O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Bildschirmfoto

Kräftiger Wirkverlust

DANCE AGAINST WAR
(Diverse Choreografen)

Gesehen am
6. März 2022
(Live-Stream)

 

Tanzfaktur, Köln

Ein Viertel­jahr­hundert lang konnten die Kultur­ar­beiter das Internet ignorieren, wenn nicht sogar negieren. Immerhin, die meisten Insti­tu­tionen akzep­tierten die Netz-Welt als Marketing-Möglichkeit. Aber wie sie ihre Arbeit in diese neue Welt ausweiten könnten oder womöglich sogar müssten, darüber überhaupt nachzu­denken schien geradezu verpönt. Schließlich ist die Kultur doch für die Bühne da. Dann kamen die so genannten Lockdowns. Eine ganze Gesell­schaft wurde wegge­sperrt, die Türen der Insti­tu­tionen zwangs­ge­schlossen. Wer jetzt noch sichtbar bleiben wollte, musste im Internet von 0 auf 100 durch­starten. Na ja, die wenigsten schafften es immerhin auf 0 bis 50 Prozent. Inzwi­schen können die meisten Häuser wieder spielen, wenn auch mit Einschrän­kungen. Aber haben sie auch aus den zurück­lie­genden Jahren gelernt, beginnen endlich, das Internet in ihre Arbeit mitein­zu­be­ziehen? Die Zweifel sind groß.

Die Tanzfaktur in Köln lädt zur Aufführung Dance Against War, also Tanz gegen Krieg, ein. Eine Solida­ri­täts­ver­an­staltung, die in der Werks­halle viele Künstler versammelt, die ohne Honorar auftreten, um den Ukrainern möglichst viel Geld zukommen zu lassen. Da scheint es ein kluger Gedanke, die Aufführung außerdem als Live-Stream zu zeigen, weil man damit ganz andere Zuschau­er­zahlen erreichen kann. Wenn man weiß, wie es geht. Zudem arbeiten in der Tanzfaktur überwiegend junge Leute, denen man eine gewisse Technik­af­fi­nität unter­stellen darf. Eine gute Gelegenheit, sich mal anzuschauen, wie weit die techni­schen Möglich­keiten einer solchen Übertragung inzwi­schen fortge­schritten sind. Pünktlich um 16 Uhr schaltet die Video­plattform den Daten­strom frei. Das inter­es­siert in Köln aller­dings niemanden. Erst 20 Minuten später geht die Tanzfaktur auf Sendung. Im Internet ist die nächste Attraktion einen Mausklick weit entfernt. Dafür sind 20 Minuten eine sehr lange Zeit. Das relati­viert sich, weil ohnehin laut Zählwerk der Video­plattform nur 20 Menschen zuschauen. Und die sind hartnäckig genug, in der Wartezeit nicht abzuspringen. In der Spitze werden es aller­dings auch nicht mehr als knappe 40 Zuschauer werden. Da gibt es im Marketing offenbar noch Verbes­se­rungs­po­tenzial. Oder auch nicht. Denn nach dem, was das Publikum am heimi­schen Computer geboten bekommt, ist es vielleicht sogar ganz gut, dass die Übertragung nicht so viele Menschen zu sehen kriegen.

Slava Gepner und Yana Novotorova – Bildschirmfoto

Auf dem Bildschirm ist die Standard­bühne in der Werks­halle zu sehen. Im Hinter­grund gibt es eine kleine Leinwand, auf der unter anderem die Gescheh­nisse auf der Bühne gezeigt werden. Das irritiert insofern, als die Ereig­nisse zeitver­setzt gezeigt werden. Slava Gepner, Künst­le­ri­scher Leiter der Tanzfaktur, und Yana Novotorova, eine Tänzerin und Choreo­grafin, die in Russland geboren wurde, in Kiew aufge­wachsen ist und seit zehn Jahren in Deutschland lebt, führen durch die Sendung. Während Gepner auf Deutsch versucht, die aktuellen Ereig­nisse auf eine höhere Ebene zu führen, ist es Novoto­rovas Aufgabe, die emotio­nalen Entwick­lungen auf Englisch abzubilden. Weil, so erklärt sie, sie darauf hofft, dass möglichst viele Menschen inter­na­tional zuschauen werden.

Das Eröff­nungssolo übernimmt Alena Shornikova. Sie ist in Russland aufge­wachsen, erinnert mit ihrem Tanz an das ukrai­nische Dorf, in dem ihre 88-jährige Großmutter lebt. Sie bringt das Abartige an Putins Überfall auf die Ukraine auf den Punkt. Zwischen Russland und der Ukraine gibt es enge familiäre Bande. Kaum jemand, der nicht eine Cousine, einen Großvater oder enge Freunde im jeweils anderen Land wohnen hat. Shornikova weist auch darauf hin, dass die Propa­ganda-Maschine in Russland funktio­niert. Die Gleich­schaltung der Medien ist vollzogen, die Drohungen des russi­schen Staates gegen seine Bürger funktio­nieren. Wer sich abfällig über das Militär äußert, öffentlich protes­tiert oder sich sonstwie gegen die Regierung auflehnt, muss damit rechnen, bis zu 15 Jahre ins Gefängnis zu gehen. Shornikova berichtet, dass viele ihrer Kollegen von der Idee eines Solida­ri­täts­abends zunächst begeistert waren, später aber wegen der drohenden Konse­quenzen absagten. Die Angst der Russen vor dem staat­lichen Durch­griff ist groß, denn die Härte des Staats­ap­parats ist bekannt.

Eigentlich sieht die Drama­turgie an dieser Stelle noch eine Steigerung vor. Aber die Technik scheitert. Die Schalte in die Ukraine via Zoom wird zur Katastrophe. Und es ist nicht etwa eine kleine Panne, über die jeder gern hinweg­sieht, sondern ganz offen­sichtlich hat hier jemand unpro­fes­sionell und blauäugig die Technik in die Hand genommen, ohne sie zu beherr­schen. Bei jedem Stadt­theater wäre die Übertragung wegen techni­scher Fehler abgebrochen worden. Die Schalten funktio­nieren nicht, Akteure, die Texte auf der Bühne aufsagen, sind nicht mikro­fo­niert, Mikrofone werden nicht recht­zeitig freige­schaltet, so dass ganze Textteile verlo­ren­gehen. Drei Stunden lang geht das so.

Bildschirmfoto

Rückbli­ckend kann man festhalten, dass es ein fantas­ti­sches Programm gewesen wäre, das da in der Kürze der Zeit zusam­men­ge­stellt wurde. Julia Grishina mit zwei Videos, Lisa Frieg bringt ein Duo auf die Bühne, bei dem sich zwei Tänze­rinnen streiten und vertragen, Darya Myasnikova aus Sibirien hält eine Ansprache – die nicht verständlich ist – in Verbindung mit ihrem Solo. Sehr eindrucksvoll eigentlich auch die vier Tänzer in orange­far­benen Ganzkörper-Schutz­an­zügen mit Gasmasken, die tonlos Fahnen schwenken. Marje Hirvonnen liefert diesen Beitrag. Auch Illia Mirosh­ni­chenkos Duo The Wall funktio­niert – zu diesem Zeitpunkt schon: wider Erwarten. Es gibt in buntem Wechsel eine Jonglage, Videos und Live-Auftritte, die unter den techni­schen Schwie­rig­keiten und Unzuläng­lich­keiten zunehmend uninter­es­santer werden.

Dass Gepner sich vor dem Ende der Übertragung mit dem lapidaren Hinweis verab­schiedet, ein paar Pannen könnten nichts an der Solida­rität ändern, ist nur damit zu erklären, dass er von der Übertra­gungs­qua­lität im Saal nichts mitbe­kommen hat. Prompt endet die Veran­staltung mit einem weiteren Missge­schick. Da wird ein als drei Minuten dauerndes Video angekündigt, das dann 20 Minuten lang läuft und so dem Zuschauer am heimi­schen Monitor das Schlussbild mit allen Akteuren vorenthält.

Ein komplett missglückter Abend, jeden­falls, was den Live-Stream betrifft. Muss man darüber berichten, anstatt gnädig den Mantel des Vergessens darüber auszu­breiten? Ja. Immerhin hat die Tanzfaktur den Mut bewiesen, einen Versuch zu unter­nehmen. Und da möge niemand mit dem Finger zeigen, vor allem die zahlreichen Benefiz­kon­zerte nicht, die derzeit wieder so tun, als gäbe es die Online-Welt nicht. Noch immer nehmen die Kultur­ar­beiter ihren Weg in die Zukunft nicht ernst. Die Frage ist, wie lange das noch gut geht.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: