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Foto © Janosch Abel

Der richtige Dreh für Debussy

PELLÉAS ET MÉLISANDE
(Claude Debussy)

Besuch am
20. März 2022
(Premiere)

 

Bühnen Bern

Vor gut 20 Jahren lief Claude Debussys einzig vollendete Oper am Stadt­theater Bern, nun feiert das 1902 in Paris urauf­ge­führte Werk Pelléas et Mélisande an den Bühnen Bern eine erfolg­reiche Wieder­be­lebung. Das Regieteam unter Elmar Goerden setzt das Eifer­suchts­drama nach der Dichtung von Maurice Maeter­linck punkt­genau in Szene, Sebastian Schwab liefert am Pult vom Berner Sympho­nie­or­chester die beseelten Klang­farben. Unter den Solisten stechen besonders Evgenia Asanova und Robin Adams heraus.

Noch bevor Sebastian Schwab seinen Dirigen­tenstab zu den ersten Klängen von Debussys rund dreistün­digem Opus hebt, beginnt die unheil­volle Geschichte von Pelléas und Mélisande. Auf der Bühne rieselt feiner Kunst­schnee vom Schür­boden herab, die Zuschauer blicken auf die Innen­räume einer kargen Behausung, die mehr an eine Contai­ner­siedlung erinnert als an ein prunk­volles Schloss. Erzählt wird nämlich die Geschichte des Prinzen Golaud, der im dichten Wald auf das verschüch­terte Mädchen Mélisande trifft. Sie soll seine Frau werden, doch es dauert nicht lange, bis die Schöne Gefallen an seinem Bruder Pelléas findet. Das Drama nimmt seinen vorbe­stimmten Lauf.

So eindeutig die von Eifer­sucht getriebene Dreiecks­be­ziehung zwischen den Brüdern und der jungen Frau im Stück gezeichnet ist, so sehr liegt alles andere in dieser Erzählung im Nebel verborgen. Über allem thront König Arkel. Er lebt mit den beiden Männern und deren Mutter sowie dem Enkel Yniold aus einer ersten Verbindung Golauds unter einem Dach. Darum herum gibt es viel dunklen Wald und einen Ausblick aufs Meer. Die Figuren scheinen abgeschnitten von der Welt, sie alle tragen ein düsteres Geheimnis mit sich herum. Ähnlich wie in Béla Bartóks Oper Herzog Blaubarts Burg von 1911 sind auch die Verstri­ckungen in Debussys Solitär dem Symbo­lismus zuzuordnen. Auch Opern­kenner rätseln, was es mit den Konstel­la­tionen auf sich hat, die Deutungen fallen entspre­chend unter­schiedlich aus.

Der Zugang zur mysti­schen Dichtung, die Debussy in einen Fünfakter von beacht­licher Länge gepackt hat, packt nicht jeden Opern­freund gleich von Beginn weg. Geschulte Ohren kommen schnell ins Schwärmen, wenn sie von den atmosphä­ri­schen und zugleich minima­lis­ti­schen Klang­welten des Kompo­nisten sprechen; andere hingegen empfinden das Tonge­bilde in einem Maße vergeistigt, meditativ und entma­te­ria­li­siert, dass Ihnen dieser gleich­förmige Strom zu undra­ma­tisch und blutleer erscheint. Giacomo Puccini frotzelte bei der Urauf­führung über die Partitur seines Kollegen: «Eintönig wie ein Franziskaner-Habit».

Die Regie unter Elmar Goerden beugt allfäl­ligen Eintö­nig­keiten von Anfang an vor und bedient mit seinem Team Silvia Merlo, Ulf Stengl und Christian Aufder­stroth für Bühne und Licht beste Krimi­un­ter­haltung in der Manier von Nouvelle-Vague-Ikone Claude Chabrol. Die Kostüme im Sechzi­ger­jahre-Stil kommen von Lydia Kirch­leitner und passen farblich zum Innen­dekor. Eine Drehbühne verschafft Einblicke in die seltsamen Sitten in Arkels bizarrem Bungalow. Ein abstraktes Panop­tikum, in dem die Protago­nisten auffallend distan­ziert mitein­ander umgehen. Sie gehen alle auf Glas. In den verwin­kelten, engen Räumen gibt es auch Ausblicke, sie dienen den Akteuren als Fenster ins Freie, ähnlich wie ein Teleskop ins Weltall. Das Publikum wird in der Umkehrung zum Voyeur, dem kein unschönes Detail in diesem Labyrinth verborgen bleibt. Poetisch ist der Schluss, wenn sich das Liebespaar im Jenseits von Gut und Böse trifft und auf die Weite außerhalb des Kerkers blickt.

Evgenia Asanova ist eine Ideal­be­setzung für die geheim­nis­volle Mélisande, die sich nur vom jüngeren Bruder gerne berühren lässt und sonst wie Andersens verstörtes Mädchen mit den Schwe­fel­hölzern wirkt, das den Tod nicht als Gefahr, sondern als Erlösung sieht. Asanovas Mezzo­sopran hat die nötige Leich­tigkeit, die feinen Melodie­zeich­nungen Debussys adäquat auszu­drücken. Ebenso subtil setzt Michał Prószyński seinen lyrischen Tenor als Pelléas im Studen­ten­outfit ein, manchmal jedoch einen Tick zu sacht, sodass er im wogenden Orches­ter­tutti fast untergeht.

Foto © Janosch Abel

Für Robin Adams ist die Partie des ambiva­lenten Golaud ein Geschenk, das der charis­ma­tische Bariton mit sicht­lichem Impetus genießt. Sein Antiheld ist ein getrie­bener, verun­si­cherter Mann und Adams bringt dessen Stimmungs­schwan­kungen bis hin zum Mord an seinem Bruder mit packender Leiden­schaft auf die Bühne. Auch stimmlich überzeugt Robin Adams wie schon als Alberich in Wagners Rheingold mit einer gehörigen Portion an Volumen und masku­linen Farben. So richtig in den tiefen Burgunder-Weinkeller geht es mit Bass Matheus França als stoischem Hausherrn, der in dieser Rolle aller­dings nicht viel Gelegenheit bekommt, mit Schat­tie­rungen aufzuwarten.

Claude Eichen­berger ist Arkels Schwie­ger­tochter Geneviève im Deux-Pièces und mit platin­blonder Monroe-Frisur. Ihre Angst vor dem Pascha ist allge­gen­wärtig, in einer Szene wird ein Missbrauch seitens Arkels angedeutet. Leider kommt Eichen­bergers eleganter Mezzo­sopran nur am Anfang zum Tragen, Debussy hat seine Geneviève danach stumm geschaltet. Orsolya Nyakas Sopran hat einen hellen Schimmer und eignet sich gut für die Hosen­rolle des Yniold, etwas mehr Kraft könnte aller­dings sogar dieser Knaben­partie nicht schaden. Die Diktion, die es für diese franzö­sische Litera­tur­ver­tonung zwingend bräuchte, ist nicht gleicher­maßen ausge­prägt, doch Oper ist wie Kino untertitelt.

Sebastian Schwabs Dirigat des Berner Sympho­nie­or­chesters bildet das i‑Tüpfelchen für diesen diffi­zilen Opern­schmaus. Die Tempi geschmeidig, die Farben gedeckt und in den Zwischen­spielen von großer Inten­sität gezeichnet, präsen­tiert Schwab einen außer­or­dentlich atmosphä­ri­schen Klang­körper, der trotz anhal­tender Spann­kraft nicht überdreht und ebenso wenig in Langat­migkeit kippt. Es sind exzellent ausge­staltete Klang­inseln, die filigran schimmern und die mit äußerster Präzision bestechen.

Der Pausen­ap­plaus des Premie­ren­pu­blikums ist verhalten, erst nach dem letzten Vorhang tauen die Berner auf und man hört verein­zelte Bravorufe. Die durchwegs gelungene und strin­gente Produktion verdanken Bühnen Bern dem ehema­ligen Opern­di­rektor Xavier Zuber, der sie während seines Schaffens am Haus aufge­gleist hat. Dafür gibt es Applaus direkt an Zuber gewandt, der die Vorstellung besucht. Es mag an der Program­mierung liegen, dass Pelléas et Mélisande bis dato nicht sonderlich gut gebucht ist. Sind es die mehrheitlich schweren Werke in dieser Saison oder die eher «schwie­rigen» Insze­nie­rungen? Fehlen die Opernhits? Gerade jetzt lohnt sich ein Opern­besuch, in der Zweit­be­setzung der Mélisande und des Pelléas singen Eleonora Vacchi und Todd Boyce.

Peter Wäch

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