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Die Seele ein Wahn

UNDINE
(Albert Lortzing)

Besuch am
29. Oktober 2022
(Premiere)

 

Oper Leipzig

Es war einmal. So fangen Märchen an. In ähnlicher Weise beginnen heute Geschichten, die in Erinnerung rufen, was noch vor wenigen Jahren in der westlichen Welt als normal angesehen wurde: Eine Zukunft, wenn auch nicht strahlend, jedoch ein lichter Hoffnungs­schimmer von Wohlstand und Freiheit. Es ist anders gekommen. Dunkle Wolken sind aufgezogen.

Das Heils­ver­sprechen einer globa­li­sierten, fried­lichen Weltge­mein­schaft? Spätestens seit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine: passé. Die Grenzen des Wachstums – weithin negiert. Alles zurück auf Anfang …

Es war einmal. Albert Lortzing erfährt in der ersten Hälfte des 19.Jahrhhunderts, dass beruf­liche Zukunfts­ver­sprechen nicht zuver­lässig und selbst­ver­ständlich sein müssen. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Opern­kom­ponist verliert er unmit­telbar nach der Premiere von Undine 1845 am Stadt­theater Magdeburg seine Kapell­meister-Position nach zwölf Jahren in Leipzig. Eine prekäre Erfahrung, die nicht wenige Menschen heute mit ihm teilen.

Foto © Kirsten Nijhof

Es liegt von daher durchaus nahe, Lortzings Oper aus ihrem Tiefschlaf zu wecken. Die Undine-Mytho­logie tut ihr Übriges. Von heftigem Unwetter in einem dunklen Wald überrascht, findet der Ritter Hugo mit seinem Knappen Veit Zuflucht in einer Fischer­hütte. Katastro­phische Szenarien – sintflut­artige Überschwem­mungen sowie Hitze- und Dürre­pe­rioden weltweit, Hochwas­ser­not­stand im Ahrtal gleich um die Ecke – sind inzwi­schen Teil einer unmit­telbar spürbaren Wirklichkeit.

Lortzings Undine zu reani­mieren, sie auf den Spielplan zu setzen, besitzt deshalb auf den ersten Blick durchaus einen Reiz. Hat jedoch, wie die Insze­nierung von Tilmann Köhler an der Oper Leipzig zeigt, auch ihre Tücken. Die Verführung, zeitge­nös­si­schen Assozia­tionen unbedingt zu folgen, kann lauernde Fallstricke und auch eine gewisse Fallhöhe aus dem perspek­ti­vi­schen Blick verlieren. Unwei­gerlich schieben sich Zweifel in den Vorder­grund: Finden sich heute noch irgendwo rettende Fischer­hütten? Wenn ja, für wen? Für alle wohl kaum.

Lortzing verbindet sein selbst verfasstes Libretto – eine inkon­sis­tente Textvorlage wie die vieler anderer – zu einer Spieloper mit gespro­chenen Dialogen und Gesang. Die Leipziger Premie­ren­auf­führung beant­wortet relativ eindeutig, warum Undine kaum noch gespielt wird. Lortzings künst­le­ri­scher Anspruch, Sprechen und Singen komplex als eine neuartige Opernform zu entwi­ckeln, geht nicht wirklich auf. Wenig geschmeidige, mitunter geradezu hölzern formu­lierte Textfrag­mente verhindern, aufs Ganze gesehen, ein narra­tives und musika­li­sches (Zusammen-)Fließen.

Diese Bruch­stellen kann in Köhlers Insze­nierung der von Thomas Eitler-de Lint gut einge­stellte, in den Stimm­gruppen flexibel tönende Chor der Oper Leipzig teilweise abmindern. Die Sprech­kultur der Solisten lässt dagegen oft zu wünschen übrig. Ein Lehrbei­spiel dafür, dass ein schau­spie­lernder Sänger, der es versteht, ausdrucksvoll zu artiku­lieren, nicht der Regelfall ist.

Olga Jelinková leiht der Undine einen nicht durch­gängig verlässlich stabilen Sopran in den Zwischen­lagen. In den Dialogen verhuscht ihre Artiku­lation. Im Unter­schied zu ihr überzeichnet Dan Karlström den Veit mit lärmender Lauterkeit. Nonchalant in den Textpas­sagen, überzeichnet im Gesang. Matthias Stier sattelt den Ritter Hugo mit kräftiger Hand. Dass er sich bei der einen oder anderen Stimmhöhe versteigt, kann passieren. Sich mit sprachlich mokanter Ironie ins sichere Überzeu­gungs­ge­filde zu retten, kann nur teilweise überzeugen. Dem Bass Peter Dolinšeks fällt es da wesentlich leichter, mit dem Trinklied-Gestus Füllt die Pokale beide Darstel­lungs­ebenen mitein­ander zu verbinden.

Macher und Haupt­figur in Lortzings Spieloper ist nicht nur per se drama­tur­gisch Kühleborn, Undines Vater und Strip­pen­zieher aus der Wasser­un­terwelt. Mathias Hausmanns Bariton charak­te­ri­siert ihn mit ganzheit­licher Überzeugung – die nachhal­tigste Gestaltung dieser Aufführung in der Figur eines Manipu­lators, der Undines Schicksal seinem Willen unter­wirft. Sind die seelen­vollen Menschen bessere Wesen als die seelen­losen der Wasser­geister? Im roman­tisch panthe­is­ti­schen Geist von Friedrich de la Motte-Fouqué bleibt offen, ob es eine solche Seele überhaupt gibt. Ist sie nur ein Wahn?

Köhler insze­niert ein Staunen darüber, was aus den Menschen nicht alles werden kann. Zwiespältig schwankend zwischen dem Märchen­haften und einer nachvoll­zieh­baren Wirklichkeit, kostü­miert Susanne Uhl in einer Mischung aus Ritter­schwank und vertrautem Alltags-Look: Poesie des Alltäg­lichen. Die ins Komische überdrehten szenisch prägnanten Tiroler Jagdfeder-Hüte des Chores sind passgenaue Refle­xi­ons­ebenen. Das märchenhaft Groteske, gespiegelt in der Bühne von Karoly Risz, imagi­niert mit aufwän­diger Technik in  Form von optisch imponie­renden Bühnen­wellen Raum, um Lortzings philo­so­phisch inten­dierte Geschichte von Macht und Anpassung doppel­bödig zu erzählen.

Wo der Meineid nimmer wohnt, wo nur ew’ger Friede thront! Ein betörender Schwa­nen­gesang, der von Kühleborn ungehört verklingt. Eine Hoffnung, die nicht nur Undines Traum von einem seelen­vollen, von Liebe zu Hugo bestimmten, auf Dauer mit ihm geteilten Leben zunich­te­macht. Hugo muss sterben. Undine kehrt unerlöst zurück zu den ihren. Bertalda, Olena Takars Sopran bleibt im Findungs­modus, Kühle­borns vorge­täuschte Prinzessin als Manipu­la­ti­ons­opfer, bleibt ihrem Schicksal im Nirgendwo überlassen. Alle sind seelenlose Verlierer.

Am Ende viel Beifall für die Solisten, den Chor und das von Christoph Gedschold mit geschmei­digem Gestus durch die Höhen und Tiefen geleitete Gewand­haus­or­chester Leipzig. Große Teile des Premie­ren­pu­blikums haben Lortzings Spieloper in der Oper Leipzig als Applausoper gefeiert. Köhlers Regieteam wird davon ausge­nommen. Mit deutlichen, nicht zu überhö­renden Buhrufen wird es in die Premie­ren­feier entlassen.

Peter E. Rytz

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