O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Ich gehe

BLASE
(Anna Illenberger)

Besuch am
20. Oktober 2022
(Einmalige Aufführung)

 

Galerie Lausberg, Düsseldorf

Ein leiser Hauch von Wehmut liegt über dem schmalen Kunst­garten der Galerie. Am Mittag hat Bernd Lausberg, so dass noch alle poten­zi­ellen Besucher des abend­lichen Konzerts davon erfahren, via Rundschreiben die Bombe platzen lassen. Am 31. Oktober schließt die Galerie Lausberg in Düsseldorf nach 20 Jahren ihre Pforten. Der Galerist wird sich nach Wuppertal in eine Gründerzeit-Villa im Briller Viertel zurück­ziehen, um dann mit neuen Formaten wieder auf sich aufmerksam zu machen. Jetzt aber steht erst mal das Konzert, das letzte Konzert, an. Bereits im vergan­genen Jahr hatte Anna Illen­berger für wahre Begeis­te­rungs­stürme bei ihrem ersten Konzert in der Galerie gesorgt, ist zu hören. Dass ihr nun die Ehre des Abschieds­kon­zerts zukommt, war bei ihrer Einladung sicher noch nicht abzusehen. Das schließt die Gänsehaut nicht aus, die sich zum Ende des Abends einstellen wird.

Um etwas über Anna Illen­berger zu erfahren, kann man sich den Weg auf die Website sparen. Was an ihrem Lebenslauf so geheim­nisvoll ist, erschließt sich nicht. Ihr Vater ist der Gitarrist Ralf Illen­berger. Sie selbst sagt von sich, Autodi­daktin zu sein. Und einen Hund hat sie, was sie ja schon mal ungemein sympa­thisch macht. Mit Annagemina gründete sie ein Duo mit Michael Fiedler. Den Musiker lernte sie nach ihrem recht verun­glückten, ersten Solo-Auftritt in den Wagen­hallen Stuttgart kennen, wo sie bis heute ein Atelier hat. Gemeinsam waren sie überzeugt, dass ihnen der Mainstream im Pop ziemlich egal sei. Und sie versuchten sich mehr oder minder erfolg­reich im „Elektronik-Pop“, gar eine Filmmusik kam dabei heraus. Vor zwei Jahren stellte Illen­berger sich auf eigene Füße. Album folgt auf Album. Und dabei ist das Neueste noch gar nicht fertig geworden, dass sie eigentlich in Düsseldorf vorstellen wollte. Jetzt steht sie in der Galerie vor zwei Tischen, die mit Computern vollge­packt sind. Hinter ihr läuft die „3D-Animation“ Color in Digital Space von Rita Rohlfing und Christian Rademann.

Foto © O‑Ton

Spricht man in Düsseldorf von elektro­ni­scher Musik, redet man über Kraftwerk. Die Band hat die elektro­nische Musik aus ihrer Nische geführt und ein Massen­pu­blikum gewonnen – um den Preis der vollstän­digen Entmensch­li­chung. Ohne musik­his­to­risch verbindlich sein zu wollen, hebt Illen­berger die elektro­nische Musik auf eine neue Stufe. Schon bei den englisch­spra­chigen Songs Never fear und Cut wird deutlich, dass sie sich in andere Welten begibt. Illen­berger nimmt das Publikum mit dem ersten Drehknopf gefangen. Gemäßigte Bässe, schil­lernde Effekt­schleifen und ihre schier hypno­tische Stimme zeigen, wie man mit elektro­ni­scher Musik hochemo­tional – bis hin zur Dystopie – werden kann. Nach dem zweiten Lied erklärt sie, sich erst neuer­dings mit der Verbindung von Musik und deutscher Sprache zu beschäf­tigen. Da möchte man ihr zurufen: Warum nicht gleich so? Falle, Blase, Heimlich, Herz oder Gehen zeigen, dass sie der deutschen Sprache immer noch neue Geheim­nisse entlocken kann. Allesamt Stücke, die erst auf dem neuen Album, das nun im kommenden Frühjahr erscheinen soll, zu hören sein werden, gehen in die Tiefe zerstörter Bezie­hungen oder unwie­der­bring­licher Lebens­ent­schei­dungen, ohne auch nur ansatz­weise der Banalität anheimzufallen.

Ist es die Ausstrahlung der charis­ma­ti­schen Sängerin, ihre Entrücktheit oder ihre Virtuo­sität bei der Bedienung der Musik-Computer, die das Publikum vom ersten Moment an in ihren Bann ziehen? So genau weiß man das nicht. Wie so oft: Die Mischung macht’s vermutlich. Beim letzten Lied des gut einstün­digen Konzerts jeden­falls entsteht eine Stimmung, wie man sie zuletzt vermutlich bei Trude Herrs Niemals geht man so ganz in Köln erlebt hat. Gehen lautet der Titel. Eine junge Frau packt ihre Koffer, weil sie in eine ungewisse, nicht allzu glücklich aufschei­nende Zukunft aufbrechen wird. Und sie fragt ihren Partner, ob er den Mut hat, sie zu begleiten – ohne eine Antwort zu bekommen. Antworten gibt es dann noch von Bernd Lausberg nach fulmi­nantem Applaus und Zugabe. Pathos ist seine Sache nicht, aber der Dank an sein Publikum und seine Mitar­beiter zum Abschied kommt von Herzen.

Zwei Gespräche bleiben nach dem mehr als eindrucks­vollen Konzert zu führen. Beide kurz. Illen­berger kann man da als eine natür­liche, boden­ständige Frau mit Herz und Humor erleben, die sich wirklich freut, wie gut ihr Konzert angekommen ist. Von ihr werden wir noch viel hören. Lausberg hält mit seinem Ärger über die Entwick­lungen in der Hohen­zol­lern­straße hinter dem Berg, konzen­triert sich auf die Vorfreude über den bevor­ste­henden Umzug nach Wuppertal. Dort wird es vorerst keine Ausstel­lungs­räume mehr geben. Aber den Konzert­be­trieb will er weiter­laufen lassen. Etwa ab März kommenden Jahres sei mit neuen Plänen zu rechnen, ist zu hören. Klar scheint schon jetzt, dass sich der Besucher­kreis seiner Konzerte, mit denen er in den vergan­genen Jahren zu den positiven Seiten des Kultur­be­triebs in Düsseldorf beigetragen hat, verkleinern wird. Zu klein, um Anna Illen­berger mit ihrem neuen Album wieder einzu­laden, wird er nicht, da ist sich der Galerist und Musik­lieb­haber sicher. Und zuver­sichtlich stimmen dürfte ihn auch die Aussicht, dass Musik­salons wie im alten Wien gerade eine Renais­sance zu erleben scheinen.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: