O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Reise am Jazz-Piano

GRÉGORY PRIVAT
(Grégory Privat)

Besuch am
16. Juli 2022
(Einmalige Aufführung)

 

Krefeld-Pavillon, Krefeld

Mit sechs Jahren, so wird berichtet, beherrschte der Sohn des Musikers José Privat aus Marti­nique bereits das Klavier­spiel. In Toulouse erhielt Grégory eine klassische Musik­aus­bildung. Er begann, profes­sionell zu kompo­nieren und widmete sich dem Jazz sowie der Impro­vi­sa­ti­ons­musik. Und er ritt die harte Tour. In franzö­si­schen Clubs und als Studio­mu­siker erwarb er sich einen Namen, betrat allmählich das inter­na­tionale Parkett. Im vergan­genen Jahr nahm er sein erstes Soloalbum Yonn in Köln auf, das heuer erschienen ist, nachdem er bereits an sechs Studio-Alben mitge­wirkt hat.

Vor dem Krefeld-Pavillon im Krefelder Kaiserpark hat sich bereits eine lange Schlange gebildet. Es kommt nicht so oft vor, dass inter­na­tional hochrangige Künstler sich nach Krefeld verirren. 100 Plätze gibt es in der Spiel­stätte, in der am Sonntag zuvor noch Ulrich Matthes Schiller-Balladen gelesen hat. Schnell werden noch zehn weitere Plätze bereit­ge­stellt, um den Ansturm zu bewäl­tigen. Ganz still liegt der Teich in der abend­lichen Dämmerung vor dem Pavillon. Ein Idyll, das das Wohlgefühl der Besucher steigert, die die zehnmi­nütige Verspätung so gar nicht bemerken. Auch Grégory Privat zeigt sich sehr gut aufgelegt. Schließlich spielt er vor vollem Haus. Zum schwarzen Hemd trägt er eine schwarze Hose mit weitem Schlag und weiße Turnschuhe. Entspannt lässt er die „offizielle“ Begrüßung über sich ergehen, ohne auch nur ein Wort zu verstehen. Aber er vertraut da auf Silke Zimmermann, die die Auffüh­rungs­reihe im Krefeld-Pavillon organi­siert hat und endlich Gelegenheit hat, ihr Versprechen einzu­lösen, den begna­deten Pianisten auf die Bühne zu bringen. Mit den Worten „Lasst uns was machen gegen diese dunkle Zeit“ eröffnet sie den Abend. Und Privat stellt sein neuestes Programm vor, eine „Reise über Zuver­sicht, Trost, Hoffnung und der Rückkehr zu sich selbst“.

Foto © O‑Ton

In der Mitte des Pavillons ist ein Flügel mit vier Lautspre­chern und zwei Monitoren aufgebaut. Hier nimmt Privat Platz und eröffnet mit Respire, einem Werk, das uns vermitteln soll, dass wir alle göttlich sind. In L’horloge crole geht es melodiös, aber mit Geschwin­digkeit voran. Noch ist wenig Jazz zu hören, dafür aber viel vom eigenen Stil Privats, der sich durch eine rasante Begleitung der linken Hand mit Einwürfen der rechten präsen­tiert. Mit J’ai oubli les mots – ich habe die Wörter vergessen – bedient er sich nicht nur erstmals des Gesangs, sondern auch des Loops, singt also im Chor mit sich selbst. Das ist eindrucksvoll – und laut. Nicht immer ist an diesem Abend alles perfekt ausba­lan­ciert, und da wird so manches Gehör über Gebühr belastet. Das ist bei Tonalité nicht der Fall, ein Aufruf zur Gelas­senheit. „Findet zu Eurer Gelas­senheit zurück, hört auf Euren Puls“ ist die Botschaft, die Privat besingt, ehe er auf dem Klavier zeigt, zu welch feinen Jazz-Klängen er in der Lage ist.

Pa plere: Weine nicht. Es beginnt in Moll und dissonant, ehe der Pianist in Barge­flüster verfällt, zu dem sich ein kurzer Vogel­streit auf dem Teich entwi­ckelt, ehe der Komponist die Besucher in höhere Gefilde entführt. Es wird ein Flug ins Nirgendwo, ohne Worte. Nach diesem grandiosen Ausflug geht es mit Koute Tche Aw in einen wortlosen Schwe­be­zu­stand, eine kleine Träumerei, ehe sich das Stück in puren Rhythmus verwandelt und mit Worten untermalt wird. Mit Geraldine kehrt Privat zum Chori­schen zurück, ehe es im darauf­fol­genden Stück tatsächlich jazzig wird. Für die Besucher zum Höhepunkt kommt es, als Privat sehr zögerlich überlegt, ob er ein Stück zum Mitsingen spielen soll. Er ziert sich scheinbar ein wenig, das Risiko einzu­gehen. Dann wirft er dem Publikum den Text hin: Lalala. Das Publikum geht mit. Während hier zunehmend 100 Choristen einsteigen, gibt Privat nur noch einzelne Passagen vor, um die Gäste weiter zu motivieren, läuft um den Flügel herum, schwingt die Arme weit, weil er mehr hören will. Es ist einfach großartig, wie er den Saal puscht. Da ist sein Werk Yonn eigentlich nur noch eine Dreingabe, bei der noch einmal richtig Dynamik aufkommt, wenn die Finger so schnell werden, dass man ihre Bewegung nicht mehr erfassen kann.

Nach anderthalb Stunden ist trotz aller pianis­ti­scher Virtuo­sität die Kraft des Publikums erschöpft, und so ist die Zugabe nur noch ein Grund mehr, aufzu­stehen und zu applau­dieren, ohne eine weitere Zugabe zu verlangen. Wer so viel gute Musik zu hören bekommt, ist irgendwann einfach gesättigt. Und die Schlange am Verkaufs­tisch anschließend zeigt, dass ein Nachhall an anderen Tagen gefragt ist. Mit dem zweiten Auftritt in ihrer Auffüh­rungs­reihe hat Zimmermann einen echten Höhepunkt gesetzt. Die Fortsetzung ist aller­dings erst Anfang September mit dem Konzert des Ensembles Crush vorge­sehen. Dann wird es vier Minia­tur­kon­zerte von John Cage, Eric Satie und Morton Feldman geben. Eine Heraus­for­derung für das Publikum, dem man aber nach den ersten zwei Auffüh­rungen im Krefeld-Pavillon vertrau­ensvoll entge­gen­sehen kann.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: