O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Die glorreichen Sieben

ORLANDO FURIOSO
(Antonio Vivaldi)

Besuch am
17. Juni 2022
(Einmalige Aufführung)

 

Musik­fes­tival Klang­vokal, Dortmund, Konzerthaus

Ho cento vanni al tergo … Hundert Flügel, stimmt Orlando im jagenden Tempo an, habe er auf dem Rücken. Zweihundert Augen im Gesicht und eine Wut in der Brust, die sich mit tausend Herzen erzürne. Der Ritter, Titel­figur in Antonio Vivaldis dramma per musica, ist von Sinnen und macht seinem Ruf, seit Erscheinen des Epos Der rasende Roland von Ludovico Ariosto im 16. Jahrhundert, Orlando Furioso zu sein, alle Ehre. Max Emanuel Cenčić, der Counter­tenor, gibt die Figur im Wahn beim Dortmunder Musik­fes­tival Klang­vokal mit virtuoser Vehemenz und überschäu­mender Cholerik. Das Arioso, einem langen von Rache­ge­fühlen befeu­erten Rezitativ folgend, ist einer der Höhepunkte der konzer­tanten Aufführung im Konzerthaus der Stadt. Das Spektakel entwi­ckelt sich zu einer Stern­stunde, in der sich ein musika­li­sches Juwel an das andere reiht.

Konzer­tante Auffüh­rungen sind ein Marken­zeichen des Festivals, das seit 2009 die Vielfalt der Vokal­musik zu präsen­tieren bemüht ist, nicht zuletzt durch Belebung der Chorszene in der eigenen Stadt. Im Bereich der Oper gewinnt es überre­gionale Aufmerk­samkeit durch orchestral wie vokal heraus­ragend besetzte Produk­tionen. Vor wenigen Tagen Donizettis wenig bekannte Caterina Cornaro, Bellinis Il Pirata 2021 oder etwa Rossinis Le Comte Ory 2017. Orlando Furioso verlangt eine exquisite Sänger­riege und ein auf die Kunst des Barocks geeichtes Instru­men­tal­ensemble. Beides ist mit dem von Max Emanuel Cenčić in der Titel­partie angeführten Team von sieben Vokal­vir­tuosen, darunter drei Counter­te­nören, und dem Barock­or­chester Armonia Atenea mit George Petrou am Pult geradezu sättigend aufgeboten.

Von den 94 Opern des prete rosso, wie der Komponist und Theater­im­pre­sario in Venedig genannt wird, sind etwa 50 durch sichere Berichte nachge­wiesen. Von rund 20 lediglich ist die Partitur vollständig erhalten. Diese Zahlen stammen von dem Vivaldi-Spezia­listen Claudio Scimone, der Ende der 1970-er Jahre mit den Solisti Veneti eine Neuein­spielung der dreiak­tigen Oper in einer restau­rierten Fassung vorlegt, die als Referenz­auf­nahme gilt. Ist Vivaldi als Komponist von Instru­men­tal­musik populär, ist er das nach Scimones Auffassung als Komponist von Melodramen nicht minder.

Julia Lezhneva – Foto © Bülent Kirschbaum

Als Gipfel der Vollendung eines sich über ein Viertel­jahr­hundert erstre­ckenden Engage­ments Vivaldis für die Kunst der Oper darf seine 1727 im Teatro Sant’Angelo in Venedig urauf­ge­führte Opera seria gelten, deren Werk- und Rezep­ti­ons­ge­schichte etliche musik­wis­sen­schaft­liche Bände füllen dürfte. Orlando Furioso beruht auf einem Libretto von Grazio Braccioli und stellt Vivaldis zweite künst­le­rische Ausein­an­der­setzung mit Ariostos Versepos dar. 1714 – Vivaldi ist Theater­di­rektor des San Angelo geworden – erlebt er einen Misserfolg mit der eigen­händig verfassten Fortsetzung einer Orlando-Oper des Kompo­nisten Giovanni Alberto Ristori auf Bracciolis Textbuch. Die Geschichte Orlandos, im ursprüng­lichen Epos ein Paladin in Diensten Kaiser Karls des Großen, lässt Vivaldi mehr als ein Jahrzehnt lang nicht ruhen. Scimone führt für den großen Erfolg der zweiten Fassung ein markantes Indiz auf. Allein zehn Arien, wenn auch mit Verän­de­rungen, seien für Vivaldis zwei Jahre später aufge­führte Atenaide verwandt worden.

Die Handlung kreist um stürmische Liebe, rasende Eifer­sucht, glühende Rache und verzückte Versöhnung. Ort der mythi­schen Handlung ist die Insel der Zauberin Alcina. Das Geschehen wird durch zwei Liebes­kon­stel­la­tionen à drei Personen angetrieben. Ritter Orlando, Angelica, in die Orlando verliebt ist, und Medoro, der Geliebte und später Verlobte Angelicas, auf der einen Seite. Alcina, Ruggiero und Bradamante, die Verlobte Ruggieros, die auch als Mann verkleidet eine Rolle spielt, auf der anderen. Schließlich Astolfo, der Vetter des Orlando, der der Zauberin verfallen ist, sich aber als Rächer an ihr profi­liert, nachdem sie Orlando in ihre Macht gebracht hat.

Alcinas böser Zauber wird erst gebrochen, als Orlando in seinem Wahn eine Statue des Magiers Merlin zerstört und die Zauberin die Flucht ergreift. Womöglich in das Libretto einer nächsten italie­ni­schen Oper. Gehört doch der Mythos der Alcina zu den meist­ver­tonten Stoffen der Oper überhaupt. Orlando Furioso endet mit einem lieto fine für zwei Paare, was sich im Chor Con mirti, e fiori im schönsten C‑Dur auf die stand­hafte Liebe dokumentiert.

Die Vollendung, die Vivaldi als etwa 50-jähriger mit Orlando Furioso in der Kunst der Opera seria findet, manifes­tiert sich in der ausge­klü­gelten Balance, die der drama­tische und der musika­lische Anteil am Gesamtwerk findet. Das weitge­hende Gleich­ge­wicht zwischen den Rezita­tiven, die den Fortgang der Handlung schildern, und den Arien, die die affetti, die Gefühle der Akteure, in langen ausschmü­ckenden Linien ausdrücken. Armonia Atenea bringt diese fast schon klassi­zis­tische Harmonie der Formen brillant zur Geltung.

Akkurat die Basslinie und die Harmonien des Basso continuo, weich fließend und edel strömend die musika­li­schen Girlanden der Streicher, Bläser und der großartig korre­spon­die­renden Laute. Grandios der exponierte dreimalige Auftritt der Travers­flöte als Begleitung von Nicholas Tamagna als Ruggiero. In dem Largo Sol da te mio dolce amore, eine Liebes­be­schwörung mit unendlich langem Atem im ersten Akt, und der Arie Che bel morir ri in sen im zweiten Akt verschweißen Sänger und Instrument geradezu zu einem Ganzen. Nun ist der Counter­tenor Tamagna mit seiner samtweichen Stimme und seiner melodi­schen Artiku­lation auch eine ideale Verkör­perung des helden­haften Ritters.

Max Emanuel Cenčić – Foto © Bülent Kirschbaum

Tamagna und der Counter­tenor Philipp Mathmann als Medoro, der mit der Arie Qual candido fiore, unterlegt mit dem flirrenden Pizzikato der Streicher, einen glamou­rösen Akzent setzt, bilden in der Regie der Männer­stimmen die stimmlich eher noble Gruppe. Demge­genüber zieht Cenčić, der sich inzwi­schen als Mezzo­sopran definiert, mit viriler Power alle Register seines virtuosen Könnens, vokal wie in der Mimik. Schneidend seine Wahnat­tacken, aufbrausend, dann besänf­tigend sein Seelen­sturm in der Arie Sorge l’irato nembo, gipfel­stürmend seine perfekten Kolora­turen im Arioso Scendi nel tartato nel tartaro, in dem Orlando zur Rache an der „grausamen Furie“ alias Alcina aufruft.

Der Bassba­riton Sreten Manoj­lovic gibt Astolfo mit teils komödi­an­ti­scher, teils listiger Mimik Stimme und Figur. Seine Arie Benche nasconda, in der er Betrug und Treulo­sigkeit im Reich der Alcina beklagt, zeigt ihn selbst­be­wusst und präsent. Ob seine Auftritte auch verraten sollen, dass er im Original des Ariosto ein engli­scher Prinz ist?

In der Dreier-Gruppe der weiblichen Stimmen besticht die Alcina der Mezzo­so­pra­nistin Vivica Genaux mit ihrem dunkel gefärbten Timbre und der pracht­vollen Beweg­lichkeit ihrer Stimme. Die Partitur verschafft ihr die Dynamik eines Rennge­fährts, das verhalten beginnt, dann aber hohe Touren erreicht. Weist sie in der Arie Vorresti amor dàme das Liebes­an­sinnen Astolfos entschieden zurück, zerfleischt sie sich förmlich in Così pottessi anch’io, um sich am Ende in der Arie Anderò, chiamerò dal profondo l’empie furie del baratro immondo mit den schönsten Kolora­turen einzu­ge­stehen, Ruggero verloren zu haben

Als Angelica, im Epos des Ariosto die schönste Frau der Welt, entzückt die Sopra­nistin Julia Lezhneva das Publikum. Ihr Sopran nimmt jede Höhe und jede Klippe, so passa­gen­weise a capella in dem Largo Chiara al pari di lucida stella. Eine Arie, die das Gefühl auslöst, als hätte sich eine Lerche im Konzerthaus nieder­ge­lassen. So in dem Kolora­tu­renfeu­erwerk Agitata da due venti, das die Nöte eines Seefahrers bei drohendem Schiff­bruch ausmalt. Als Bradamante überzeugt die Altistin Sonja Runje mit dunkel grundierter Stimm­farbe und furiosen Kolora­turen, die in Io son ne’ lacci tuoi einem reißenden Wildbach ähneln.

Selten dürfte mit Blick auf die Garde der sieben Sänger die Erkenntnis so berechtigt sein, im Ganzen mehr zu sehen als die Summe seiner Teile. Das Publikum scheint diese Ansicht zu teilen und überschüttet das Vokal­ensemble wie die Musiker von Armonia Atenea und ihren Leiter immer wieder mit Szenen­ap­plaus und zum Schluss mit anhal­tendem Beifall und Bravo­rufen. Draußen mag sich der heißeste Junitag seit langem seinem Ende zuneigen. Das musika­lische Klima auf Alcinas Zauber­insel ist unend­licher angenehmer. Und verführerischer.

Ralf Siepmann

Teilen Sie O-Ton mit anderen: