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Schubert in Bayreuth

LIEDERABEND MIT WERKEN VON FRANZ SCHUBERT
(Franz Schubert)

Besuch am
7. August 2022
(Einmalige Aufführung)

 

Haus Wahnfried, Bayreuth

In Bayreuth ist Festspielzeit, und wer durch die Straßen geht, in einem Café sitzt und Festspiel­gästen zuhört, die desas­tröse Neuin­sze­nierung von Wagners  Ring des Nibelungen auf dem Grünen Hügel ist überall Gesprächs­thema. Nein, nicht überall. Es gibt an diesem Abend einen beson­deren Ort, der all diese unerfreu­lichen Themen vergessen macht. Und das ist ausge­rechnet Haus Wahnfried, ehema­liger Wohnsitz von Richard Wagner und seiner Familie und deren Nachkommen, heute beher­bergt es das Richard-Wagner-Museum. Während auf dem Grünen Hügel an diesem Abend die Festspiel­gäste Christian Thielemann und der Aufführung des Lohengrin lauschen, versammeln sich in dem kleinen Konzertsaal im Haus Wahnfried etwa 80 Zuschauer zu einem Lieder­abend. Nicht Wagner, sondern Schubert steht auf dem Programm. Der junge Bariton Konstantin Krimmel, mit noch nicht einmal 30 Jahren so etwas wie der Himmels­stürmer unter den Liedsängern. Denn norma­ler­weise konzen­trieren sich junge Sänger nach Abschluss ihres Studiums ganz auf die Karriere in der Oper. Man beginnt in einem Opern­studio, darf die ersten kleinen Wurzen­rollen singen und hofft auf Entde­ckung und größere Rollen, vielleicht auch auf ein Engagement an einem größeren Haus. Der Liedgesang spielt in dieser Phase meist eine unter­ge­ordnete Rolle. Erst, wenn man musika­lisch gesettelt und die Stimme erfahren und gereift ist, wenden sich die Künstler dann auch dieser Sparte zu und entdecken dann den einen oder anderen Liedkom­po­nisten für sich. Ein Dietrich Fischer-Dieskau, der noch als Student mit dreiund­zwanzig Jahren Schuberts Winter­reise fürs Radio aufnahm, ist heute eher undenkbar. Und doch gibt es immer wieder junge Sänger, die das besondere Genre des Gesangs früh für sich entdecken und gerade aufgrund ihrer jugend­lichen Frische und Unbeküm­mertheit aufhorchen lassen.

Konstantin Krimmel, Jahrgang 1993, gehört ganz sicher zu dieser Generation. Er startete seine musika­lische Laufbahn bei den St.-Georgs-Chorknaben in Ulm und begann 2014 sein Gesangs­studium bei Teru Yoshihara an der Hochschule für Musik und Darstel­lende Kunst Stuttgart, das er vor zwei Jahren mit dem Master abschloss. Meister­kurse unter anderem bei Brigitte Fassbaender ergänzten seine Ausbildung. Erste Bühnen­er­fah­rungen als Solist sammelte er 2016 am Wilhelma-Theater Stuttgart als Antonio in Le nozze di Figaro und 2017 am Theater Heilbronn als Zoroastro in Georg Friedrich Händels Oper Orlando. Krimmel ist Gewinner und Publi­kums­preis­träger zahlreicher Wettbewerbe.

Seit der letzten Spielzeit ist Krimmel nun festes Ensem­ble­mit­glied an der Bayeri­schen Staatsoper München, wo er unter anderem den Harlekin in der Ariadne auf Naxos von Richard Strauss gesungen hat. Partien wie Papageno in Mozarts Zauber­flöte oder Guglielmo in Così fan tutte folgen in der kommenden Spielzeit. Der noch am Anfang seiner Karriere stehende Sänger stellt sich nun im Haus Wahnfried mit einem beein­dru­ckenden Liedpro­gramm mit Werken von Franz Schubert einem fachkun­digen Publikum vor. Begleitet wird Krimmel von dem Pianisten Daniel Heide auf Richard Wagners Steinway-Flügel von 1876.

Krimmel eröffnet den Lieder­abend mit Franz Schuberts Der Wanderer, D 493. Nicht nur optisch beein­druckt der junge Sänger, mit Vollbart und das lange Haar zu einem Hauptzopf geflochten, mit schwarzem Hemd und schwarzer Hose lässig und locker gekleidet, aber mit ernstem Gesichts­aus­druck und sicht­barer Körper­spannung. Schon die ersten Töne lassen aufhorchen. Die Stimme klingt markant, aber trotzdem geschmeidig und ausdrucks­stark, beein­dru­ckend dabei seine große Textver­ständ­lichkeit. Die Leiden­schaft des Wanderers bringt er mit dem schon fast drama­ti­schen Ausbruch O Land, wo bist du? zum Ausdruck. Und Krimmel kann auch sehr lyrisch und gefühlvoll singen, wie in Schuberts An den Mond, D 193 mit den Zeilen von Ludwig Christoph Heinrich Hölty, das er wie ein Liebeslied gestaltet. Wenn man die Augen schließt und nur dem Gesang lauscht, kann man sich fast nicht vorstellen, dass hier ein junger Sänger steht, der gerade erst am Anfang seiner Karriere steht. Da sind viele Farben und Nuancen im Timbre, er verfügt über tenorale Höhen und eine sehr warme, schmei­chelnde Mittellage. Die folgenden drei Lieder stammen alle von Johann Wolfgang von Goethe, der im Übrigen nicht viel von der Vertonung seiner Gedichte durch Franz Schubert gehalten hat: Schäfers Klagelied, D 121, Wanderers Nachtlied I, D 224 und An den Mond, D 259. Es sind roman­tische Lieder, und Krimmel inter­pre­tiert sie lyrisch, fast schon heiter, wie im letzten Lied des Goethe-Trios, das Schubert mit 18 Jahren kompo­nierte. Mit Der Wanderer an den Mond, D 870 taucht Krimmel fast verklärt in die Romantik der Zeilen von Johann Gabriel Seidl ein. Ich wandre fremd von Land zu Land, so heimatlos, so unbekannt; Bergauf, bergab, waldein, waldaus, doch nirgend bin ich ach zu Haus. Krimmel bringt die Heimat­lo­sigkeit und die Rastlo­sigkeit des Wanderers mit wunder­baren Phrasie­rungen zum Ausdruck.

Foto © O‑Ton

Der zweite Teil des ohne Pause vorge­tra­genen Lieder­abends beginnt mit einer Ballade, die viele Zuhörer an diesem Abend sicher noch aus ihrer Schulzeit kennen: Die Bürgschaft  von Friedrich Schiller. Über weite Strecken handelt es sich bei dieser Kompo­sition um eine drama­tische Ballade mit 20 Strophen, deren musika­lische Darbietung allein etwa eine Viertel­stunde in Anspruch nimmt. Für den G‑Dur-Schlussteil verwendet Schubert einen fast schon weinselig wirkenden Wiener Dreivier­teltakt. Krimmel weiß um die Wirkung des Textes und der Musik, die Verzweiflung des Mannes, der seinen Freund als Bürgen für sein Leben zurück­ge­lassen hat. Er legt die Ballade fast wie ein Oratorium an, hochdra­ma­tisch und ausdrucksvoll. Seine umfang­reiche Stimme geht im dreifachem Forte durch Mark und Bein, um sich dann im rührenden Schluss fast ins gehauchte Piano zurück­zu­nehmen. Er insze­niert Die Bürgschaft in Gestik und Mimik, seine dunklen Augen funkeln dabei, jede Faser seines Körpers steht dabei unter Hochspannung. Den Schluss der Ballade, wenn der König und Tyrann spricht: Es ist euch gelungen, ihr habt das Herz mir bezwungen. Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn, so nehmet auch mich zum Genossen an: Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der Dritte! gestaltet Krimmel hochemo­tional, so dass bei manchem Zuschauer das Auge feucht wird. Großer Zwischen­ap­plaus ist der Lohn für diesen furiosen Vortrag, der von Daniel Heide mit viel Finger­spit­zen­gefühl und Blick für den Sänger grandios am Flügel begleitet wird.

Mit Glaube, Hoffnung, Liebe, D 955 erklingt ein Lied, das heiter und lyrisch klingt und nach der drama­ti­schen Ballade Erholung für Sänger und Publikum bedeutet. Auch das Lied Auf der Bruck mit den Zeilen von Ernst Schulze aus dessen Poeti­schem Tagebuch erklingt heiter, schon fast fröhlich.  Krimmel beein­druckt hier mit sauberen, schon fast tenoralen Höhen. Mit Der Pilgrim erklingt ein weiteres Lied nach Worten von Friedrich Schiller. Zu der inten­siven Klavier­be­gleitung von Heide mit schon fast majes­tä­ti­schem Klang chargiert Krimmel wieder zwischen Lyrik und Drama. Besonders den Schluss des Liedes gestaltet er sehr ausdrucks­stark, wenn er wieder vom Forte ins Piano wechselt. In des Toten­gräbers Heimweh D 842 von  Jacob Nicolaus Craigher de Jache­lutta formu­liert Krimmel fast schon hochdra­ma­tisch die schwere Pflicht des Toten­gräbers und die wartende Kühle im Grab. Die letzten Zeilen dieses Liedes: Es schwinden die Sterne, das Auge schon bricht! Ich sinke, ich sinke! Ihr Lieben, ich komm! singt Krimmel wie ein flehendes Gebet. Mit Prome­theus von Johann Wolfgang von Goethe kann Konstantin Krimmel an diesem Abend noch einmal alle Facetten seines großen Könnens zeigen. Er beginnt hochdra­ma­tisch, voluminös und sehr intensiv im Ausdruck, fast wie eine Anklage! Vom hohen Brustton in tiefste Basslagen, vom Forte ins Piano, mit vielen Farben und Nuancen in der Phrasierung, die durch Heides dienende Begleitung noch unter­strichen wird.

Foto © O‑Ton

Nach 80 Minuten ohne Pause geht der beein­dru­ckende Lieder­abend zu Ende, was einem angesichts des Alters und der bishe­rigen Bühnen­er­fahrung des Sängers den aller­höchsten Respekt abfordert. Es gibt großen und langan­hal­tenden Jubel seitens des Publikums, das sich während des Vortrags extrem diszi­pli­niert und sehr sensibel verhalten hat. Auch dem Pianisten Daniel Heide gebührt ein großes Lob, denn durch seine sehr gefühl­volle und sensible Begleitung war der bewegende Gesamt­ein­druck erst möglich. Natürlich entlässt das Publikum die beiden Künstler nicht, ohne dass noch zwei Zugaben darge­boten werden. Willkommen und Abschied zählt zu den bekann­testen Gedichten Goethes. Es wurde zum ersten Mal 1775 veröf­fent­licht und von Schubert 1822 vertont. Krimmel gestaltet das Lied noch einmal sehr intensiv und ausdrucks­stark. Anschließend bedankt er sich beim Publikum ganz herzlich für den Applaus und verab­schiedet sich mit Daniel Heide mit einem „Abendlied für die Ewigkeit“, dem Lied Am Tage Aller Seelen des Dichters Georg Jacobi, von dessen neun Strophen Schubert aber nur die erste, dritte und sechste Strophe vertont hat. Ganz lyrisch, fast schon verklärt nehmen Konstantin Krimmel und Daniel Heide Abschied vom Publikum im Haus Wahnfried in Bayreuth. Automa­tisch kommt einem an dieser Stelle mit dieser Stimme und an diesem beson­deren Ort ein anderes Gebet in den Sinn, das Krimmel sicher in nicht allzu ferner Zukunft singen kann und vielleicht wird: O du mein holder Abend­stern, das Lied des Wolfram von Eschenbach aus Wagners Tannhäuser.

Man kann nur hoffen, dass der Sänger mit seinem großen Talent und der wunder­baren Stimme sorgfältig umgeht, dann wird man noch viele große Abende von ihm erwarten dürfen. Wer mehr von Konstantin Krimmel und Daniel Heide hören möchte, dem sei das neue Album Der du von dem Himmel bist mit Liedern von Franz Liszt empfohlen. Und der Abend im Haus Wahnfried, an dem es nicht um Wagner ging, wird den Zuhörern, die dabei sein durften, noch lange in Erinnerung bleiben.

Andreas H. Hölscher

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