Stücke aus Die schöne Müllerin sowie Textfrag­mente, Gedichte und Klavier­so­naten ausge­wählt. Heraus­ge­kommen ist Eine Winter­reise: Musik von Franz Schubert – Ein Abend erdacht und insze­niert von Christof Loy.

Von Schubert schlichtweg artikellos als Winter­reise bezeichnet, benennt Wilhelm Müller seine entspre­chende Gedicht­sammlung mit Die Winter­reise. Nichts weniger als eine lebendige Wieder­be­gegnung, eine geistig authen­tische Reinkar­nation von Musik und Leben inten­diert Loys poetische Insze­nierung Eine Winter­reise am Theater Basel.

Aus zerbro­chenen Dachfenstern eines Saales der Gründerzeit verliert sich das Licht ins dunkle Irgendwo. Er, der reife Franz Schubert, verkörpert von Anne Sofie von Otter, öffnet die rechte Saaltür, verge­wissert sich des Raumes, als beträte er eine Grabkammer auf der Suche nach Schuberts Geist. Bezuidenhout kommt durch eine andere Glastür, schaltet Wandleuchten ein, legt den Winter­mantel ab und setzt sich an das histo­rische Hammer­klavier aus Schuberts Zeit. Von Otter setzt sich neben ihn, stimmt mit dem Vers „So umschatten mich Gedanken an das Grab“ aus Friedrich Klopstocks Die Sommer­nacht auf Schuberts Seelen­reise ein.

Die Basler Schuber­tiade stellt Franz Schubert seinen Freund Franz von Schober, einen Bohemien mit radikal freier, roman­tisch verklärter, erotisch aufge­la­dener Lebens­führung gegenüber. Kristian Alm tanzt den Drauf­gänger Schober mit von der Regie merkwürdig insze­nierter Formlosigkeit.

Für die Figur Schuberts erfindet Loy einen biogra­fisch kodifi­zierten Doppel­gänger. In diesem assozia­tiven Schubert-Kalei­doskop spurt von Otter die Wege des Er, Schubert, mit den Liedern ihres dunkel getönten Mezzo­so­prans. Der Schau­spieler Nicolas Franciscus, mit dem Loy verschie­dentlich zusam­men­ar­beitet, performt den träume­ri­schen Erzähl­duktus als Doppel­gänger auf fast somnambule Art.

Foto © Monika Rittershaus

Franciscus starrt, häufig kauernd auf dem Boden, mit irrem Blick in seine eigene Welt zurück. Raufend mit Schober, zerren beide an Viola, Subjekt von Liebes­hoffnung wie an purem Lustgewinn. Giulia Tornarolli bewegt sich wie Alm auf choreo­gra­fierten, redun­danten Abwegen in einem melan­cho­lisch morbiden Raumge­häuse von Herbert Murauer. Dass Tornarolli die Rolle der Kurtisane der nach einem positiven Corona-Test ausge­fal­lenen Tänzerin Matilda Gustafsson kompen­siert, fällt, wenn es nicht angekündigt wäre, nicht auf.

Warum nach von Otters innig anrüh­rendem Liedgesang Im Abendroth – „O wie schön ist Deine Welt“ – Franciscus, Alm und Tornarolli laut krachend Stühle aufstellen, verrücken, empathische Sitzproben veran­stalten, bleibt das Geheimnis des Regis­seurs. Noch Bezuiden­houts einset­zende Klavier­sonate in a‑moll muss sich gegen das chaotische Treiben durch­setzen. Auch wenn Loy im Programmheft darauf verweist, dass der Abend „keines­falls eine gradlinige Erzählung von Schuberts Biografie“ sein will, lässt sich der Eindruck nicht verwehren, kontra­punk­tisch zu insis­tieren, ohne nachvoll­ziehbar insze­niert zu haben.

Je länger die Aufführung voran geht, umso deutlicher wird, dass die choreo­gra­fi­schen Bebil­de­rungen nicht nur befremdlich wirken, sondern dem souverän gestal­teten Spiel Bezuiden­houts und der Gesangs­kunst von Otters mitunter kontrovers im Wege stehen.

Mit dem Epilog aus dem Textfragment Der Dichter schickt von Otter mit komödi­an­ti­schem Augen­zwinkern Schubert und dem anschließend insbe­sondere ihr und Bezuidenhout heftig applau­die­renden Publikum einen Ruf hinterher: „So hab‘ ich denn nichts lieber hier zu tun, als euch zum Schluss zu wünschen wohl zu ruhn.“

Peter E. Rytz

Teilen Sie O-Ton mit anderen: