O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Gelungenes Finale

TRIP-TIQUE
(Diverse Komponisten)

Besuch am
23. Juli 2022
(Urauf­führung)

 

Rufffactory, Köln

Sie sind mit einem großen Anspruch angetreten. Sie wollten neue Konzert­formate mit neuer Musik darbieten, die das Publikum begeistern. Und heute Abend zeigt das Ensemble I Transiti endgültig, dass es ihm gelungen ist. Geredet wird im gutsub­ven­tio­nierten Klassik­be­trieb viel über neue Formate, um neues Publikum zu gewinnen. Zu sehen bekommt man sie bis auf verein­zelte Ausnahmen nie. Und schon gar nicht mit der so genannten neuen Musik, die bei vielen Abonnenten städti­scher oder staat­licher Konzert­be­triebe so etwas wie Allergien auszu­lösen scheint, wenn sie mehr als ein Stück während eines Konzert­abends ertragen müssen. Da kann man sich vorstellen, dass Inten­danten, General­mu­sik­di­rek­toren, Dirigenten oder wenigstens Drama­turgen in Scharen angelaufen kommen, um zu hören und zu sehen, wie drei Musiker „neue Konzerte“ mit Hilfe der neuen Musik und des Musik­theaters zeigen wollen. Nichts dergleichen ist geschehen. Wie verkrustet ist der deutsche Konzert­be­trieb eigentlich? Wie lange wollen wir uns noch Konzert­ma­nager leisten, denen sonst nicht viel mehr einfällt, als alte Dirigenten an das Pult zu schleppen, weil ihre Namen häufiger gefallen sind als andere? Nein, Vittoria Quartararo, Blake Weston und Yoshiki Matsuura haben sich erst gar nicht mit ihrer überbor­denden Fantasie bei den großen Bühnen beworben, sondern eigene Auffüh­rungsorte gesucht, von denen sie sich vorstellen konnten, dass ihre neuen Ideen dort funktio­nieren könnten: Ein Küchen-Loft, eine Kirche und eine ehemalige Fabrik­halle. Dort haben sie während vier Auffüh­rungen ein Stamm­pu­blikum aufgebaut, das am letzten Abend jeden zur Verfügung stehenden Stuhl besetzt. Nein, man muss gar nicht übertreiben. Manche Idee hat nicht funktio­niert. Der theore­tische Überbau war mitunter so kompli­ziert, dass man ihn in der Aufführung nicht wiederfand. Aber das Ensemble I Transiti hat sich bis Accanto von Aufführung zu Aufführung gesteigert.

Foto © O‑Ton

Der Titel des vierten Auftritts ist schon wieder so vertrackt, dass man ihn als normaler Konzert­be­sucher nicht verstehen kann. Trip-tique findet wie schon Accanto in der Rufffactory in Köln statt. Die Gefühle sind gemischt. Accanto war spekta­kulär. Kann eine Folge­ver­an­staltung noch besser werden? Wohl kaum. Die Zweifel wiegen schwer. Und sie nehmen zu, als der Bühnen­aufbau von Jan Patrick Brandt sich heute recht gewöhnlich gestaltet. Die Bühne ist der Länge der Halle nach aufgebaut. Eine Schaukel, die Klari­nette, der Flügel, eine Sitzbank, eine weitere Schaukel schließt die Bühne nach hinten ab. Davor sind die Stühle aufge­stellt, hinter ihnen ist die Technik aufgebaut. Vier Lautsprecher umfassen das Bühnenareal.

Selbst die Kostüme sind eher konven­tionell. Erst auf den näheren Blick zeigt sich, dass die schwarzen Anzüge und die weißen Hemden maßge­schneidert sind. Weiße Turnschuhe sind bei Orchestern auch keine Neuheit mehr. Wie wollen die Musiker mit solchen Rahmen­be­din­gungen das Niveau halten? Nun, indem sie theatraler werden. Und so starten die drei mit einer Aufführung des Stückes Come and Go von Samuel Beckett aus dem Jahr 1965, das bis heute als eines seiner wichtigsten gilt und hohe Ansprüche an die Rhythmus-Fähig­keiten der Darsteller stellt. Wunderbar, wie das hier bis in die Mimik durch­in­sze­niert ist, so dass es durchaus zum Schmunzeln einlädt, auch ohne des Engli­schen mächtig zu sein. Nahtlos geht es über in ein selbst­ver­fasstes Wohin?! des Ensembles, das sich anschließend ausgiebig mit dem impro­vi­sa­ti­ons­freu­digen Stück Letter Pieces #8: Sit up, Stand down von Matthew Shlomowitz befasst. Das Werk ist in Buchstaben notiert und soll dazu dienen, die Persön­lichkeit des einzelnen aufzu­lösen und mit den anderen zu verweben. Muss man nicht verstehen. Quartararo, Weston und Matsuura entwi­ckeln daraus so eine Art Selbst­fin­dungstrip, der zunächst in der eigenen Sprache beginnt, um dann in nachdenk­lichen, deutsch gespro­chenen Sätzen zu enden, nachdem sie die ihnen eigenen Instru­mente vertauscht haben.

Foto © O‑Ton

Die theatrale Darstellung bricht auch im nachfol­genden Teil nicht ab, wenn jeder zu seinem Instrument zurück­kehrt, um ein Werk aufzu­führen, das den eigenen Fähig­keiten doch wieder näher­kommt. Den Anfang übernimmt Matsuura mit dem Stück Single Notes, Combined for seven trombones or solo trombone with sound­track, das Yasutaki Inamori 2020 für ihn kompo­nierte. Hier wie im nachfol­genden Stück läuft Lucia Kilger zur Höchstform auf, wenn sie die elektro­ni­schen Einspie­lungen perfekt platziert. Denn beide Stücke, sowohl das von Matsuura inter­pre­tierte, als auch Steve Reichs New York Counter­point , bei dem elf Klari­net­ten­stimmen repetitiv vom Band erklingen und pro Stimme jeweils einen einzigen Ton verändern, sind recht komplex und verlangen auch von Blake Weston hohe Konzen­tration. Dabei scheint gar nicht mal die Spiel­technik die größte Heraus­for­derung, sondern das richtige Timing zu hören. Auch bei Leger­demain von Yannis Kyria­kides bestimmt die elektro­nische Einspielung das Spiel, diesmal von Vittoria Quartararo am Klavier.

Neue Musik ein Hörgenuss? Die drei beweisen, dass es geht. Selten hat man ein Publikum, ungeachtet der Hitze in der Halle, so gebannt hören gesehen. Mit einem Knall­effekt beenden die Musiker die viel zu kurzen anderthalb Stunden. Sie setzen sich auf die Schaukeln, bringen diese so richtig in Schwung und singen dazu Idumea, ein Chorstück von Ananias Davisson und Charles Wesley aus dem Jahr 1816. Da spürt man, wie zwischen den Schweiß­perlen die Gänsehaut über den Rücken kriecht.

Sie haben es also geschafft. Sie haben das Niveau gehalten. Das bestätigt das Publikum ausdrücklich. Und sie haben ihre eigenen Ansprüche in vier Auffüh­rungen eingelöst. Die Reihe gelangt damit zu einem glück­lichen Ende. Und so wird ein Experiment vorzeitig beendet, das zeigt, dass man Konzerte sehr wohl anders als in den bekannten Formen aufführen kann, indem man die Musik noch berei­chert? Nicht ganz. I Transiti haben versprochen weiter­zu­machen. Aber jetzt geht es erst mal in den wohlver­dienten Urlaub.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: