O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Freiluftromantik mit Hintergrundmusik

KONZERT FÜR DIE UKRAINE
(Inoyson)

Besuch am
12. Juli 2022
(Einmalige Aufführung)

 

Atelier Mobile – Travelin‘ Theatre, Open-Air-Spiel­stätte am Weidenweg, Köln

Ein missglückter Auftakt infolge Krankheit ist in diesen Zeiten eher das Übliche als das Ungewöhn­liche. Und so kann Jens Kuklik, Künst­le­ri­scher Leiter von Atelier mobile – Travelin‘ Theatre, sein Sommer­pro­gramm auf den Poller Wiesen erst verspätet beginnen. Eigentlich hatte er mit einer echten Zugnummer in Form eines kleinen Festivals gleich ordentlich durch­starten wollen. Daraus wurde nichts. So steht also nun zur Eröffnung eines umfang­reichen Kalenders, der bis Ende August reicht, ein Konzert für die Ukraine auf dem Zettel. Im Grunde werden solche Konzerte immer wichtiger, je länger der Angriffs­krieg der Russen in der Ukraine dauert. Und es muss auch gar nicht jedes Mal die große Geldsammlung sein. Viel wichtiger ist wohl, das Bewusstsein auch in Deutschland wachzu­halten dafür, dass in der Ukraine jeden Tag Menschen ermordet werden. Und egal, wie dieser Abend verläuft, darf Kuklik schon jetzt stolz auf sich sein, seinen Teil dazu geleistet zu haben.

Das Open-Air-Gelände in den Poller Wiesen gewinnt unmerklich immer mehr an Format. Zwar sind die Wiesen inzwi­schen im Wildwuchs­modus, aber das Gelände wirkt wieder ein bisschen struk­tu­rierter. Zusätzlich zur Bühne mit ihrer Technik gibt es nun einen Verpfle­gungs­stand. Und originell ist er dazu. Denn statt des berühmten und beliebten Festival-Bratwürst­chens gibt es hier frisch zubereitete Pizza aus dem fahrbaren Steinofen. Vegeta­risch zwar, aber wen inter­es­siert das bei diesem Grund­nah­rungs­mittel? Herzhaft greifen die Besucher nach den kleinen Portionen auf Spenden­basis. Und Kukliks heißge­liebtes Lager­feuer gibt es auch. Bei 25 Grad im Schatten und regen­freiem Himmel stehen also die Zeichen auf Erfolg für einen gelun­genen Konzertabend.

Foto © O‑Ton

Um 20 Uhr aller­dings sind Besucher weit und breit nicht in Sicht. Erst in der darauf­fol­genden halben Stunde sammeln sich genügend Menschen, um dem Platz einen belebten Eindruck zu verschaffen. Und somit kann Inoyson um kurz vor halb neun auftreten. In der Ukraine hat die junge Person aus Odessa vor Kriegs­beginn eine beacht­liche Karriere unter ihrem Geburts­namen hingelegt. Erfolg­reich absol­vierte Wettbe­werbe, Kompo­si­tionen von Filmmusik und die Mitglied­schaft in einer Band gehörten dazu. Seit Kriegs­beginn tourt Inoyson allein durch Europa, um „ukrai­nische“ Musik, also zuvör­derst die Musik von Inoyson bekannt zu machen.

Der Auftritt hat schon etwas Unheim­liches. Von eher kleiner Statur schreitet Inoyson, bekleidet mit einem buntbe­stickten Maxi-Mantel, zahlreiche Zöpfe in das dunkle Haar geflochten, zum Klavier, das Bimo Timgreis, der für die Technik zuständig ist, noch kurz zuvor bearbeitet hat und das quer zum Publikum steht, ordnet ein paar Gegen­stände und beginnt den Vortrag. Es macht Spaß, dieser Kinder­stimme zuzuhören, die beacht­liche Klang­farben entwi­ckelt, etwa, wenn sie Kobolde imitiert – einer der Höhepunkte des Abends. Dass Inoyson dabei den Blick nicht vom Piano abwendet, fällt ebenso auf, wie die Augen ins Unbestimmte schauen, wenn stereotyp das „Thank you“ für den Applaus erklingt und oft der Titel des nächsten Liedes angekündigt wird. Nein, da sitzt kein Mensch, der Kontakt zu seinem Publikum aufbauen will oder kann. Nach rund einer halben Stunde ist die erste Hälfte beendet, die sich aus einem Gemisch engli­scher und ukrai­ni­scher Sprache zusam­men­setzt und mit ideen­reichen Klavier­klängen verziert wird.

Foto © O‑Ton

Nach der Pause, inzwi­schen haben sich zahlreiche Besucher vorzeitig verab­schiedet, tritt Inoyson mit dunkler Sonnen­brille, die ein überdurch­schnittlich hübsches Gesicht über Gebühr verdeckt, an das E‑Piano. Das Publikum fällt sein Votum. Die franzö­sisch­spra­chige Jugend­gruppe, die sich zum Konzert gesellt hat, beschäftigt sich mit sich selbst. Am Lager­feuer wie am Pizza­stand hat man sich entschieden, die Musik als nettes Hinter­grund­ge­räusch für lautstarke Gespräche hinzu­nehmen. Nur eine eiserne Fraktion bleibt dabei, der Musik und dem Gesang zuzuhören, die jetzt zunehmend klingen, als fehle hier die Begleit­musik einer Band. Wenn Inoyson in kurzen Sätzen auf die Situation in der Ukraine hinweist, klingt das so blutleer wie die Gebrauchs­an­weisung für ein in Asien herge­stelltes Gerät. Es gehört mit Sicherheit zu den schwie­rigsten mensch­lichen Erfah­rungen, die Heimat wegen eines Krieges verlassen zu müssen und in einem Land, dessen Sprache man nicht kennt, zu leben. Das hat Inoyson an diesem Abend genauso gezeigt wie das musika­lische Talent, das dieser Person unbedingt zu eigen ist. Nach zwei Zugaben tritt ein zutiefst verletzter Mensch ab, der sich eigentlich vorge­nommen hat, das Publikum in „luzide Träume“ zu entführen. Das ist trotz einwand­freier musika­li­scher Leistung nicht gelungen.

Das Publikum erfüllt mit kurzem Applaus seine Pflicht. Am 15. und 16. Juli geht es mit dem Sommer­pro­gramm weiter. Dann tritt das Tanzkol­lektiv Dencuentro und Kalima­rimba auf. Tanz und Musik, eine Mischung, die in der Hitze einer Sommer­nacht genau richtig für das Freiluft­ge­lände in den Poller Wiesen scheint.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: