O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Schöne Verbindung

„SING‘ ICH NOCH JENEN TRAUM …“
(Diverse Komponisten)

Besuch am
8. Oktober 2022
(Einmalige Aufführung)

 

Lieds­ommer im Sinnge­wimmel, Bergisch Gladbach

Neue Musik ist Kassengift, egal, wie man sie definiert. Konzert­ver­an­stalter sind davon nicht nur überzeugt, sondern verbreiten diese Mär und meiden sie wie die Pest in ihren Programmen. Hin und wieder findet man Alibi-Schnipsel auf den Programm­zetteln. Da steht eine dreimi­nütige Urauf­führung zwischen zwei Sinfonien von Mozart und Beethoven, damit in der Pause niemand wegläuft. Die Gegen­probe aller­dings fehlt. Gewiss. Es gibt Veran­stal­tungen, in denen ausschließlich neue Musik zu hören ist. Die werden dann aller­dings einer bestimmten „Szene“ zugerechnet. Wer sich mit dieser Szene inten­siver ausein­an­der­setzt, wird feststellen, dass es hier die gleichen Quali­täts­un­ter­schiede wie in der Klassik gibt; aber keinen Grund, sich der neuen Musik zu wider­setzen oder sie gar abzulehnen. In der Wiener Klassik, die Veran­stalter heute propa­gieren, wäre niemand auf die Idee gekommen, sich ein Stück zwei Mal anzuhören. Haydn, Mozart, Beethoven und andere verbrachten ihre Zeit damit, in den Salons neue Werke zu präsen­tieren, weil alles Bekannte langweilte.

Johannes Held – Foto © O‑Ton

Naré Karoyan und Johannes Held brechen radikal mit einer „Tradition“, die es in den Konzert­sälen eigentlich noch gar nicht so lange gibt. Da hat ein konge­niales Paar zusam­men­ge­funden. Khatia Bunia­tishvili spielt auf den großen Bühnen dieser Welt und scheffelt Geld. Karoyan wohnt in Köln, betreibt in Bergisch Gladbach einen Kammer­mu­siksaal und hat unglaublich viel Spaß daran, sich neue Projekte auszu­denken, wissen­schaftlich zu forschen und so vielleicht etwas zur Entwicklung der Musik beizu­tragen. Wer die bessere am Klavier ist, vermag man nicht zu sagen. Ein direkter Vergleich könnte überra­schend ausgehen. Held ist als Bariton längst etabliert. Auch er hat längst einen profes­sio­nellen Status erreicht, der ihm erlaubt, über das übliche Reper­toire hinaus­zu­wachsen. Auch ihm geht es nicht darum, in der Metro­po­litan Opera anzukommen, sondern „sein Ding“ zu machen. Er gehört definitiv zu den wenigen Sängern, die mit dem Singen des Alphabets noch einen spannenden Opern­abend gestalten können. Und die beiden wagen ein Experiment, von dem ihnen jeder Veran­stalter voraussagt, dass die Besucher ausbleiben werden. Mit Sing‘ ich noch jenen Traum … haben sie ein Programm zusam­men­ge­stellt, das beinahe hälftig aus zeitge­nös­si­scher Musik besteht. Da stehen Franz Schubert und Robert Schumann aus der Vergan­genheit Wolfgang Rihm, Ursula Mamlok und Anno Schreier aus der jüngeren Gegenwart gegenüber. Das kann ja nun wirklich nicht funktionieren.

Der Kammer­mu­siksaal in Refrath, mittler­weile ein Stadtteil von Bergisch Gladbach, den Karoyan liebevoll Sinnge­wimmel nennt, weil sie Neolo­gismen liebt, ist an diesem Abend bis auf den letzten Platz besetzt. Und nein, hier hat sich nicht die Neue-Musik-Szene versammelt, sondern hier sitzen die Stamm­hörer, die Karoyan sich in der Vergan­genheit mit inter­es­santen Programmen erarbeitet hat. Sie vertrauen der Pianistin offenbar blind. Recht haben sie.

Naré Karoyan – Foto © O‑Ton

Vor dem Beginn begrüßen die beiden das Publikum, und Held gibt einen Überblick über die kommende Stunde. Das ist sehr viel schöner als die Sitte, sich einfach hinzu­setzen und loszu­spielen. Schon haben die beiden alle Sympa­thien auf ihrer Seite. Und noch eine schöne Idee könnte gern Schule machen. „Damit Sie während des Vortrags nicht mit Gedicht­ana­lysen beschäftigt sind, haben wir darauf verzichtet, die Texte abzudrucken“, erläutert der Bariton. Er hat statt­dessen dem Programm­zettel ein zusätz­liches Blatt hinzu­gefügt, auf dem die Inhalts­an­gaben der Lieder nicht länger als einen Satz sind. Wunderbar. Leisten kann er sich das natürlich auch nur, weil er weiß, dass er so textver­ständlich singt, dass hier wirklich kein Wort unver­standen bleibt. Nach Schuberts Der Musensohn folgt bereits von Rihm Heut und ewig. Dann erklingen vier weitere Lieder Schuberts, ehe Rihm das Phänomen besingen lässt. Nach des Schäfers Klagelied beendet Karoyan den ersten Teil mit zwei Klavier­stücken unter dem Titel Inward Journey von Ursula Mamlok, die 2016 in ihrer Geburts­stadt Berlin starb, nachdem sie den größten Teil ihres Lebens in Amerika verbracht hatte.

Den zweiten Abschnitt des Abends leitet Schön Hedwig von Robert Schumann ein, eine Ballade von Friedrich Hebbel, vertont für Sprecher und Klavier. Es bleibt abwechs­lungs­reich. Erneut greift Karoyan zu den Noten von Mamlok und inter­pre­tiert vier Klavier­stücke, die den Titel 2000 Notes tragen. Wie bereits im ersten Teil, erweist sich die Pianistin als exzel­lente Beglei­terin, wenn Held anschließend Belsazar von Schumann und drei Heine-Lieder von Anno Schreier vorträgt. Als Zugabe haben die beiden Musiker Abschied von der Erde von Schubert vorbereitet.

Selbst­ver­ständlich ist es nur die halbe Wahrheit, wenn man an diesem Abend von neuer Musik spricht. Denn dass es Held gelingt, die Texte nahezu ununter­scheidbar anein­an­der­zu­reihen, funktio­niert nur deshalb, weil auch Rihm und Schreier auf Texte aus der Vergan­genheit zurück­greifen. Trotzdem bleiben die Ähnlich­keiten verblüffend. Die Besucher kümmern sich auch nicht groß um musik­wis­sen­schaft­liche Haarspal­te­reien, sondern genießen den Auftritt in vollen Zügen. Die angenehme, volle, warme, immer aber gut akzen­tu­ierte Stimme des Baritons, die vom hochkon­zen­trierten Klavier­spiel Karoyans perfekt ergänzt wird, sorgen für einen Grad der Entspannung, der viele der Besucher mal kürzer, mal länger die Augen schließen lässt. Was sie nicht daran hindert, dem Duo, das ihnen so nah gegen­über­steht, mit größt­mög­lichem Applaus für eine hervor­ra­gende Aufführung zu danken. Es ist zu wünschen, dass dieses Programm nicht nur im Rahmen der Konzert­reihe Lieds­ommer eine einzige Wieder­holung in Bonn erfährt, sondern Gelegenheit bekommt, in der ganzen Bundes­re­publik zu Gehör zu kommen.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: