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Des Wortes Klang

DER RING OHNE WORTE
(Lorin Maazel)

Besuch am
30. Mai 2022
(Einmalige Aufführung)

 

Konzert­halle Bamberg

Nach dem großar­tigen Erfolg des Konzertes Die Welt mit Wagner, in dem Kompo­si­tionen von Wagner, Mahler, Debussy und Strauss mit Texten und Videos in einer experi­men­tellen Aufführung für alle Sinne darge­bracht wurden, darf man auf den zweiten Teil der „Wagner-Trilogie“ in Bamberg gespannt sein. Auf dem Programm steht Der Ring ohne Worte, eine Art sympho­nische Dichtung der wichtigsten Leitmotive und Szenen aus Wagners Ring, in der Fassung des ameri­ka­ni­schen Dirigenten Lorin Maazel von 1987, in der Origi­nal­fassung in einer Länge von 70 Minuten. Maazel kam 1960 im Alter von 30 Jahren nach Bayreuth, um dort als erster Ameri­kaner den Lohengrin im Festspielhaus zu dirigieren. Insbe­sondere die Zusam­men­arbeit mit Wieland Wagner beein­flusste ihn stark. Während einer Probe sagte Wagner zu Maazel: „Das Orchester – da findet alles statt – der Text hinter dem Text, das universale Unter­be­wusstsein, das Wagners Figuren anein­ander bindet und an das Proto-Ego der Legende …“. Wieland Wagner war davon überzeugt, dass das Wagnersche Orchester die „ultimative Quelle“ sei. Maazel beschäf­tigte sich mehrere Jahre mit diesem Konzept, um es dann bei seinem ersten Ring-Dirigat 1965 an der Deutschen Oper Berlin umzusetzen. Erst jetzt lernte er die Tiefgrün­digkeit von Wieland Wagners Ansichten angemessen zu schätzen und verstand, dass „seine Orches­ter­musik der Ring selbst ist, verschlüsselt in Klängen. Entschlüsselt man ihn, so wird er zur Geschichte, wird Legende, Lied, Philo­sophie in unzäh­ligen kosmi­schen Obertönen und mensch­lichen Unter­tönen.“ Als die Telarc ihn 1987 bat, ein orches­trales Destillat oder eine sinfo­nische Synthese des Rings von etwa 75 Minuten zu kompi­lieren, um die Magie dieser monumen­talen Musik­dramen einer neuen musika­lisch sensiblen Zuhörer­schaft nahezu­bringen, reagierte Maazel aufge­schlossen, denn da hatte er sich Wieland Wagners Ansichten über die orches­trale Bedeutung des Rings zutiefst zu eigen gemacht. Maazels Synthese ist frei fließend und ohne Unter­bre­chungen! Sie ist chrono­lo­gisch, beginnend mit dem ersten Ton vom Rheingold und endend mit dem letzten Akkord der Götter­däm­merung, wobei die meisten Motive des Rings in der einen oder anderen Form auftauchen.

Foto © Marian Lenhard

Dabei stammt jeder Ton von Wagner selbst; es wurden keine verbin­denden Passagen hinzu­gefügt und nichts wurde umkom­po­niert. Der Ring ohne Worte ist eine sinfo­nische Dichtung, ein orches­trales Destillat von exakt 70 Minuten aus einer Tetra­logie, die aufge­führt in etwa 16 Stunden dauert. Richard Wagner selbst hatte im Winter 18621863 bei einer Konzert­reise nach Wien einige Orches­ter­auszüge aus seinem Ring dirigiert, der natürlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig war, die Urauf­führung war 1876 in Bayreuth. Wer die legendäre Aufnahme des Ring ohne Worte aus dem Jahre 1987 mit den Berliner Philhar­mo­nikern unter Lorin Maazel gehört hat oder sogar die DVD-Aufzeichnung aus der Berliner Philhar­monie vom Oktober 2000 sein eigen nennen darf, der hat eine Vorstellung von den großen Spannungs­bögen, die Maazel immer wieder aufbaut, und kennt die Emotionen, die diese Aufnahme auslösen. Das ist Wagner pur, vielleicht sogar eine der größten Verbeu­gungen vor dem Komponisten.

