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House of Cards

LOHENGRIN
(Richard Wagner)

Besuch am
26. März 2022
(Premiere)

 

Oper Leipzig

Es ist ein Moment gemischter Gefühle, wenn man an diesem sonnigen Samstag vor dem Leipziger Opernhaus am Augus­tus­platz steht, direkt vis á vis dem berühmten Gewandhaus. Demons­tranten haben sich versammelt, um gegen den Krieg in der Ukraine zu protes­tieren, und vor dem Eingang zum Opernhaus ist eine große Bühne aufgebaut, wo zeitgleich zur Premiere des neuen Lohengrin ein Benefiz­konzert mit dem Pianisten Igor Levit als Zugpferd zugunsten der Ukraine statt­findet. Davon werden die Premie­ren­be­sucher aber nichts mitbe­kommen. Des Weiteren ist die Premiere ein erster Schritt zur Norma­lität nach der langen Zeit der Theater­schlie­ßungen und stark reduzierter Zuschau­er­zahlen während der Corona-Pandemie, trotz höchster Inzidenz­werte bundesweit. Immerhin über 600 Zuschauer dürfen der Premiere beiwohnen, und es ist der zweite Anlauf innerhalb von knapp anderthalb Jahren, mit dem Lohengrin die letzte Lücke im dreizehn Opern umfas­senden Werkver­zeichnis Richard Wagners im Reper­toire der Oper Leipzig zu schließen. Denn es sind nur noch drei Monate bis zu den Opern­fest­tagen Wagner 22 im Sommer. Denn dann will die Oper Leipzig unter der Leitung von Noch-Intendant und General­mu­sik­di­rektor Ulf Schirmer alle Werke Wagners innerhalb von drei Wochen in der Reihen­folge ihrer Entstehung zur Aufführung bringen. Ein Mammut­projekt und in seiner Form einzig­artig. Mit der Neuin­sze­nierung von Wagners Lohengrin in der Insze­nierung von Katharina Wagner sollte nach der umjubelten Premiere von Tristan und Isolde im Oktober 2019 ein weiterer wichtiger Meilen­stein auf diesem Weg gelegt werden.

Doch es kam ganz anders. Zunächst musste im Frühjahr 2020 die Premiere Lohengrin am Gran Teatre del Liceu Barcelona, mit dem die Leipziger Insze­nierung in Kopro­duktion entstehen sollte, aufgrund der begin­nenden Corona-Pandemie abgesagt werden, und damit auch die Insze­nierung von Wagner. Im Sommer 2020 konnte dann wieder unter Einschrän­kungen Theater gemacht werden, doch Katharina Wagner, Leiterin der Bayreuther Festspiele, erkrankte schwer und fiel länger­fristig aus. An eine Insze­nierung von Wagner, wie ursprünglich vorge­sehen, war nicht zu denken. Sie sollte schon 2018 in Leipzig den Tannhäuser insze­nieren, was jedoch aufgrund organi­sa­to­ri­scher Schwie­rig­keiten schei­terte. Nun war eine kreative Lösung gefragt, wollte man diesen Lohengrin unter den erschwerten Rahmen­be­din­gungen und Auflagen, die eine „normale“ Insze­nierung vor vollem Haus nicht möglich machten, auf die Bühne bringen. Intendant und General­mu­sik­di­rektor der Leipziger Oper, Ulf Schirmer, erarbeitete nun zusammen mit dem Chefdra­ma­turgen Christian Geltinger und dem künst­le­ri­schen Produk­ti­ons­leiter Patrick Bialdyga, der das Stück auch insze­nierte, ein neues Konzept. Dabei sollte die Musik im Vorder­grund stehen, zumal die Oper Leipzig über eine Bühnen­fläche verfügt, die es möglich macht, das Orchester in Origi­nal­be­setzung auf der Bühne zu platzieren. Auch der Chor soll zum Einsatz kommen, und den Bühnenraum sollen Motive des Bildhauers und Malers Klaus Hack bestimmen. Für diesen Lohengrin hatte Ulf Schirmer nun eine Fassung entwi­ckelt, die die großen musika­li­schen Szenen – etwa die Szene zwischen Ortrud und Telramund, das sogenannte Braut­gemach mit dem einlei­tenden Brautchor oder die Grals­er­zählung – unange­tastet lässt, so dass große Strecken des Werks trotz der erfor­der­lichen Kürzungen zu erleben waren. Durch die Anordnung der Szene vor dem Orchester war das Publikum darüber hinaus näher am Geschehen, was den neuen Leipziger Lohengrin zu einem fast schon intimen Kammer­spiel machen soll. Doch die auf zwei Stunden reduzierte „Corona-Fassung“ hinterließ Amputa­ti­ons­schmerzen, denn ein stark gekürzter Lohengrin zerfasert auch das Geschehen auf der Bühne, zumal die Protago­nisten auf der Bühne nicht inter­agieren konnten, auch da musste der Sicher­heits­ab­stand einge­halten werden. Trotz guter Sänger und einer starken musika­li­schen Darbietung blieb die Fassung Stückwerk, und man war darauf gespannt, wie Katharina Wagner im zweiten Anlauf den Leipziger Lohengrin auf die Bühne brächte. Immerhin konnte im November letzten Jahres mit der Neuin­sze­nierung der Meister­singer von Nürnberg die vorletzte Lücke im Wagner-Reper­toire geschlossen werden. Nun hieß es warten auf Katharina Wagner und den neuen Lohengrin.

Doch fast schon wie zu erwarten, sollte es dazu nicht mehr kommen. In einer Presse­mit­teilung der Oper Leipzig vom 7. Februar 2022 hieß es dazu lapidar: „Heute beginnen an der Oper Leipzig die Proben zu Richard Wagners Lohengrin. Die Premiere ist für den 26. März 2022 einge­plant und vollendet den Reigen der 13 Bühnen­werke, die zu den Festtagen WAGNER 22 in Leipzig aufge­führt werden. Die Regie übernimmt aber nicht wie zusammen mit Barcelona geplant, Katharina Wagner. Aufgrund von Corona konnte ihre Insze­nierung Lohengrin in Barcelona nicht zu Ende gearbeitet werden; ebenfalls wegen Corona musste der ursprünglich geplante Premie­ren­termin in Leipzig abgesagt und auf März 2022 verschoben werden. Wichtige und notwendige technische Anpas­sungen und Weiter­ent­wick­lungen am Bühnenbild konnten erst zeitnah vor Proben­beginn in Leipzig aufge­nommen werden. Intendant und General­mu­sik­di­rektor Prof. Ulf Schirmer hatte diese Situation zu optimis­tisch bewertet, die notwen­digen techni­schen Anpas­sungen und Weiter­ent­wick­lungen sind wegen des Zeitmangels nicht mehr seriös umzusetzen.“ Wenn man zwischen den Zeilen liest, eine desas­tröse Vorbe­reitung des letzten verblei­benden Werkes. So blieben gut sechs Wochen Zeit, um mit dem Team um Leipzigs Hausre­gisseur Patrick Bialdyga aus der aus der Not geborenen „Corona-Fassung“ des Lohengrin das komplette Werk mit Chor und Massen­szenen auf die Bühne zu bringen. Eine Herku­les­arbeit, die, und das sei hier vorweg­ge­nommen, im Großen und Ganzen gelungen ist, auch dank eines überra­genden Sängerensembles.

Foto © Kirsten Nijhof

Nun ist es endlich so weit, der Eiserne Vorhang öffnet sich und das Vorspiel zum ersten Aufzug Lohengrin erklingt. Drei große Tische, die immer von zwei ganz in schwarz geklei­deten Statisten umgestellt werden, und fünf Stühle bilden das Haupt­büh­nenbild. Am rechten und linken Bühnenrand sieht man zwei große stili­sierte Holzfi­guren des Bildhauers Klaus Hack, es sind die nordi­schen Götter Wodan und Freya. In der Mitte auf den zu einer Tafel angeord­neten Tische liegt eine goldene Krone als Zeichen des führer­losen Brabant. Elsa steht während des Vorspiels vor dieser Tafel, wie erschüttert, um sich dann wie ein verschrecktes und trauma­ti­siertes Kind unter dem Tisch zu verstecken, nachdem ihr die omniprä­sente Ortrud ein Paar Schuhe und eine Strick­jacke vor die Füße geworfen hat, eindeutig ihrem vermissten Bruder Gottfried zuzuordnen. Friedrich von Telramund sitzt an der linken Kopfseite der Tafel, vor ihm ein großes Schach­spiel. Aber Telramund ist blind. Sind es die Folgen einer möglichen Kriegs­ver­letzung, der er sich im Kampfe „mit dem wilden Dänen“ zugezogen hat, oder ist er nur „blind“ für die Realität, dass Ortrud ihn benutzt und manipu­liert. Diese Frage lässt Regisseur Bialdyga offen wie so vieles, was er nur andeutet. Die Figur des Königs Heinrich hat in dieser Neufassung einen kompletten Wandel durch­macht. War er in der gekürzten Fassung ein infan­tiler Kretin, der Seifen­blasen aus einem Reichs­apfel nachemp­fun­denen Gefäß pustete und ansonsten alles tat, was ihm sein Adjutant, der Heerrufer, einflüs­terte oder vorlegte, agiert er hier als starker und selbst­be­wusster Herrscher, der sich das Heft des Handelns nicht aus der Hand nehmen lassen will. Günther Groissböck ist hier sänge­risch wie spiele­risch eine Idealbesetzung.

Bleibt noch Lohengrin selbst, der alles andere als roman­tisch in einem grauen Pullover von der Seiten­bühne auf die Bühne kommt, den Schwan in einer großen Glaskugel. Das Spiel der Intrige und Macht hat begonnen, bei dem es, das ist zu diesem Zeitpunkt schon klar, nur Verlierer geben wird. Ortrud betreibt ihr Ränke­spiel, indem sie Karten legt. Für Bialdyga ist sie die starke Figur im Hinter­grund, die die anderen Figuren manipu­liert und wie Mario­netten bewegt, in Analogie zur Netflix-Serie House of Cards. Auch optisch ist Ortrud mit ihrem blauen Business­anzug und dem blonden Seiten­scheitel der Figur der Claire Underwood nachemp­funden, perfekt darge­stellt von Kathrin Göring. Doch Ortruds Strategie geht nicht auf, bricht wie ein Kartenhaus zusammen. Am Ende des zweiten Aufzuges hält sie sich eine Pistole an die Schläfe, wissend, dass sie verloren hat. Der Heerrufer hält sie im letzten Moment davon ab. Eine der Ungereimt­heiten der Insze­nierung ist die Überhöhung der Figur des Heerrufers, der sein eigenes Spiel treibt, den König hintergeht, Ortrud körperlich verfällt, obwohl die ihn nur für ihre eigenen Zwecke benutzt. Am Schluss richtet der Heerrufer die Pistole auf den zurück­ge­kehrten Gottfried von Brabant, der sich zum Herzog krönt, um mit dem Verlö­schen des Lichtes die Waffe auf Ortrud zu richten.

Lohengrin war in der Kurzfassung ein aggres­siver Grals­ritter, der Elsa schon beim Frage­verbot so einschüch­terte, dass von der hehren Romantik nichts zu spüren war. Auch das hat sich grund­legend geändert, was aber auch an der großar­tigen Inter­pre­tation der Rolle durch Klaus Florian Vogt liegt. Lohengrin ist eher der Typ Gutmensch, der scheinbar auch Verständnis für Ortrud und Telramund aufbringt. Das Gottes­urteil ist kein Kampf auf Augenhöhe, Telramund wird mit seinem Blinden­stock nieder­ge­streckt. Im Bezie­hungs­ge­flecht der Figuren unter­ein­ander geht dann aber alles Gefühl verloren. Die Braut­gemach-Szene, mit weißen Blüten auf den Tischen, auf den Ortrud noch schnell ein paar Schwa­nen­federn hinzu­gefügt hat, wirkt kalt und steril, das Ende mit Schrecken ist vorpro­gram­miert. Nach der Grals­er­zählung erscheint der Schwan nicht wie in der Kurzfassung aus der Unter­bühne, mit großen Flügeln, Schwert und Horn, sondern Elsa übergibt Lohengrin wieder die schon bekannte Glaskugel mit Minischwan. Durch den Einsatz der Drehbühne kann Lohengrin aus einem Haufen Federn den jungen Gottfried von Brabant aufstehen lassen.

Nach der Kurzfassung war die Frage offen­ge­blieben, inwieweit diese Insze­nierung in einer Komplett­fassung überhaupt greifen würde, und ob das Bühnenbild von Norman Heinrich dann erweitert würde. Die Frage kann man durchaus bejahen, auch unter dem Aspekt der kurzen Vorbe­rei­tungszeit. Die Kostüme von Jennifer Knothe sind auch noch einmal von Roy Böser angepasst worden. Lohengrin bekommt zur Braut­gemach-Szene einen Frack verpasst, in der Kurzfassung war er noch mit einem schmud­de­ligen Straßen­anzug mit Trenchcoat auf die Bühne gekommen. Ortrud nun im business look statt Samtkleid, und auch Elsa weißes Kleid wirkt wesentlich eleganter als das an einen Tennis­dress erinnernde Kleid der Erstfassung. Der Chor, in der „Corona-Erstfassung“ noch über Lautsprecher von der Probe­bühne einge­blendet, ist jetzt in einem großen Bühnen­kasten hinter Leinwand aufge­reiht, der gleich­zeitig die Bühne teilt. Dank der Licht­regie kann der Chor völlig unsichtbar sein oder trans­parent wie Scheren­schnitt­fi­guren sichtbar gemacht werden. Dadurch entsteht ein optisch stark reduziertes Setting, weil die für dieses Chorwerk Wagners typischen Massen­szenen entfallen. Anderer­seits kann der Chor sich ausschließlich aufs Singen konzen­trieren, was ein Höhepunkt dieser Insze­nierung ist.

Foto © Kirsten Nijhof

Sänge­risch und musika­lisch ist die Neufassung ein Hochgenuss.  Gabriela Scherer gibt die naive, unschuldige Elsa mit einem klaren Sopran, der in den Höhen Leucht­kraft besitzt, ohne zu vibrieren. Von den reinen, klar tragenden, leisen Tönen ihrer Traum­er­zählung zu Beginn bis hin zur Braut­gemach-Szene, mit den wunderbar vom Lyrischen ins leicht Drama­tische gestei­gerten Phrasie­rungen. Ein in jeder Hinsicht gelun­genes Rollen­debüt. Klaus Florian Vogt als Lohengrin zu charak­te­ri­sieren, hieße Eulen nach Athen zu tragen, denn wie kaum ein anderer Wagner-Tenor hat er die Rolle in den letzten zwei Jahrzehnten in vielen Insze­nie­rungen weltweit geprägt. Und doch ist es erstaunlich zu sehen, mit wieviel Feingefühl er die Figur anlegt, und welche Farben in der Gestaltung der Partie er gesanglich erzeugt. Ohne großen Helden­gestus, aber mit kräftigem Fundament bewältigt er die Ausbrüche im großen Duett des Braut­ge­machs Höchstes Vertrau’n. Dabei entwi­ckelt die Stimme, basierend auf einer warmen Mittellage mit leicht barito­nalem Timbre die nötige Strahl­kraft, die die Partie verlangt. Die Grals­er­zählung geht Vogt sehr lyrisch, ja, fast schon zärtlich an, um sich dann zum Schluss mit leuch­tenden Höhen als Grals­ritter erkennen zu geben. Kathrin Göring musste kurz vor der Premiere der Kurzfassung erkran­kungs­be­dingt absagen, jetzt holt sie ihr Rollen­debüt als Ortrud endlich nach. Stimmlich und spiele­risch stark präsent, überzeugt sie als Ränke schmie­dende Polit­fürstin. Ihr hoher und teilweise drama­ti­scher Mezzo­sopran überzeugt mit kraft­vollen Ausbrüchen, insbe­sondere in der Schlüs­sel­szene der Partie Entweihte Götter im zweiten Aufzug, wo sie zwischen den stili­sierten Götter­fi­guren genau diese anruft. Ihr Ausdrucks­re­per­toire und die vor allem in der Mittellage variable Stimme skizziert ihre Ortrud als Charak­ter­studie von großer Intrige und Heuchelei. Simon Neal gibt den Telramund mit drama­ti­schem Bariton und entwi­ckelt so einen souverän gestal­teten Charakter, der zum Opfer von Ortruds List und Täuschung wird.  Genaue Artiku­lation ist auch bei ihm eine Selbst­ver­ständ­lichkeit, ebenso wie eine technisch sichere, variable Gestaltung einzelner Phrasen. Im Vergleich zur Kurzfassung, die er auch gesungen hat, hat seine musika­lische und darstel­le­rische Inter­pre­tation noch einmal deutlich mehr an Profil gewonnen. Günther Groissböck begeistert als König Heinrich mit wuchtigem und gleich­zeitig wohltö­nendem Bass. Seine sänge­rische Inter­pre­tation, aber auch seine Rollen­in­ter­pre­tation haben aus der lächer­lichen Figur der Erstfassung einen starken Regenten gemacht. Mathias Hausmann ist als Heerrufer mit schmei­chelndem Helden­ba­riton, sicher gesetzten Tönen und markanten Ansagen eine exzel­lente Besetzung der Partie.

Der Chor der Oper Leipzig, hervor­ragend einge­stimmt von Thomas Eitler-de Lint, kann in dieser Fassung endlich wieder wie gewohnt reüssieren, da durch die starre Aufreihung in dem Bühnen­kasten die einzelnen Stimm­gruppen sehr markant zu vernehmen sind, wobei die Tenöre sich natur­gemäß dominant hervor­heben. Das Gewand­haus­or­chester unter Leitung von Christoph Gedschold, dem designierten Musik­di­rektor der Oper Leipzig ab der kommenden Spielzeit, spielt klar und brillant. Das Vorspiel zum ersten Aufzug erklingt filigran, ja, fast kammer­mu­si­ka­lisch ertönt es aus dem Orches­ter­graben, zart und innig die Motive Elsas, bis die Spannung immer weiter aufgebaut wird und das Frage­motiv drohend und schick­salhaft sympho­nisch erschallt, um dann wieder in fast sphärische Klänge zu transkri­bieren. Gedschold baut immer wieder die großen sympho­ni­schen Momente auf, bis die Spannung sich explo­si­ons­artig löst. Das Vorspiel zum dritten Aufzug erklingt dynamisch und kraftvoll, noch deutet nichts auf die schick­sal­hafte Wendung hin. Sauber intonieren die Bläser, und die Leitmotive werden scharf akzen­tuiert heraus­ge­ar­beitet. Gedschold wechselt die Tempi, um besonders große Spannungs­bögen zu erzeugen, und trägt dabei die Sänger förmlich durch die Partie. Lediglich die Bläser in der Prosze­ni­umsloge im ersten Aufzug und der Bühnen­musik im dritten Aufzug fallen durch einige ordent­liche Verblaser negativ auf, aber insgesamt ist es eine musika­lisch höchst anspre­chende Darbietung.

Nach viereinhalb Stunden senkt sich der Vorhang über eine in jeder Hinsicht besondere Premiere. Das Publikum, unter ihnen der Bariton Michael Volle, reagiert mit großem Jubel, besonders Klaus Florian Vogt, Günther Groissböck und Gabriela Scherer werden frene­tisch gefeiert. Aber auch Christoph Gedschold und das Gewand­haus­or­chester sowie Thomas Eitler de-Lint und sein Opernchor dürfen zu Recht den verdienten Jubel entge­gen­nehmen. Beim Regieteam halten sich Bravo- und Buhrufe in etwa die Waage. Es war der letzte und wohl auch der schwerste Schritt in Richtung Wagner 22, nun ist es vollbracht, alle dreizehn Werke Wagners sind im Reper­toire der Oper Leipzig und werden im Zeitraum vom 20. Juni bis 14. Juli 2022 zur Aufführung kommen.

Andreas H. Hölscher

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