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Elixier 2.0

L’ELISIR D’AMORE
(Gaetano Donizetti)

Besuch am
8. Mai 2022
(Premiere)

 

Staats­theater Nürnberg

Knapp zehn Jahre nach der Premiere von La Fille Du Regiment steht in Nürnberg als letzte Opern­pre­miere der Spielzeit 202122 mit Der Liebes­trank wieder eine Donizetti-Oper auf dem Spielplan. Gaetano Donizetti, gerne auch „Maestro orgasmo“ genannt, gilt neben Rossini und Bellini als einer der drei großen Vertreter des Belcantos und kompo­nierte das Werk um das Liebes­glück verhei­ßende Gebräu innerhalb von vierzehn Tagen.

Die Geschichte selbst ist schnell erzählt. Ein Liebes­trank soll es richten. Zumindest setzt Nemorino all seine Hoffnung in dieses Gebräu: Schließlich hat er als kleiner Niemand, so die wörtliche Übersetzung seines Namens, sein Herz an die anbetungs­würdige, aber eher am schnei­digen Belcore inter­es­sierte Adina verloren. Welch ein Glück, dass der fahrende Wunder­doktor Dulcamara ein solches Mittel rein zufällig in seinem Sortiment führt. Das Elixier, bei dem es sich freilich um nichts anderes als Alkohol handelt, zeigt auch prompt seine Wirkung: Mit frisch gewon­nenem Selbst­ver­trauen steigt Nemorino zum begehr­testen Jungge­sellen weit und breit auf – wozu das Gerücht einer beträcht­lichen Erbschaft wohl nicht unwesentlich beiträgt. So gelingt es Nemorino nicht nur, seinen Neben­buhler auszu­stechen, sondern letztlich auch Adinas Herz zu gewinnen. Man könnte meinen, diese Geschichte ist auser­zählt, und in die heutige Zeit nicht übertragbar. Weit gefehlt. Wie aktuell die Geschichte und auch das Libretto sein können, das zeigt das Team um Regis­seurin Ilaria Lanzino, das die Handlung in zwei Zeiten, ja, in zwei Welten verlegt, die parallel existieren. Lanzino bedient sich dabei des Kunst­griffs, die Person des Dulcamara zu dupli­zieren und ihn aus einer digitalen Zukunft erscheinen zu lassen, als Dulcamara 2.0. Diese Bezeichnung ist auch Synonym für alles, was sich im Hauptteil der Insze­nierung auf der Bühne abspielt, nämlich eine futuris­tische Vision, in der die sozialen Medien die Herstellung einer Scheinwelt übernommen haben.

Um die Handlung in dieses zweige­teilte Regie­konzept einfügen zu können, hat Lanzino für ihre Nürnberger Fassung einige szenische Umstel­lungen vorge­nommen, die die Reihen­folge der musika­li­schen Nummern im ersten Akt betreffen. Anfangs wird die klassische Geschichte dieser Oper quasi im Schnell­durchlauf bis zur Hochzeit von Adina und Nemorino erzählt. Das mag für Belcanto-Puristen anstößig sein, für die Spannung und Drama­turgie des Werkes in dieser Insze­nierung ist es ein Gewinn. Durch das Erscheinen von Dulcamara 2.0 wird die klassische Handlung jäh unter­brochen. Der digitale Wunder­doktor verkauft mit seiner Auftrittsarie seinen modernen Liebes­trank, quasi ein Elisir 2.0, und die Geschichte beginnt abermals, aber diesmal in einer futuris­ti­schen Zukunft.

Foto © Bettina Stöß

Das Bühnenbild des klassi­schen Anfangs, identisch mit dem Finale, ist ein roman­ti­sches Landidyll, von den Kostümen her gut passend zur Entste­hungs­ge­schichte des Werkes um 1832. Das gemalte Bühnenbild mit Holzschuhtanz des Chores könnte auch für eine konven­tio­nelle Insze­nierung von Webers Freischütz oder Lortzings Zar und Zimmermann durch­gehen. Für das Bühnenbild und die Kostüme ist Emine Güner verant­wortlich. Mitten in diese heitere Hochzeits­stimmung erscheinen aus dem Bühnen­boden drei futuris­tische Gestalten, Dulcamara 2.0 und Mitar­bei­te­rinnen. Dulcamara ist ganz in schwarz gekleidet, mit einer magen­ta­far­benen Krawatte und einem kalkweißen Gesicht, wahrlich kein Sympath. Und er übernimmt sofort das Kommando, verkauft seinen modernen Liebes­trank, die digitale Scheinwelt der sozialen Medien. Alle Protago­nisten wechseln nun in die Zukunft, sichtbar an ihren bunten und schrillen Kostümen, ausge­stattet mit imagi­nären Smart­phones oder Tablets. Lediglich Nemorino und Dulcamara 1.0, der echte Wunder­doktor, verbleiben in ihren klassi­schen Kostümen, als Relikt einer scheinbar antiquierten Vergan­genheit. Aus Belcore, dem schnei­digen Offizier und Rivalen von Nemorino um die Gunst Adinas, wird ein obszön wirkender, aalglatter Internet-Guy, so auswech­selbar wie eine Unterhose. Auf von der Bühnen­decke herab­ge­las­senen Bildschirmen sieht man aufge­pimpte Profil­bilder von Herrn Bauer und Frau Müller, die um Follower-Zahlen kämpfen. Auf „Finder“, eine Anleihe an die Dating-App Tinder, suchen die Paare nach den besten Matches. Und da scheint es zwischen Adina, die sich sofort in der digitalen Welt behauptet, und dem adaptierten Belcore zu passen. In Boxen sitzend, über Webcams auf die Bildschirme übertragen, erfolgt die Kommu­ni­kation unter­ein­ander. Auch Virtual-Reality-Brillen dürfen in dieser digitalen Scheinwelt nicht fehlen, wo alles oberflächlich ist und für wahre Gefühle und Werte kein Platz mehr ist.

Der echte Dulcamara scheint überflüssig zu sein, er beobachtet das Geschehen nur noch aus der Ferne und überlegt, sich den Strick zu nehmen, während Dulcamara 2.0 etwas Diabo­li­sches an sich hat, wenn er wie ein Mephisto wieder einmal im Bühnen­boden verschwindet, um dann, Champagner trinkend, aus der Prosze­ni­umsloge heraus die Hochzeit von Adina und Belcore zu insze­nieren, die natürlich live per Video übertragen wird. Erst durch Nemorinos große Arie Una furtiva lagrima erkennt Adina die wahren Werte des Lebens und der Liebe, die nicht auf Schein und auf Follower-Zahlen ausge­richtet sind, sondern die Persön­lichkeit des Menschen in den Vorder­grund stellen. Und dann ist der futuris­tische Spuk vorbei, man befindet sich wieder in der alten, klassi­schen Geschichte, und dem Happyend der beiden steht nichts mehr im Wege, während Belcore einen neuen Versuch bei Adinas Freundin Gianetta startet.

Lanzino, die von sich selbst behauptet, zu einer Generation zu gehören, die zur Hälfte analog und zur Hälfte digital aufge­wachsen ist, beobachtet eine Spaltung in der Gesell­schaft, die „teilweise genera­ti­ons­be­dingt ist, aber letztlich doch alle betrifft.“ Ihr Regie-Konzept ist simpel und genial zugleich. „Der Einbruch von Dulcamara 2.0, also der digitalen Welt, stellt das einfache Glück der Dorfge­mein­schaft in Frage. Die Menschen lassen sich verführen durch die Macht des Scheins und das Versprechen von Mehr.“ Lanzinos Geschichte des L’elisir d’amore ist das „Abenteuer von zwei Bauern (Nemorino und Dulcamara 1.0), die sich in der rasant verän­dernden Gesell­schaft nicht zurecht­finden, aber schließlich nach einem Kompromiss zwischen radikaler Ablehnung und Assimi­lation suchen.“ Das Konzept geht im Einklang mit den Bühnen­bildern und Kostümen der zwei Welten voll auf, und sogar der gesungene Text passt zu den futuris­ti­schen Bildern. Die Videos von Torge Möller und die hervor­ra­gende Licht­regie von Kai Luczak lassen die digitale Welt auf der Bühne real erscheinen und machen aus dieser Belcanto-Oper ein buntes, heiteres, aber auch nachdenk­liches Spektakel. Trotz dieses futuris­ti­schen Designs ist die Insze­nierung nicht am Werk vorbei gemacht, sondern punkt­genau und dezidiert auf die Musik und das Libretto zugeschnitten, was erstaunlich gut funktioniert.

