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SIEGFRIED
(Richard Wagner)
Besuch am
20. Oktober 2022
(Premiere am 6. Oktober 2022)
Wie schon im Rheingold und der Walküre, befinden wir uns im dritten Teil des Rings immer noch im E.S.C.H.E. Forschungszentrum. Das steht für Wissenschaftliches Zentrum für menschliche Entwicklung, hat also nichts mit der namengebenden Esche in der Oper zu tun. Und schon gar nichts mit einem vermeintlichen Wald, wie von Richard Wagner vorgesehen. Dafür, dass das von Dmitri Tcherniakov entworfene, komplexe Bühnenbild mit seinen verschiebbaren horizontalen und vertikalen Ebenen eine Summe in Millionenhöhe verschlungen haben soll, es aber soweit als Einheitsbühnenbild für alle vier Opern eingesetzt wird, rechnet es sich dann vielleicht doch.
Chronologisch ist die Handlung ungefähr in der Gegenwart angekommen. Regisseur Tcherniakov macht aus Siegfried einen jungen Mann der heutigen Gesellschaft. Die Kostümbildnerin Elena Zaytseva steckt ihn in einen blauen Jogging-Anzug, Mime im uralten Schlabberlook mit einer Brille, die gerade noch mit Leukoplast zusammengehalten wird, der Wanderer ist ein alter Mann ohne Augenklappe, aber dafür mit viel Makeup-Spezialeffekten, vom Kostüm her kann man ihn für einen Bettler halten, Alberich ist am Rollator, Brünnhilde tritt auf im unspektakulären türkisfarbenen Pulli und schwarzen Leggins. Alles sehr banal, ebenso wie die Beleuchtung von Gleb Filshtinsky, die als Arbeitslicht beschrieben werden kann.
Die Aktion findet, wie auch schon in den vorangegangenen Episoden, in den Fluren des Forschungszentrums statt. Weil diese Flure ja auch vermeintlich zum Publikum hin verglast sind, ist das Publikum auch ein Voyeur – die Besucher sehen hinein in diese Machenschaften. Auch wenn die Verglasung aus akustischen Gründen effektiv nicht vorhanden ist – distanzieren diese Gestelle die Aktion und daher auch die Emotion.
Das Gerippe der Hunding-Wohnung, schon bekannt aus der Walküre, ist hier als Kinderzimmer für Siegfried genutzt. Zwar ist Lego nicht als Sponsor im Programm aufgelistet, aber dafür, dass der Bube hier mit allerhand großen Stücken im unverkennbaren Lego-Look herumhantiert, hätte es ja gut sein können. Auch müssen die Legostücke herhalten, als Siegfried sie anzündet und – presto – ist sein Schwert geschmiedet. Wenig, nein, gar nicht plausibel. Vom Kampf mit einem Drachen ganz zu schweigen. Dafür werden auf Monitoren Texte eingeblendet wie „Phase 2: Versenkung und Meditation“, „Phase 3: Suche nach dem Inneren Helfer“, „Phase 6: Realisierung eines inneren Wunsches“. Übrigens, wenn man das sehr aufwändige Programmbuch aufschlägt, um vielleicht vom Regisseur Einblicke in sein Konzept zu erhalten, sucht man vergebens. Dafür bekommt man seitenweise architektonische und statische Zeichnungen und Pläne des E.S.C.H.E. Zentrums zu sehen. Der Zuschauer fühlt sich – zurecht – bevormundet und für dumm erklärt, dass er diese Deutungen nicht versteht.

Der Waldvogel ist vermutlich eine Medizinisch-Technische Assistentin, die ihre Botschaft verkündet. Brünnhilde erwacht im Schlaflabor – auf einer Krankenhaustrage vom Wanderer in den Raum hineingeschoben – unter einem silbrigen Überwurf, wie ihn Sportler erhalten, um nicht auszukühlen.
Im dritten Akt singt Siegfried den Text von Wagner, aber seine Körpersprache erzählt was anderes. Es ist für ihn ein Spiel, eine Karikatur der Gefühle, von denen er singt. Die große Verbundenheit mit Brünnhilde kommt nicht auf. Beide sitzen zwar auf der gepolsterten Bank des Wartezimmers, haben aber so gut wie keinen Bezug zueinander, sie singen aneinander vorbei. Nur ganz zum Schluss überwältigt Brünnhilde dann Siegfried doch mit einer Umarmung. Ob es ihm recht ist, bekommt der Zuschauer nicht mit.
Gesanglich und musikalisch ist Siegfried allerdings ein Genuss. Es mag altmodisch klingen, aber es ist eine Wohltat, die Sänger zu verstehen. Allen voran Andreas Schager als Siegfried, der seine Rolle mit einer schier unendlichen stimmlichen Reserve angeht – höhensicher, strahlend und doch mit viel Innigkeit. Als Brünnhilde ist Anja Kampe eine ihm ebenbürtige Partnerin, ganz die jugendliche hochdramatische Sopranistin, die die Partie vorschreibt. Mime von Tenor Stephan Rügamer und Alberich von Bariton Johannes Martin Kränzle sind in ihrer darstellerischen Intensität und stimmlichen Überzeugung kaum zu toppen, obwohl die Regie sie zu lächerlichen, gebrechlichen alten Männern macht. Der dritte alte Mann im Bunde ist Michael Volle als Wanderer mit wunderbarer Phrasenschattierung und tiefem Ausdruck, ganz im Gegensatz zu seinem Clochard-haften Aussehen mit ausgeleiertem Kurzmantel, Sandalen und am Stock gehend. Anja Kissjudit als Erda bringt so gar nichts der weisen Urmutter zur Geltung. Stimmlich erfüllt sie die Rolle mit ihrem warmen Mezzo-Timbre, wird aber von der Regie in eine sehr passive Schablone gesteckt, die weder der Rolle noch der Darstellerin gut steht.
Als Kontrast steht die Koloratursopranistin Victoria Randem als Waldvogel, die ihre Rolle musikalisch ganz bezaubernd und mit guter Diktion erfüllt. Dramatisch wird ihr von der Regie aufgetragen, dass sie als MTA ein Vogelspielzeug vorführt.
Auch im Siegfried bleibt Thomas Guggeis im Graben in seiner musikalischen Auffassung eher bei den forschen Tempi. Seine Klangwelt besticht durch die Transparenz der Leitmotive, die wunderbar von der Staatskapelle ausgeführt werden.
Wie schon bei den vorangegangenen Abenden gibt es auch hier am Ende großer Jubel für das gesamte sängerische und orchestrale Ensemble.
Zenaida des Aubris