O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Trost der Lebenden

EIN DEUTSCHES REQUIEM
(Johannes Brahms)

Besuch am
30. Oktober 2022
(Einmalige Aufführung)

 

Matthäi­kirche, Düsseldorf

Man muss kein großer Kenner der Materie sein, um festzu­stellen, dass aller­orten die Qualität von Programm­heften oder wenigstens noch Abend­zetteln zurückgeht, wenn nicht der Einfachheit halber gleich darauf verzichtet wird. Drama­turgen und andere Autoren solcher Dokumente sind ja inzwi­schen so damit beschäftigt, ihre Geschlech­ter­ideo­logie unters Volk zu bringen, dass sie keine Zeit mehr für Inhalte haben. Auch der Kantor der Matthäi­kirche, Karlfried Haas, hat in seinem Vorwort nichts Besseres zu tun, als die Regeln der deutschen Sprache zu missachten. Dazu korre­liert, dass die Aufführung gleich mal um einen Monat vorda­tiert wird. Wer bestehende Regeln ignoriert, hat auch keine Zeit, sich um so was wie korrekte Inhalte zu kümmern. Was ihn dann von anderen Verfassern unter­scheidet, ist, dass er sich im Rest seines Programm­heft­chens wieder auf das Eigent­liche besinnt und den Besuchern inter­es­sante Infor­ma­tionen bietet. Mit einfachen Mitteln bereitet er das Programm auf, gibt einen sehr lesens­werten Einblick in die Quellenlage und vergisst weder die Anmer­kungen zu den Akteuren noch den Text des Werkes auf wenigen Seiten wieder­zu­geben. Da fühlt man sich in kürzester Zeit gut infor­miert über den bevor­ste­henden Abend.

Rolf A. Scheider – Foto © O‑Ton

Zu dem finden überra­schend viele Menschen zusammen. So viel Publikum hat man lange nicht mehr auf einen Haufen gesehen. Rund 1000 Plätze bietet die evange­lische Matthäi­kirche an der Linde­mann­straße in Düsseldorf nach eigenen Angaben für ein Konzert, und wenn hier 100 Plätze leerbleiben, ist das viel. Es ist müßig, darüber zu speku­lieren, woran eine solch unerwartete Kumulation liegt. Ist es der Ruf der Kantorei, das bekannte Werk oder womöglich der Umstand, dass viele Menschen einen Brückentag vor sich haben? Es ist in erster Linie egal, und in zweiter Linie ist es erfreulich. Man möchte nicht hoffen, dass es an der Masken­pflicht liegt, die die Kirche für diesen Abend ausge­rufen hat. Aber immerhin hat die Kirche damit ein hochdis­zi­pli­niertes Publikum erreicht. Um 18 Uhr – Orchester und Chor haben sich versammelt – tritt absolute Ruhe ein. Der Kantor beweist einen gewissen Hang zur Dramatik, wenn er sein Publikum zwei Minuten warten lässt. Und so beginnt er auch sein Dirigat. Kontem­plation ist das Zauberwort, die innere Sammlung, bevor der Trost der Lebenden beginnt.

Zwischen 1865 und 1868 kompo­nierte Johannes Brahms Ein deutsches Requiem, das am 18. Februar 1869 im Leipziger Gewandhaus durch den Gewand­hauschor seine erste vollständige Urauf­führung erlebte, nachdem es in den Vorjahren bereits mindestens drei Teilauf­füh­rungen gab. Für den Kompo­nisten bedeutete das Werk den Durch­bruch, bis heute gilt es als sein wichtigstes Stück. Brahms revolu­tio­nierte, was es bislang an Requien und Oratorien gab. Nicht länger standen Leid und Klage über die Toten, die Erlösung der Toten und Jesus als der Erlöser im Mittel­punkt. Vielmehr ging es dem protes­tan­ti­schen Kompo­nisten um die Lebenden. In letztlich sieben Sätzen stellte er Bibel­texte zusammen, die den Lebenden, den Überle­benden Trost und Hoffnung spenden sollten, ohne auch nur ein Quäntchen an Größe in der Musik vermissen zu lassen. „Ich musste immer, wie ich Johannes so da stehen sah mit dem Stab in der Hand, an meines teuren Roberts Prophe­zeiung denken, laßt den nur mal erst den Zauberstab ergreifen und mit dem Orchester und Chor wirken – welches sich heute erfüllte. Der Stab wurde wirklich zum Zauberstab und bezwang Alle, sogar seine entschei­dendsten Feinde. Das war eine Wonne für mich, so beglückt fühlte ich mich lange nicht“, schrieb Clara Schumann in ihr Tagebuch.

Katharina Leyhe – Foto © O‑Ton

Einen ähnlichen Effekt zu erreichen, versucht Haas am Pult, wenn er die Kantorei an Matthäi und das Sympho­nie­or­chester an Matthäi zu immer neuen Glanz­taten antreibt. Es kann ihm nicht gelingen, durch die rosarote Brille der Verliebten auf das Stück zu schauen, aber das mit dem Zauberstab, da kommt er schon ziemlich nah ran. Dabei setzt er nicht auf die Stimm­macht der 40 Frauen und 22 Männer im Chor, sondern auf die Ausge­wo­genheit zwischen Chor und Orchester, auf Nuancen und eine feingliedrige Gestaltung. Nur wenige Male und an den richtigen Stellen lässt Haas dem Chor den kompletten Auslauf, um die wahre Größe des Abends zu unter­streichen. Zur Seite steht ihm Bass-Bariton Rolf A. Scheider, der wie ein Phönix aus der Asche steigt. Die Stimme wirkt ausgeruht, kraftvoll und rund, ja, balsa­misch. Mit größt­mög­licher Souve­rä­nität lässt er sich auf seinen Teil ein und zeigt die ganze Bedeutung des solis­ti­schen Auftritts. Auch Sopra­nistin Katharina Leyhe findet den nötigen Klang, um den Abend zu einem großen Ereignis werden zu lassen.

Man bedarf des Trostes nicht, um eine rundherum hervor­ra­gende Darbietung in der ausge­zeich­neten Akustik der Matthäi­kirche zu genießen. Und so erhebt sich das Publikum nach mehr als einer Stunde von den Bänken, um die Leistungen aller Akteure ausgiebig zu feiern.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: