Der verlorene Geist der Tosca

READING TOSCA
(Toula Limnaios)

Besuch am
4. Mai 2022
(Premiere)

 

Halle Tanzbühne Berlin

Seit 1996 arbeiten die Choreo­grafin und Inter­pretin Toula Limnaios und der Komponist Ralf R. Ollertz zusammen. Gemeinsam haben sie unzählige Werke konzi­piert und zur Reali­sierung gebracht, nicht nur in Berlin, sondern international.

Reading Tosca wurde von den Bregenzer Festpielen 2008 beauf­tragt. Eine neue Perspektive auf ein klassi­sches Werk des Opern­re­per­toires sollte reali­siert werden. Die Compagnie Toula Limnaios nahm sich dieser Heraus­for­derung an. Nun wird das Werk auch in Berlin gezeigt.

Ein Mitschnitt einer Aufführung der Tosca bei den Bregenzer Festspielen mit Nadja Michael in der Haupt­rolle, Zoran Todorovich als Cavara­dossi und Gidon Saks als Scarpia unter der Leitung von Ulf Schirmer wird als akustische Grundlage genutzt. Da die Spiel­dauer gerade mal durch­ge­hende siebzig Minuten umfasst, ist klar, dass nur einige Szenen berück­sichtigt werden. Auf der leeren Bühne wird also das Finale des ersten Aktes in der Kirche, die Arie Vissi d’arte und das Finale des dritten Aktes choreo­gra­fiert.  Aller­dings wird die Tonun­terlage derart durch elektro­nische Anlagen verfremdet, dass auch ein erfah­rener Opern­kenner sehr genau hinhören muss, um irgend­welche bekannten melodi­schen Fragmente daraus zu entnehmen. Nicht nur, dass der Sound­track keinen Wieder­erken­nungswert hat, aber die Verfremdung hat alle Musika­lität eines Giacomo Puccini regel­recht abgestreift und nur noch schrille Dissonanz und Lautstärke übrig­ge­lassen. Ralf R. Ollertz gelingt eine Klang­land­schaft, die konstant im Strudel von Albträumen wühlt.

Foto © Antje Köhler

Die Tänzer sind in modernen, flimsigen Klamotten, anders kann man es nicht ausdrücken, kostü­miert. Einzig für den dritten Akt gibt es ein rotes allum­fas­sendes Kleid, das auch als ritua­li­sierte brutale Blutlache oder verei­ni­gendes Herz inter­pre­tiert werden kann.

Limnaios hat eine Choreo­grafie für ihre Tänzer kreiert, die keine Sympathie für die Protago­nisten zulässt. Die acht Tänzer, außer Scarpia, wechseln sich in den Haupt­rollen ab. Das unabdingbare Schicksal von Cavaro­dossi und Tosca wird durch­ge­zogen. Von roman­ti­schen Liebes­be­zie­hungen keine Spur. Im Gegenteil, besonders die Tänze­rinnen werden malträ­tiert – sie werden an den Haaren gezogen und regel­recht mit einem mobilen Nebel­gerät so einge­nebelt, als wären sie lästige Insekten, die es auszu­räu­chern gilt. Das Programmheft notiert: „Die konkreten Handlungs­stränge der Figuren werden abstra­hiert und auf eine zeitge­nös­sische Ebene gespal­tener Identi­täten und Bezie­hungs­kon­flikte trans­por­tiert. Die Figuren verfehlen sich, auch wenn sie sich ganz nah fühlen – immer sind sie mit der eigenen Fremde konfron­tiert“. Hierfür sind fast akroba­tische, eckige Abläufe kreiert, die entweder einzeln oder als Gruppe sehr exakt ausge­führt werden.

Allen Tänzern, insbe­sondere den vier Tänze­rinnen, gebührt ein beson­deres Lob: Die Genau­igkeit der Ausführung der oft kompli­zierten Abläufe zeugt von einer besonders engen Teamarbeit.

Der Schluss­ap­plaus gilt eher der tänze­ri­schen Leistung als dem Werk.

Zenaida des Aubris

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