O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Sandra Then

Rauschhaft-krasses Waten im Trauma

DER VAMPYR
(Heinrich Marschner)

Besuch am
25. März 2022
(Premiere)

 

Staatsoper Hannover

Der Komponist Heinrich Marschner hat lange Jahre in Hannover gewirkt. Grund genug, ihn hier zu würdigen. Seine drei bekann­testen Opern Der Vampyr, Der Templer und die Jüdin sowie Hans Heiling kamen aller­dings in Leipzig und Berlin zur Urauf­führung. Mit dem Vampyr 1828 galt der Komponist als einer der wichtigsten Vertreter der Zeit.

Das kann man heute nur schwer nachvoll­ziehen. Sicherlich erkennt der aufmerksame Zuhörer viele Klang­farben, die man auch bei Weber und – später – Wagner wieder­erkennt. Diese Elemente wurden aber letztlich von den genannten Kompo­nisten in ganz andere künst­le­rische Dimen­sionen gehoben.

Der Vampyr wurzelt in der deutschen Spieloper mit gespro­chenen Texten. Das Libretto von Wilhelm August Wohlbrück wirkt heute veraltet und umständlich. Die musika­lische Dynamik ist schwer­fällig. Das Werk verar­beitet viele Elemente der Musik von Carl Maria von Weber, insbe­sondere des Freischütz und Euryanthe. Auch für Richard Wagner war die Oper wichtige Anregung diverser musika­li­scher Einfälle in seinem Der Fliegende Holländer. Das alles kann man auch gut heraus­hören, reicht aber heute nicht für sich allein und automa­tisch für einen spannenden Opernabend.

Regisseur Ersan Mondtag unter Mitarbeit von Simon Lesemann geht daher zupackend ans Werk und kürzt einer­seits sowie ergänzt anderer­seits nicht wenige Inhalte.

Es treten drei zusätz­liche Schau­spieler auf. Mit der Figur des Lord Byron wird Bezug genommen auf dessen Treffen mit Freunden am Genfer See. Dort erspinnt die Gruppe unter reichlich Alkohol- und Rausch­mit­tel­zu­taten Vampir-Geschichten und ähnliche Fantasien. Auch die litera­rische Figur von Franken­stein wird hier zum ersten Mal kreiert. Die Freunde steigern sich unter Alkohol und Drogen in immer exzes­sivere und Trauma-beladene Horror­si­tua­tionen. Aus dieser Gruppe findet Lord Byron findet direkt in die Hanno­ve­raner Insze­nierung von Marschners Der Vampyr und wird von Benny Claessens als tuntig-krasse, bunt kostü­mierte Elton-John-Figur gegeben.

Weiterhin treten die Vampyr­meis­terin Astarte – verkörpert von Oana Solomon-   und der ewige Jude Ahasver – gespielt von Jonas Grundner-Culeman, der auch schon bei Mondtags vor wenigen Wochen in Berlin heraus­ge­brachter Antikrist-Insze­nierung mitwirkt – auf. Sie bewegen sich wie in Zwischen­welten, in denen sie einer­seits innerhalb der Handlung agieren, ander­seits aber auch eine überge­ordnete Kommen­tar­funktion einnehmen.

Das Konzept der Insze­nierung bezieht sich auf zwei externe Bezugs­punkte, die sich aus der unter­be­wussten Abarbeitung von verdrängten, schuld­haften Thema­tiken ableiten. Zum einen generell die Eigen­arten und Gefahren des Außen­sei­tertums als auch speziell des Judentums in Deutschland.

Der andere Orien­tie­rungs­punkt sind die Gefahren des eher neuzeit­lichen, vampir­haften Aussaugens der Natur durch die kapita­lis­tische Ausbeutung natür­licher Ressourcen wie Erdöl. Davenaut tritt folge­richtig als ein schwarzer Ölscheich auf.

Auch optisch herrscht auf der Bühne von Mondtag keine Zurück­haltung: Im ersten Teil dominiert die Darstellung der zerstörten Neuen Synagogen in Hannover die Szene , und die ölige-krass-bunten Kostüme des Chores von Josa Marx steigern diese Wirkung noch nachhaltig.

Foto © Sandra Then

Eine solche frische und unver­krampfte Heran­ge­hens­weise garan­tiert jedoch noch nicht automa­tisch eine erfolg­reiche Umsetzung. Die trauma­tisch-beladenen Knall­ef­fekte verblüffen und machen nachdenklich, veran­lassen den Zuschauer im ersten Teil auch wiederholt zum spontanen Lachen.

Wenn aller­dings im zweiten Akt mit einer Spiel­dauer von nochmals deutlich über einer Stunde dieselben Elemente erscheinen, hängen die Effekte in ihrer teilweise kindlich-albernen Geste und Kostü­mierung durch: Die deutschen Original-Opern-Texte bleiben bleiern, die Musik – gelinde gesagt – wenig dynamisch. Das optische Instru­men­tarium hat sich schnell verbraucht. Viel zu lang zum Beispiel die kontra­punk­tisch-komische Trinkerszene.

Womöglich hätte man die Origi­nal­vorlage noch stärker kürzen müssen, um bei einem kurzen und knackigen Einakter zu landen. So viel wertvolle Musik wäre nicht gestrichen worden. Man mag einwenden, dass man dann aller­dings das Opus gar nicht richtig zu Gehör gebracht hätte. So bleibt es bei dem ehren­vollen Versuch, das Werk zur Diskussion zu stellen, wenn auch mit inhaltlich geringem Erfolg.

Man soll jedoch nicht meinen, dass die begrenzt ausdrucks­starken Partien leicht zu singen sind: Ein nicht kleiner Teil des Hanno­ve­raner Ensembles und des Opern­studios kommt wirkungsvoll und treff­sicher zum Einsatz.

Bei den Damen überzeugen die Malwina von Mercedes Arcuri, die Janthe von Petra Radulovic und Emmy von Nikki Treurniet. Im Männer­en­semble agieren allen voran der arme Vampir von Michael Kupfer-Radecky, der Davenaut des erfah­renen Shavleg Armasi, Aubrey von Norman Reinhardt und Berkley von Daniel Eggert. Die vier Trinker von Pawel Brozek, Peter O’Reilly, Darmin Prakash und Markus Suihkonen sowie die Frau Suse eines der Kumpanen von Weronika Rabek erlauben nicht weniger als drei Mitgliedern des Opern­studios einen Auftritt, in dem die Männer in weit ausschwin­genden Frauen­kleidern mit viel Spiel­freude ihrem Affen reichlich Zucker geben dürfen.

Der Chor der Staatsoper Hannover unter der Leitung von Lorenzo Da Rio macht seine Sache gut und bleibt auch in seiner unermüd­lichen Spiel­freude ganz unverdrossen.

Das Nieder­säch­sische Staats­or­chester Hannover unter seinem vielbe­schäf­tigten Chefdi­ri­genten Stephan Zilias weiß den inter­es­santen Nuancen des Klang­orbits Marschners mit viel Sorgfalt nachzuspüren.

Viel fröhlich-johlender Applaus, einige wenige Buhrufe für das Regieteam.

Achim Dombrowski

Teilen Sie O-Ton mit anderen: