O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Kraftlos

POWER
(Verena Güntner)

Besuch am
2. Oktober 2022
(Premiere am 10. September 2022)

 

Rheini­sches Landes­theater Neuss

Belobigen die Rezen­senten der so genannten Leitmedien Bücher neuer­dings danach, wie weit sie an der Oberfläche schwimmen? Fast möchte man den Eindruck gewinnen. Ein Beispiel dafür ist ein Buch, das 2020 erschienen ist. Da konnte man in neun Rezen­sionen lesen, dass es dem Buch an Substanz fehle, der Spannungs­moment verfehlt werde und man auch eigentlich gar nicht wisse, was der Roman sagen wolle. Aber alle neun Rezen­senten sprechen eine Leseemp­fehlung aus. Die Rede ist von Verena Güntners 200-seitigem Roman Power, der sogar einen Preis erhielt.

Um die Geschichte noch banaler zu gestalten, bedarf es nur noch einer Bühnen­fassung. Ekat Cordes und Eva Weiders haben sich für das Rheinische Landes­theater Neuss daran versucht. Der Hund Power ist entlaufen. Hitschke, seine Besit­zerin, beauf­tragt das Mädchen Kerze, den Hund wieder­zu­finden. Welche Geister Kerze verfolgen, bleibt unbenannt. Aber sicher ist: Was Kerze verspricht, hält sie. Hitschke, längst Außen­sei­terin in dem kleinen Dorf, in dem die Handlung spielt, ist bereits von ihrem Mann verlassen worden. Umso wichtiger ist ihr, Power wieder­zu­be­kommen. Holzschnitt­artige Figuren begleiten die Suche nach dem Hund. Schließlich zieht sich Kerze in den Wald zurück, um sich ganz in den Hund einzu­fühlen. Die Kinder des Dorfes folgen ihr. Dort verwildern sie unter dem strengen Regiment von Kerze. Während­dessen kocht die Wut unter den Eltern im Dorf wegen der verlo­renen Kinder hoch und entlädt sich an der Hunde­be­sit­zerin. Schließlich findet ein Junge – und nicht etwa Kerze, die damit im Grunde ihr Versprechen nicht einlöst, aber das ist zu diesem Zeitpunkt auch schon egal – den Hund. Tot. Er wird ins Dorf zurück­ge­tragen, Kerzes Auftrag ist erfüllt, die Kinder kehren in ihre Eltern­häuser zurück. Hitschke verlässt den Ort, und Kerze wird, warum auch immer, von den Geistern verlassen.

Foto © Marco Piecuch

Es gibt eine Menge Sollbruch­stellen, an denen aus der Geschichte Horror, ein kriti­scher Gesell­schafts­roman oder gar eine Parabel hätte werden können. Nichts dergleichen geschieht. Die Handlung bleibt so platt, wie sie ist. Daran ändern auch Bühnenbild und Kostüme von Anike Sedello nichts. Ihr Faible für Blautöne steht im Gegensatz zur Symbolik des Abends. Von Hoffnung ist nichts zu spüren. Das Bühnenbild mit seinen Minia­tur­häusern, die erst in Dorfform, später als „Trutzburg“ im Wald, der aus herun­ter­ge­las­senen, baumähn­lichen Gegen­ständen besteht, erschwert die Vorstellung, dass es sich bei diesem Stück um Theater für Erwachsene handelt.

Unangenehm gestaltet sich die akustische Kulisse des Abends. Mögli­cher­weise müssen die Darsteller mit einer falsch ausge­rich­teten Mikro­fo­nierung auftreten, um sich in der Lautstärke an die Musik anzugleichen. Bei der Musik hat sich Cordes für die Verfremdung einiger bekannter Songs wie Tainted Love entschieden. Die Schau­spieler geben derweil ihr Bestes, um aus dem langwei­ligen, dialog­armen Stoff so etwas wie Theater zu gestalten. Anna Sonnen­schein verkörpert Kerze glaubhaft, so weit das möglich ist. Aus Hitschke macht Hergard Engert eine Frau, die man letztlich nicht mal mehr bemit­leiden kann, weil sie sich ohne jede Gegenwehr in ihr Schicksal ergibt. Wenn sich die Wut der Dorfbe­wohner gegen sie in einer Prügel- und Tritt­szene entlädt, wird es einer Besucherin zu viel, die sich lautstark nicht nur darüber beschwert. Peter Waros, Johannes Bauer, Philippe Ledun, Tim-Fabian Hoffmann und nicht zuletzt Fenna Benetz treten in Doppel­rollen auf, die allesamt sauber gespielt sind, aber keinen bleibenden Eindruck hinter­lassen. Sechs Kinder stellen die Dorfjugend überwiegend in Laufspielen dar, was sie ganz prima einstu­diert haben. Im Ergebnis reicht das nicht, um einen Eindruck zu schaffen, der länger als bis zum Ausgang des Theaters hält.

Eins steht fest. Wenn Verdummung und Banali­sierung wie eine riesige Tsunami-Welle auch in den Theatern auf uns zu rollt, wird es verdammt schwer, zwischen­durch aufzu­tauchen und nach Luft zu schnappen. Davon haben die Besucher heute Abend schon mal eine Vorahnung bekommen. Die sind erfreulich zahlreich erschienen – knapp mehr als die Hälfte des Theaters ist gefüllt; 50 Prozent ist das neue ausver­kauft, stand neulich irgendwo zu lesen – und bedanken sich bei den Akteuren mit artigem Applaus.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: