Von der Kraft der Utopie

DOMKONZERT
(Valentin Silvestrov, Anno Schreier, Ludwig van Beethoven)

Besuch am
22. April 2022
(Einmalige Aufführung)

 

Theater Aachen im Dom, Aachen

Alle Menschen werden Brüder“: Das Wunsch­denken Schillers und Beethovens scheint eine unerreichbare Utopie zu bleiben. Das Programm des jüngsten Domkon­zerts mit Beethovens Neunter Symphonie stand zwar schon lange fest, erhielt durch die drama­ti­schen politi­schen Ereig­nisse jedoch noch einen besonders aktuellen Akzent.

Das Bedürfnis der Menschen nach Frieden ist so groß, dass man die Plätze im Aachener Dom dreimal vergeben könnte. Zusätz­liche Bedeutung erhält das Konzert durch die mehrfach verschobene Urauf­führung von Anno Schreiers Chorstück Der Anfang. Der Text basiert auf einer uralten indischen Schöp­fungs­ge­schichte, in der sich Gott als „Schöpfer“ der Welt selbst in Frage stellt. Entspre­chend unruhig und alles andere als glaubens­sicher beginnt Schreiers Werk mit schroffen Tonre­pe­ti­tionen, die wie vergrö­ßerte und verhärtete Tremoli der Eingangs­takte aus Beethovens Symphonie wirken. Das zehnmi­nütige Werk gipfelt in der Adaption des „Sternen­ak­kords“, den Beethoven im Schlusssatz anklingen lässt, wenn vom „gütigen Vater“ über dem Sternenzelt die Rede ist. Durch den nachdenk­lichen, vom Chor emotional skandierten Text und Schreiers musika­lische Gestaltung wirkt das Werk wie ein skepti­scher Kontra­punkt zum Optimismus Beethovens. Dabei lässt Schreier das Werk harmo­nisch so geschickt enden, dass General­mu­sik­di­rektor Chris­topher Ward und das Aachener Sinfo­nie­konzert ansatzlos Beethovens Symphonie anknüpfen können.

Foto © Sandra Borchers

Aller­dings beginnt Ward auf einem recht hohen dynami­schen Level, so dass sich das geheim­nisvoll-hinter­gründige Crescendo in den wichtigen ersten Takten nur rudimentär entfalten kann und schnell an die akusti­schen Grenzen des nicht gerade nachhall­armen Doms stößt. Ein Problem, das sich in den eksta­ti­schen Ausbrüchen des Chor-Finales noch verdichten soll. An emotio­nalem Nachdruck fehlt es allen Mitwir­kenden einschließlich des Opern­chors, des Städti­schen Chors und des Solis­ten­quar­tetts nicht im Geringsten – einen idealen klang­lichen Nährboden bietet der Dom aller­dings nicht, was sich letztlich auch im Zusam­men­spiel in filigranen Passagen des Scherzos oder der Fuge im Schlusssatz auswirkt. Die mitrei­ßende Kraft der Musik wird dadurch nicht geschmälert und ohnehin steht der Benefiz-Charakter des Konzerts im Mittel­punkt. Die freiwil­ligen Spenden kommen schließlich und so gut wie ausschließlich dem geschun­denen ukrai­ni­schen Volk zugute.

Zur Bekräf­tigung des Anlasses eröffnet das Sinfo­nie­or­chester, in dem auch die ukrai­nische Geigerin Regina Voskynyan mitwirkt, den Abend mit einer kurzen, sanften instru­men­talen Friedens­bitte des bekann­testen ukrai­ni­schen Kompo­nisten Valentin Silvestrov. Gebet für die Ukraine heißt das ebenso leise wie hoffnungs­stär­kende Werk, dem sich eine kurze Ansprache des General­konsuls der Republik Polen, Jakub Wawrzyniak, anschließt, der sich stell­ver­tretend für seine ukrai­nische Kollegin für die Unter­stützung aus Deutschland bedankt.

Viel Beifall für ein Domkonzert, das angetan ist, die Hoffnung auf eine fried­li­chere Zukunft nicht zu verlieren. Alle Künstler verzichten zugunsten des Aktions­bünd­nisses Deutschland hilft auf ihre Gagen und die Tantiemen aus dem Online-Stream des Konzertes, der vom 1. Mai an auf classic​.nl abgerufen werden kann.

Pedro Obiera

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