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Foto © O-Ton

Große Lichtblicke

BENEFIZKONZERT
(Diverse Komponisten)

Besuch am
28. August 2022
(Einmalige Aufführung)

 

Sanitäts­aka­demie der Bundeswehr, München

Das Ausbil­dungs­mu­sik­korps der Bundeswehr, 1960 in Siegburg aufge­stellt und seit 1969 in Hilden statio­niert, ist die musika­lische und militä­rische Heimat aller Musik­stu­denten in Uniform.  Die Aufgabe des Ausbil­dungs­mu­sik­korps besteht darin, jungen Musikern den Weg zu profes­sio­nellen Orches­ter­mu­sikern zu ebnen und sie auf die künftige Verwendung im Militär­mu­sik­dienst der Bundeswehr vorzu­be­reiten. In einer vierjäh­rigen Ausbildung, verbunden mit einem Bachelor-Studium an der Robert Schumann Hochschule für Musik im benach­barten Düsseldorf, erhalten sie hierfür das notwendige Rüstzeug. Ein Kompe­tenzteam koordi­niert und leitet den Ausbil­dungs­be­trieb, der bis zu 150 Musikern Platz bietet. Das im April 2018 fertig­ge­stellte Probe- und Übungs­ge­bäude verfügt neben 140 Unter­kunfts­räumen auch über 68 Übungs­räume und 34 Unter­richts­räume für die zukünf­tigen Musiker des Ausbil­dungs­mu­sik­korps und garan­tiert exzel­lente Ausbil­dungs­be­din­gungen. Der gesamte Gebäu­de­komplex ist auf die beson­deren Anfor­de­rungen der Militär­musik zugeschnitten. Geleitet wird das Ausbil­dungs­mu­sik­korps seit 2008 von Oberst­leutnant Michael Euler.  Mit dem bezeich­nenden Titel Klassik in Uniform hat Ralf Siepmann Anfang Juli einen inter­es­santen Hinter­grund­be­richt über das Ausbil­dungs­mu­sik­korps für O‑Ton verfasst.

Nun gab es Gelegenheit, die jungen Militär­mu­siker, die derzeit an der Sanitäts­aka­demie der Bundeswehr in München den Feldwebel-Lehrgang im Sanitäts­dienst durch­laufen, in einem Benefiz­konzert zu erleben. Alle Militär­mu­siker sind in ihrer Zweit­ver­wendung Sanitäts­sol­daten, daher besteht eine enge Verbindung des Sanitäts­dienstes zur Militär­musik. In den zurück­lie­genden zwei Jahren waren viele Militär­mu­siker, da sie Corona-bedingt nicht spielen oder auftreten konnten, im Sanitäts­dienst der Bundeswehr oder auch in Einrich­tungen des zivilen Gesund­heits­systems, in Gesund­heits­ämtern, in Impfzentren oder bei der Kontakt­nach­ver­folgung einge­setzt und haben damit einen nicht unwesent­lichen Beitrag zur Bewäl­tigung der Pandemie und damit einen Dienst an der Gesell­schaft geleistet. Unter der Rubrik „Musik­stu­denten in Uniform“ präsen­tieren sie dieses Konzert. Es ist das erste Mal seit zehn Jahren, dass es wieder ein Konzert von den Lehrgangs­teil­nehmern an der Akademie gibt. Unter dem Motto „Kameraden spielen für Kameraden“ wollen sie dabei an eine alte Tradition anknüpfen. Unter­stützt werden die Lehrgangs­teil­nehmer durch Kameraden des Ausbil­dungs­mu­sik­korps Hilden, die ihre militä­rische Ausbildung bereits im vergan­genen Jahr absol­viert haben.

Seit vielen Jahren unter­stützt die Sanitäts­aka­demie die soziale Einrichtung Licht­blick Hasen­bergl im benach­barten Stadtteil Hasen­bergl-Nord. Hier wachsen noch immer viele Kinder unter benach­tei­li­genden Bedin­gungen in einer großen Sozial­woh­nungs­siedlung auf. Ihr Leben ist von finan­zi­ellen Sorgen, einem niedrigen Bildungs­niveau, einem schwie­rigen Umfeld und der Abhän­gigkeit von finan­zi­ellen Hilfen geprägt. Das Ziel der Einrichtung ist es, den Kreislauf sozialer Benach­tei­ligung zu durch­brechen und sicher­zu­stellen, dass die Kinder gesund aufwachsen, eine Schulform besuchen können, die ihrer tatsäch­lichen Begabung entspricht und erfolg­reich eine Ausbildung durch­laufen können. Wie der Kommandeur der Sanitäts­aka­demie der Bundeswehr, General­stabsarzt Hans-Ulrich Holtherm, in seinem Grußwort betont, ist es für die Angehö­rigen der Sanitäts­aka­demie der Bundeswehr eine Herzens­an­ge­le­genheit, das soziale Projekt zu unter­stützen. Der Reinerlös durch Spenden im Anschluss des Konzertes kommt daher vollum­fänglich der Einrichtung zugute.

Eröffnet wird das Benefiz­konzert schwungvoll unter der Leitung von Oberleutnant Paul Stöher, der auch charmant das Konzert moderiert, mit dem Mars der Medici.  Das im Jahr 1938 vom Nieder­länder Johan Wichers kompo­nierte Musik­stück gilt als eines der bedeu­tendsten Werke in der Karriere des „hollän­di­schen Marsch­königs“ und genießt einen hohen inter­na­tio­nalen Bekannt­heitsgrad. Im Jahre 1905 diente Wichers bei den nieder­län­di­schen Streit­kräften. Er gehörte dem „Korps Reitender Artil­lerie“ an und war in seiner Freizeit auch Trompeter im Orchester des Nordhorner Musik­vereins in Nieder­sachsen. Seine Märsche entstanden oft aus persön­lichen Erfah­rungen heraus. So schrieb er den Mars der Medici als Dank an die Ärzte, die nach einem langen Kranken­haus­auf­enthalt für seine Genesung gesorgt hatten.

Foto © Simon Höpfl

Mit Fate of the gods, einem monumen­talen Stück sympho­ni­scher Blasmusik von Steven Reineke, zeigt das Ausbil­dungs­mu­sik­korps eine ganz besondere Seite seines Könnens.  Der aus Ohio stammende Reineke, Jahrgang 1970, ist ein produk­tiver Komponist und Arrangeur sowie Dirigent des New York Pops Orchestra, was ihn zu einem der gefrag­testen Pop-Dirigenten in den Verei­nigten Staaten macht. Seine Musik für Blasor­chester wird regel­mäßig auf der ganzen Welt aufge­führt, ebenso wie seine zahlreichen Arran­ge­ments für Band und Orchester.      Reineke schrieb Fate of the Gods im Jahr 2001. Es ist inspi­riert von der Geschichte in der nordi­schen Mytho­logie von Ragnarök. Das Stück zeigt einen großen Kampf zwischen Gut und Böse, der zur Zerstörung aller Dinge und zur Entstehung einer neuen, idylli­schen Welt führt. Der erste Abschnitt des Stücks stellt die Erschaffung der Urwelt dar, in der sich Kräfte des Guten und des Bösen etablieren. Dunkles, tiefes Blech zum Intro, dann Schlagzeug und verstärktes Blech symbo­li­sieren die gegen­sätz­lichen Kräfte. Der zweite Abschnitt ist die Entwicklung des Dunkels mit hinter­häl­tigen Themen, die den Gott Loki symbo­li­sieren, die Perso­ni­fi­kation des Bösen. Sein Thema weicht einer beruhi­genden Musik, die den Gott Balder, den Sohn Odins, darstellt. Balder verkörpert alles Gute, Reine und Unschuldige. Wenn das Böse erneut folgt, dann ist es Heimdall, der Wächter der Götter, dessen Horn ertönt und den Anfang vom Ende ankündigt. Aus allen Ecken der Welt reiten Götter, Riesen, Zwerge, Dämonen und Elfen auf eine riesige Ebene zu, wo die letzte Schlacht geschlagen wird. Der gewaltige Kampf führt zu massivem Chaos und schließlich zur Zerstörung der Welt. Alles wird zerstört, bis auf einen Baum, den Baum des Lebens, bekannt als Yggdrasil. Der Baum bringt der Welt nach und nach das Dasein zurück. Diesmal sind es nur Kräfte der Güte, die geschaffen werden. Das Böse hat sich selbst zerstört und das Gute hat über alle gesiegt. Mit diesem Stück zeigen die jungen Militär­mu­siker, dass sie schon jetzt über ein hohes musika­li­sches Verständnis verfügen. Auch die Horn- und Trompe­ten­so­listen beweisen sicheren Umgang mit ihren Instrumenten.

Für Stöher ist das folgende Stück Concerto d’Amore des nieder­län­di­schen Kompo­nisten Jacob de Haan, Jahrgang 1959, ein Danke­schön an die Kamerad­schaft, die er als Betrof­fener bei der Flutka­ta­strophe im vergan­genen Jahr im Ahrtal selbst erfahren durfte. Concerto d’Amore verbindet mit Barock, Pop und Jazz drei verschiedene Epochen oder Stilrich­tungen. Die würde­volle Einleitung klingt wie eine barocke Ouvertüre. Es folgt ein energi­scher Abschnitt im Pop-Stil, der in einem charak­ter­vollen Adagio ausläuft. Ein Motiv daraus wandelt sich zu einer Swing-Passage, worauf das Werk mit der Wiederkehr des Adagio-Teils in abgewan­delter Form endet.

Einer der belieb­testen Militär­märsche ist der Marche des soldats de Robert Bruce von Jean Brouqières. König Robert I., im modernen Englisch besser bekannt als Robert Bruce, auch Robert the Bruce, war von 1306 bis zu seinem Tode 1329 König von Schottland. Während der Schot­ti­schen Unabhän­gig­keits­kriege gegen England war er Anführer der aufstän­di­schen Schotten. Robert war ein direkter Nachfahre König Davids I. und begründete damit seinen Anspruch auf den schot­ti­schen Thron. Er gilt als einer der bedeu­tendsten Herrscher Schott­lands. Bei dem ihm zu Ehren kompo­nierte Marsch handelt es sich um ein langsames, festliches Werk. Das Arran­gement des Marsches stammt von Guido Rennert, einem der bekann­testen Militär­mu­siker der Bundeswehr. Das Ausbil­dungs­mu­sik­korps spielt den Marsch getragen und feierlich, und durch die Soli von Picco­lo­flöte, Querflöte und Trommel überträgt sich die Emotion des Stückes auf den Zuhörer, das ist Gänse­haut­feeling pur.

Vom feier­lichen Marsch aus Schottland geht es thema­tisch über den großen Teich zu George Gershwin und einem Medley aus seiner 1935 urauf­ge­führten Oper Porgy and Bess. Die Oper schildert das Leben von Afroame­ri­kanern in der Schwar­zen­siedlung Catfish Row in Charleston um 1870. Die New York Times bezeichnete das Stück als „American Folk Opera“, wodurch zum Ausdruck gebracht werden soll, dass Gershwin viele Elemente ameri­ka­ni­scher Musik einge­bracht hat, jedoch ohne Origi­nal­musik der afroame­ri­ka­ni­schen Bewohner zu verwenden. Gershwin selbst legte beson­deren Wert darauf, mit Porgy and Bess kein Musical, sondern eine Oper kompo­niert zu haben, und in der Tat steht das Stück sowohl durch die Verwendung der durch­kom­po­nierten Großform als auch wegen der realis­ti­schen Milieu­zeichnung den Opern des Verismo sehr nahe. Viele Melodien aus Porgy and Bess wie etwa I love you, Porgy, I got plenty o’ nuttin’, It ain’t neces­s­arily oder Summertime sind zu Jazzstan­dards geworden. Letzteres zählt zu den populärsten und am häufigsten gespielten Liedern überhaupt und ist von zahlreichen Musikern aufge­nommen worden. Es sind genau diese Melodien, die das Ausbil­dungs­mu­sik­korps mit viel Energie und Spiel­freude inter­pre­tiert und zeigt, dass Blues, Swing und Jazz selbst­ver­ständlich zum Reper­toire von Militär­mu­sikern gehören. Unter den verschie­denen Musikern ist Stabs­un­ter­of­fizier Katja Fechtner für ihr tempe­ra­ment­volles Solo am Saxofon hervorzuheben.

Foto © O‑Ton

Dann wird es wieder militä­risch. Der Kaiser­jä­ger­marsch von Karl Mühlberger ist der Tradi­ti­ons­marsch der Tiroler Kaiser­jäger und der öster­rei­chi­schen und deutschen Gebirgs­jäger. 1898 übernahm Karl Mühlberger die Leitung der Regiments­musik des 1. Tiroler Jäger­re­gi­ments in Innsbruck und kompo­nierte diesen Marsch im Jahre 1914. Mit dem Kaiser­jä­ger­marsch, op. 42, schuf er einen der berühm­testen altös­ter­rei­chi­schen Militär­märsche. Der Text für das Trio dazu wurde bereits 1911 vom Leutnant des Regiments Max Depolo verfasst. Stöher dirigiert den Marsch mit viel Schwung und Elan. Gewidmet ist er an diesem Abend dem Leutnant Paul Hoffmann, Musik­dienst­of­fizier beim Ausbil­dungs­mu­sik­korps. Hoffmann hat sich für den diesjäh­rigen Ironman-Triathlon auf Hawaii quali­fi­ziert, und dieser Marsch soll ihn dabei motivieren und begleiten.

Das große Finale des in dieser Form einzig­ar­tigen Konzertes ist ein Medley mit den großen Schla­gerhits von Udo Jürgens. Von 17 Jahr, blondes Haar bis zum Griechi­schen Wein sind viele seiner Erfolge in diesem Medley zu hören, das von Kurt Gäble arran­giert wurde. Auch Pop und Schlager sind für die Militär­mu­siker keine böhmi­schen Dörfer. Die etwa 120 Zuschauer im Audimax der Sanitäts­aka­demie sind jeden­falls restlos begeistert und feiern die jungen Musiker, die in dieser Formation ihren ersten Konzert­auf­tritt bravourös absol­viert haben, mit stehenden Ovationen.

Natürlich werden die Musiker ohne Zugabe nicht entlassen. Zunächst erklingt der Mussinan-Marsch von Carl Carl, der Truppen­marsch der Sanitäts­aka­demie der Bundeswehr. Ludwig Ritter von Mussinan war General­leutnant der Königlich Bayeri­schen Armee. Aufgrund seiner Tapferkeit in der Schlacht von Sedan während des Deutsch-Franzö­si­schen Krieges wurde er mit dem Militär-Max-Joseph-Orden ausge­zeichnet, mit dem die Erhebung in den Adels­stand verbunden war. Er erhielt dadurch den persön­lichen, nicht vererb­baren Titel „Ritter von“. Während seiner Zeit als Oberst und Kommandeur des 4. Königlich Bayeri­schen Feldar­til­lerie-Regiments “König” in Augsburg widmete ihm sein Stabs­trom­peter Carl Carl den Mussinan-Marsch. Musik­di­rigent Carl formte seine Musiker zu einem Trompe­ter­korps „wie es bisher in Bayern ohne Beispiel war“ und im Nachruf der Augsburger Abend­zeitung vom August 1898 heißt es, Carl sei einer „der begab­testen, tüchtigsten und vielleicht der volks­tüm­lichste Militär­ka­pell­meister der bayeri­schen Armee“ gewesen. Die frische und spritzige Darbietung des Mussinan-Marsches durch das Ausbil­dungs­mu­sik­korps hätte sicher auch Carl gefallen.

Als zweite Zugabe erklingt der Marsch Blauer Enzian von Ernst Hoffmann. Der wurde für die Europa-Eislauf­meis­ter­schaften in Inzell in Oberbayern im Januar 1969 kompo­niert. Das Musik­korps I der Gebirgs­di­vision Garmisch-Parten­kirchen unter der Leitung seines Dirigenten Major Werner Zimmermann brachte ihn dort zur Urauf­führung. Auch diesen relativ modernen Marsch spielt das Ausbil­dungs­mu­sik­korps souverän und mit immer noch großer Spiel­freude. Mit der Bayern­hymne und der Deutschen Natio­nal­hymne endet das etwa 75-minütige Konzert. Dabei ist schon erstaunlich, auf welch hohem Niveau die jungen Militär­mu­siker, die ja noch Studenten sind, jetzt schon spielen und welche unter­schied­lichen Facetten sie zeigen können. Dabei sollte jedem, der es noch nicht wusste, klar werden, dass ein Musik­korps der Bundeswehr deutlich mehr als „nur“ Marsch­musik spielen kann. Und im kommenden Jahr wird es wieder ein Benefiz­konzert in München an der Sanitäts­aka­demie der Bundeswehr geben, dann mit den neuen Lehrgangsteilnehmern.

Andreas H. Hölscher

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