Foto © Bettina Stöß

Auch musika­lisch und sänge­risch stimmt die Mischung an diesem Abend. Allen voran Andromahi Raptis mit ihrem fulmi­nanten Rollen­debüt als Adina. Als Erzengel Gabriel in Haydns Schöpfung wusste sie schon zu Jahres­beginn mit ihrem zarten lyrischen Sopran, der sich in leuch­tende Höhen schraubt und dennoch immer sehr textver­ständlich bleibt, zu begeistern. Mit leichtem Stimm­ansatz bewältigt sie mühelos die Kolora­turen und die drama­ti­schen Höhen, Regis­ter­wechsel und Tessitura sind bei ihr perfekt angelegt, wie zum Beispiel in der großen Arie Chiedi all’aura. Ihr Spiel als IT-Girl ist köstlich, und die Rückver­wandlung in die liebende Frau zum Schluss gelingt ihr vorzüglich. Sergei Nikolaev gelingt als Nemorino mit seinem schönen, leicht barito­nalen Tenor und anspre­chendem Spiel ebenfalls ein überzeu­gendes Rollen­debüt. Höhepunkt ist seine große Arie Una furtiva lagrima, die er mit großem stilis­ti­schem Ausdruck und der notwen­digen Melan­cholie inter­pre­tiert, der Szenen­ap­plaus dafür mehr als berechtigt. Samuel Hasselhorn begeistert mit kraft­vollem und doch schmei­chelndem Bariton und chargie­rendem Spiel als eitler selbst­ver­liebter Belcore, während Michal Rudziński als Dulcamara und Taras Konosh­chenko als Dulcamara 2.0 sich die Rolle teilen. Konosh­chenko weiß mit seinem markanten Bass und mephis­to­phe­li­schem Spiel zu überzeugen, auch Rudziński als Mitglied des Inter­na­tio­nalen Opern­studios Nürnberg lässt mit schmei­chelndem Gesang und komödi­an­ti­schem Spiel aufhorchen. Hayoung Ra als Gianetta kann die wenigen sänge­ri­schen Passagen überzeugend gestalten.

Der Chor des Staats­theaters Nürnberg, hervor­ragend von Tarmo Vaask einge­stellt, überzeugt durch eine beein­dru­ckende Stimm­har­monie und engagiert witzigem Spiel. Gastdi­rigent Roland Böer lässt die Staats­phil­har­monie Nürnberg einen leichten, aber inten­siven Donizetti spielen. Und gerade diese Leich­tigkeit aus dem Graben auf die Bühne und ins Publikum zu trans­po­nieren, ist eine große Heraus­for­derung. Er wechselt die Tempi, ohne sich zu verga­lop­pieren und begleitet sehr sänger­freundlich das Ensemble. Das Publikum im nicht ganz ausver­kauften Nürnberger Opernhaus ist am Schluss nach knapp zweieinhalb Stunden Auffüh­rungszeit begeistert, es gibt lautstarken Jubel für alle Protago­nisten, einschließlich des Regie­teams, das nur einige wenige und verhaltene Buhs entge­gen­nehmen muss. Es ist ein spannender Opern­abend, der gezeigt hat, dass klassische und moderne Insze­nie­rungen in Einklang gebracht werden können, wenn man nicht am Werk vorbei insze­niert. Das gelingt in Nürnberg eindrucksvoll. Diese Insze­nierung hat nicht nur das Zeug zum Dauer­brenner, sie könnte auch ein jüngeres Publikum begeistern.

Andreas H. Hölscher

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