In Bamberg hat man sich für den experi­men­tellen zweiten Teil der Wagner-Trilogie dazu entschieden, von der Vorgabe Maazels abzuweichen und den Ring ohne Worte mit gelesenen Texten zu versehen. Insgesamt 17 Texte von ganz unter­schied­lichen Autoren werden rezitiert, die alle einen Bezug zu Wagner oder dem Ring haben. Die Texte hat wieder Alex Ross zusam­men­ge­stellt, der auch eine Einführung zu diesem Konzert gegeben hat, und dabei unter anderem aus Thomas Manns Novelle Wälsun­genblut rezitierte, die dann später auch im Konzert nochmal zu hören ist. Die während des Ring ohne Worte zu Gehör gebrachten Texte stammen teils von Wagner selbst, aber auch von Schrift­stellern wie Friedrich Nietzsche, George Bernard Shaw, T.S. Eliot, James Joyce und dem Politiker Walther Rathenau. Der renom­mierte Theater­schau­spieler Jens Harzer, aktueller Träger des Iffland-Rings und damit Nachfolger und Erbe von Bruno Ganz, trägt die, manchmal nur wenige Sätze umfas­senden Texte mit großer Eindring­lichkeit, aber ohne Pathos und mit sehr viel Feingefühl für die Untertöne vor. Die Rezita­tionen an sich sind ein Erlebnis per se. Und die Bamberger Sympho­niker unter der Leitung von Jakub Hrůša spielen das Ring-Destillat mit großer Leiden­schaft. Die Musiker zeigen an diesem Abend wieder ihre Kompetenz in Sachen Wagner, von ganz wenigen Unsau­ber­keiten bei den Bläsern einmal abgesehen. Hrůša zieht alle Register, wechselt die Tempi, wenn nötig, geht ins feinste Piano oder schlägt ins stürmische Forte beim Ritt der Walküren oder bei Siegfrieds Rhein­fahrt. Der Trauer­marsch ist der emotio­nalste Moment des gesamten Ring-Destillats, der durch die Dichte des Geschehens noch inten­siver nachwirkt, voller Spannung und Trauer, ohne jedoch in ein überstei­gertes Pathos zu verfallen. Das Orchester folgt seinem präzisen Schlag, seinen Tempi-Wechsel und seinen Betonungen.

Foto © Marian Lenhard

Im Finale erfolgt der letzte musika­lische Höhepunkt. Als der Welten­brand durch den über die Ufer tretenden Rhein gelöscht wird, bevor die Musik sich beruhigt und die Hoffnung auf eine neue Welten­ordnung entstehen kann, macht Maazel in seiner Einspielung von 1987 eine winzige Pause von gut zwei Sekunden. Er nutzt diese Fermate, um Atem zu schöpfen, um den Effekt des Wandels von der Zerstörung zur Erneuerung aufzu­zeigen. Der Übergang zur beruhigten Orches­ter­musik, mit der von Nike Wagner bezeich­neten „Melodie der Lebens­rettung“ steht symbo­lisch für die Erlösung, aber auch für die Vollendung des Gesamt­kunst­werkes. Hrůša löst den Schluss anders und verzichtet auf die Fermate. Das ist schade, denn der Spannungs­bogen kann so nicht gehalten werden. Und das ist an diesem Abend das Haupt­problem. Durch die Unter­bre­chungen für die Textzitate geht immer etwas an Spannung und musika­li­scher Dichte verloren. Das Konzept von Maazel passt einfach nicht zu dieser Auffüh­rungs­praxis. Sinnvoller wäre es gewesen, vor dem eigent­lichen Konzert eine Dichter­lesung zu machen, und dann den Ring wirklich ohne Worte zu spielen. Oder man wählt einige Szenen aus dem Ring, die in sich abgeschlossen sind, und rezitiert die Texte dann zwischen den Szenen. Aber diese sinfo­nische Dichtung heißt nicht umsonst Ring ohne Worte. Damit ist nicht nur gemeint, dass kein Gesang zu hören ist, auch das Rezitieren von Texten ist nicht vorge­sehen, da das Stück als eine Einheit konzi­piert ist. So bleibt ein etwas fader Nachge­schmack, dass der Ring ohne Worte dem Willen zur Innovation und experi­men­teller Aufführung zum Opfer fällt. Beide Elemente, die Musik und die Lesungen von Jens Harzer waren für sich genommen wunderbar, aber es passt nicht zusammen. Die meisten Zuschauer im diesmal sehr gut gefüllten Joseph-Keilberth-Saal stört das aber nicht, oder sie kennen die Origi­nal­version nicht. Es gibt wie schon beim ersten Konzert Jubel und Ovationen für Jakub Hrůša und seine Bamberger Sympho­niker, und auch Jens Harzer darf für seine ausdrucks­volle Lesung den verdienten Applaus entgegennehmen.

Am kommenden Samstag steht dann der Stumm­film­klas­siker Die Nibelungen: „Siegfried“ von Fritz Lang aus dem Jahre 1924 auf dem Programm, die Filmmusik dazu wird von den Bamberger Sympho­nikern live gespielt.

Andreas H. Hölscher

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